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Machtlos gegen sexuelle Gewalt? Wenn Frau sich „nicht genügend wehrt“ …

Die Fakten sprechen eine deutliche Sprache: Jede siebte Frau ist in Deutschland von sexueller Gewalt betroffen, aber nur fünf Prozent der Sexualstraftaten werden angezeigt. Von 100 angezeigten Vergewaltigungen enden im Schnitt nur acht mit einer Verurteilung. Doch warum ist das so?

Stand: 21.01.2016

Frau hinter Milchglasscheibe - Symbolbild zum Welttag gegen Gewalt gegen Frauen | Bild: colourbox.com

Es ist eine Tat, die die Opfer nicht nur körperlich verletzt, sondern psychisch bricht. Noch dazu, weil es in den allermeisten Fällen eben nicht der Unbekannte ist, der aus dem dunklen Gebüsch hüpft, sondern ein Familienmitglied, das Frauen sexuelle Gewalt antut. Am häufigsten der eigene Partner.

Zahlen und Fakten

Jede siebte Frau in Deutschland wird Opfer sexueller Gewalt.

80 % der Betroffenen kennen die Täter.

Die Hälfte der Opfer erlebte sexuelle Gewalt durch den (Ex-)Partner.

70 % der Übergriffe passieren in den eigenen vier Wänden.

Nur 20 % der Übergriffe finden in öffentlichen Räumen wie Parks, Tiefgaragen usw. statt.

Fast die Hälfte der betroffenen Frauen reden mit niemandem über die Tat, erst recht nicht, wenn der Täter der (Ex-)Partner ist.

8.000 Vergewaltigungen werden jährlich in Deutschland angezeigt.

Seit 1997 ist aufgrund einer Gesetzesänderung auch die Vergewaltigung in der Ehe strafbar.

Weniger als 5 % der Taten werden tatsächlich angezeigt, d. h. aus 8.000 Anzeigen werden 160.000 tatsächliche Taten pro Jahr.

Die Verurteilungsquote lag in den Jahren 2001-2006 bei 13 % - Tendenz sinkend: Nur in 8,4 % der angezeigten Sexualdelikte kam es 2013 zu einer Verurteilung des Täters.

Die Hauptgründe für eingestellte Verfahren: Verdächtiger nicht identifiziert, Mangel an Beweisen, Aussage gegen Aussage, Betroffene wirkt nicht mit.

Nur 3 % der angezeigten Taten sind Falschanschuldigungen. (Quelle: Terre des Femmes)

99 % der Gewalttaten werden durch Männer verübt.

Es gibt derzeit 40 Frauenhäuser in Bayern.

Die Frauen im Frauenhaus sind aus allen Altersstufen und quer durch alle Gesellschaftsschichten. Sie bleiben im Durchschnitt 84 Tage.

Jede vierte Frau, die in einem Frauenhaus Zuflucht gefunden hatte, geht später zum „Täter“ zurück.

Nach der Tat befinden sich die Opfer sexueller Gewalt häufig in einer richtigen Starre. Sie schämen sich, sind entsetzt, haben fürchterliche Angst und trauen sich so nicht einmal in der Familie oder dem Freundeskreis über die Tat zu berichten. Schließlich plagen nicht wenige auch Zweifel: Waren sie etwa selbst schuld? Wird man ihnen überhaupt glauben? Oder war es doch nur ein „einmaliger Ausrutscher“ des ehemals geliebten Partners? Oft wurden die Frauen allerdings schon über Wochen, Monate, Jahre vorab in der Beziehung „mürbe gemacht“, wurden bevormundet und bedroht. Nicht selten werden Kinder als Druckmittel benutzt, die Opfer damit mundtot gemacht.

"Ich kann nur jeder Frau raten: Wenn sie Angst vor ihrem Partner bekommt: gehen! Beim ersten Anzeichen von Angst! Auch Angst, die man nicht begründen kann: gehen! Sie ist niemandem Rechenschaft schuldig! Weder Verwandten, Bekannten, Freunden, Nachbarn. Nur sich selber. […] Es ist schwer, aber es geht! Und ich kann nur allen Frauen sagen: es geht dir hinterher besser als jemals zuvor!"

„Sabine“, Vergewaltigungsopfer

Die deutsche Rechtsprechung

Sind das also die Gründe, warum viele Frauen die Täter nicht anzeigen? Sicherlich. Doch auch die deutsche Rechtsprechung hat ihren Anteil an der Tatsache, dass so wenige Taten zur Anzeige gebracht werden. Vor Gericht sind die Opfer in den meisten Fällen nicht erfolgreich. Denn eine Frage gilt es immer zu klären: War es tatsächlich eine sexuelle Nötigung?

§ 177 Sexuelle Nötigung; Vergewaltigung

(1) Wer eine andere Person
1. mit Gewalt,
2. durch Drohung mit gegenwärtiger Gefahr für Leib oder Leben oder
3. unter Ausnutzung einer Lage, in der das Opfer der Einwirkung des Täters schutzlos ausgeliefert ist, nötigt, sexuelle Handlungen des Täters oder eines Dritten an sich zu dulden oder an dem Täter oder einem Dritten vorzunehmen, wird mit Freiheitsstrafe nicht unter einem Jahr bestraft.

(2) In besonders schweren Fällen ist die Strafe Freiheitsstrafe nicht unter zwei Jahren. Ein besonders schwerer Fall liegt in der Regel vor, wenn
1. der Täter mit dem Opfer den Beischlaf vollzieht oder ähnliche sexuelle Handlungen an dem Opfer vornimmt oder an sich von ihm vornehmen lässt, die dieses besonders erniedrigen, insbesondere, wenn sie mit einem Eindringen in den Körper verbunden sind (Vergewaltigung), oder
2. die Tat von mehreren gemeinschaftlich begangen wird.

(3) Auf Freiheitsstrafe nicht unter drei Jahren ist zu erkennen, wenn der Täter
1. eine Waffe oder ein anderes gefährliches Werkzeug bei sich führt,
2. sonst ein Werkzeug oder Mittel bei sich führt, um den Widerstand einer anderen Person durch Gewalt oder Drohung mit Gewalt zu verhindern oder zu überwinden, oder
3. das Opfer durch die Tat in die Gefahr einer schweren Gesundheitsschädigung bringt.

(4) Auf Freiheitsstrafe nicht unter fünf Jahren ist zu erkennen, wenn der Täter
1. bei der Tat eine Waffe oder ein anderes gefährliches Werkzeug verwendet oder
2. das Opfer
a) bei der Tat körperlich schwer misshandelt oder
b) durch die Tat in die Gefahr des Todes bringt.

(5) In minder schweren Fällen des Absatzes 1 ist auf Freiheitsstrafe von sechs Monaten bis zu fünf Jahren, in minder schweren Fällen der Absätze 3 und 4 auf Freiheitsstrafe von einem Jahr bis zu zehn Jahren zu erkennen.

Die „richtige Abwehr“

Doch wann ist denn nun eine sexuelle Nötigung eine sexuelle Nötigung? Wann eine Vergewaltigung eine Vergewaltigung? Hatte man zunächst einvernehmlich Zärtlichkeiten ausgetauscht oder ging gar die Initiative vom späteren Opfer aus, dann wird es schon schwierig vor Gericht. Wie sah die Abwehr des Opfers aus? War sie verbal oder körperlich? Einfach nur „Nein“ sagen, das reicht bei heutiger Gesetzeslage nicht. War das Opfer schutzlos? Hätte es um Hilfe rufen oder fliehen können? Was ist mit den Opfern, die ihre Kinder im Nachbarzimmer schützen wollten und deswegen die Vergewaltigung über sich ergehen ließen? Eine Vergewaltigung, gegen die sich das Opfer aus Angst oder aus Schock nicht wehren kann, zählt erst gar nicht als solche und kann nicht geahndet werden.

"Der Gesetzgeber geht davon aus, dass es immer ein Fremder ist, der einen im Wald überfällt. Aber das ist ja meistens nicht so. Insbesondere bei der häuslichen Gewalt. Da würde ich mir von Seiten des Opfers wünschen, dass das in irgendeiner Form reformiert wird."

 Derya Basal, Rechtsanwältin  und Fachanwältin für Familien- und Strafrecht

Häufig Aussage gegen Aussage

Wie agierte der Täter? War er brutal oder einfach nur fordernd genug? Hat er dem Opfer massiv gedroht? Und was sind überhaupt „sexuelle Handlungen“?  Reicht ein Anfassen der bekleideten Brust? Oder massive verbale Belästigung? Sehr häufig steht am Ende Aussage gegen Aussage. Das Verfahren wird meist zum Indizienprozess. Doch was, wenn beispielsweise körperliche Indizien bei der Anzeige längst verschwunden sind? Was, wenn der Täter schweigt? Das Opfer muss sich rechtfertigen, was nicht selten zu einer erneuten Traumatisierung führt.

Eine Reform?

Das geltende Recht weist „Schutzlücken“ auf, so lautet ein immer lauter werdender Vorwurf - und das nicht „nur“ von Seiten der Frauengruppen. So reicht eben auch ein eindeutiges „Nein“ der Frau zu sexuellen Handlungen bislang nicht für eine Verurteilung wegen Vergewaltigung. Nach Paragraf 177 des Strafgesetzbuches handelt es sich juristisch erst dann um eine Vergewaltigung, wenn der Täter Gewalt angewendet, dem Opfer massiv gedroht oder dessen schutzlose Lage ausgenutzt hat. Setzt sich das Opfer aus Angst etwa vor sozialen Konsequenzen nicht zur Wehr, droht dem Täter - wenn überhaupt - eine Verurteilung wegen Nötigung, und damit eine deutlich geringere Strafe. Ganz aktuell wird über eine Reform des Gesetzes diskutiert. Hintergrund für die Debatte ist die sogenannte Istanbul-Konvention des Europarats. Dieses auch von Deutschland abgezeichnete Dokument besagt, dass alle nicht einvernehmlichen sexuellen Handlungen strafrechtlich verfolgt werden müssen.

Falschanschuldigungen?

Kritiker warnen allerdings vor einer Zunahme von Falschanschuldigungen im Falle einer Reform des Paragrafen. Doch ist diese Sorge berechtigt? Eine Studie, auf die sich Terre des Femmes beruft, hat ergeben: Falsche Beschuldigungen sind bisher nur marginal, der Anteil liegt bei nur drei Prozent.


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