BR Fernsehen - Herbst in Schwaben

Herbst in Schwaben

Kultur, Lebensgefühl und Natur Herbst in Schwaben

Stand: 07.08.2017

„Ein weites Feld“ hieß der Schlüsselroman zur deutschen Wiedervereinigung. „Weites Land“ müsste wohl, sollte er jemals geschrieben werden, der ultimative Roman über Bayerisch-Schwaben heißen. Oder noch besser: „Weites Land, begrenzt von Bergen“, denn im Süden, im Allgäu, geht es ja doch noch mal gehörig hoch. Im übrigen Bayerisch-Schwaben stellt sich dagegen kaum ein Hindernis in den Blick des Betrachters. Flach geht es dahin, von Horizont zu Horizont, der Herbstsonne (oder auch dem Nebel) entgegen.

Die „Krumbacher Francaise“

Einen Hauch von Frankreich hat auch eine der Geschichten, die wir im 45-minütigen Film erzählen. Die „Krumbacher Francaise“ wird getanzt. Von Jugendlichen. Hier und heute, im Landauer Haus in Krumbach. Was insofern schon bemerkenswert ist, weil der Tanz am Verschwinden war. Noch rechtzeitig, bevor die letzten alten Krumbacher ihr Wissen darüber ins Grab mitgenommen hätten, hat sich die „Forschungs- und Beratungsstelle für Volksmusik in Schwaben“ in Krumbach den Tanz erklären lassen. Heute wird die „Krumbacher Francaise“ wieder getanzt. Verdienst von drei Mitarbeitern der Forschungsstelle: Dagmar Held gibt die Tanzkommandos, Hanjörg Gehring spielt dazu auf dem Akkordeon und Christoph Lambertz achtet auf den richtigen Ablauf der Tanzschritte.

Der „Drescherverein Emersacker“

Nicht gar so weit nordöstlich von Krumbach machen sich  in dem kleinen Ort Emersacker (Landkreis Augsburg) seit einigen Jahren die Frauen und Männer des „Dreschervereins Emersacker“ um das kulturelle Gedächtnis Bayerisch-Schwabens verdient. Zusammen mit der „Dreschflegelgruppe“ aus dem benachbarten Bocksberg trennt man auch heute noch die Spreu vom Weizenkorn wie in früheren Zeiten. Sei es mit dem Dreschflegel, sei es mit der Maschine. Und wie man aus dem am Ende gewonnenen Mehl gut schmeckendes Holzofenbrot bäckt, erfahren wir nur ein paar Kilometer weiter, in Heretsried.

Wieder ein paar Kilometer weiter finden wir im Augsburger Stadtteil Göggingen im Laden „American Heritage“ ebenfalls Körner. Wenn auch keine Weizenkörner, so Maiskörner. Zum Popcornmachen. Aus dem US-Bundesstaat Wisconsin. Wie alle der Produkte des im Jahr 2005 in Augsburg eröffneten Ladens stammen sie direkt aus den USA. Die Inhaber Sabine Ryan und ihr Mann Patrick kennen die meisten Hersteller, oft kleine Firmen und Handwerksbetriebe in den USA, persönlich. Die Geschäftsidee kam an bei den Kunden, inzwischen gibt es „American Heritage“ auch in Düsseldorf und in München.

Liebhabergeschäfte in Augsburg

Was es aber ganz sicher sonst nirgendwo in Bayern gibt, ist eine so hohe Dichte an Liebhabergeschäften wie in Augsburg. Neben „American Heritage“ stellen wir auch das „Puppenhäusle am Milchberg“ vor. Dort findet man kleines und kleinstes Puppenspielzeug. Auf Bestellung kann man sich auch ganze Puppenhäuser basteln lassen und zum Augsburger Weihnachtsmarkt bastelt Inhaberin Silke Gröner, die den Laden zusammen mit ihrer Mutter Monika seit nunmehr 15 Jahren betreibt, Miniatur-Adventsgestecke. Auch Puppen feiern Advent.

Und dann stellen wir noch eines dieser kleinen feinen Augsburger Fachgeschäfte vor: die Papiermanufaktur Wengenmayr. Klaus Wengenmayr ist einer der letzten gelernten Papierschöpfer weltweit. Im Film zeigt er die Kunst des Papierschöpfens und erklärt auch, warum für sein Handwerk Originalwasser aus dem Lech geeignet ist, besser als jedes andere Wasser.

Herbst-Stimmungen

Apropos Wasser. Das gab es während der Dreharbeiten zum Film reichlich, oft zu reichlich fast. So haben wir aus der Not eine Tugend gemacht und zeigen im Film auch verträumte Regenstimmungen aus dem Unterallgäu. Es ist halt nicht immer „Indian Summer“.

Manchmal hatten wir dann doch Glück, und so können wir im Film Christina Trost in traumhafter gelb-roter Kulisse in Bad Wörishofen zeigen. Die 22-Jährige ist in Schlingen, einem Ortsteil von Bad Wörishofen, aufgewachsen. Bei der Stadt Bad Wörishofen hat sie eine Ausbildung zur Kauffrau für Tourismus und Freizeit abgeschlossen. Mittlerweile studiert sie an der Fachhochschule Kempten. Und: Sie ist die amtierende Miss Bayern.

Die Kirche St. Peter und Paul

Wäre sie jemals auf Napoleon getroffen, so hätte dieser angesichts ihrer Schönheit möglicherweise „Mon Dieu!“ gerufen. "C´est vraiment le salon du Bon Dieu!", hat Napoleon im Jahr 1805 geäußert, um seiner Bewunderung für den ganz in Weiß und Gold gehaltenen Innenraum der Kirche St. Peter und Paul in Oberelchingen Ausdruck zu geben. Diesen prachtvollen „Salon Gottes“ stellen wir Ihnen im Film vor.

Mit Spenden den Ort verschönern

Weniger prachtvoll als vielmehr praktisch sind die 15 Sitzbänke, die seit einem Jahr etwa in dem 1300-Einwohner-Ort Niederrieden nahe Memmingen aufgestellt sind. Das Ganze ging so los, dass eine ältere Frau beim Spazierengehen durch den Ort auch mal rasten wollte. Bänke fehlten damals und so ging die Frau zum Bürgermeister und sagte, sie würde schon einen Hunderter spenden, wenn am Ende Bänke aufgestellt würden. Das Ganze weitete sich zu einer erfolgreichen Spendenaktion aus, an der sich auch andere Bürger der Gemeinde beteiligten. Weil die Aktion so erfolgreich war und zugleich den Zusammenhalt im Ort noch verstärkte, setzte man die Spendenaktionen fort. In diesem Jahr pflanzt man von dem Geld 20.000 Blumenzwiebel zur Ortsverschönerung, nächstes Jahr soll eine Kneippanlage finanziert werden und auch ein Spielplatz fehlt noch in Niederrieden. Ein Beispiel für Demokratie, wie man sie sich vorstellt.

Der ehemalige Flughafen Öttingen

Keine rechte Vorstellung mehr hätte man eigentlich von dem ehemaligen Flughafen Öttingen. Im Zweiten Weltkrieg war er in vollem Betrieb, heute weist nur noch ein 1000 Meter langer Grünstreifen auf die ehemalige Start- und Landebahn hin. Obwohl, bei genauerem Suchen entdeckt man im Gelände außerhalb des Ortes Heuberg auch ehemalige Munitionsbunker und andere Spuren der Vergangenheit. Das Gedenken an damals hält der Soldatenverein Oettingen aufrecht.

Kulinarische Spezialitäten

Von Oettingen nach Wertingen. Früher selbst Kreisstadt, heute einer der größten Orte im Landkreis Dillingen an der Donau. Markus Egger und Sabine Simon betreiben dort mit ihren Kindern Emma und Moritz das Restaurant „Gänsweid“. Für unsere Zuschauerinnen und Zuschauer kocht Markus Egger Kürbismaultaschen mit einheimischen Schwammerln und Rahmspinat als Beilagen. Guten Appetit!

Jugendblasorchester Marktoberdorf

Auch ein Genuss, wenn auch kein kulinarischer, so ein musikalischer, sind die Konzerte des Jugendblasorchesters Marktoberdorf. Es ist eine der besten Musikkapellen in Bayerisch-Schwaben. Was durchaus von Bedeutung ist, bedenkt man, dass zum Allgäu-Schwäbischen Musikbund rund 800 Musikgruppen gehören. Von Blaskapellen über Alphorngruppen bis zu zwei Schalmeien-Corps. Dirigent Thomas Wieser vom Jugendblasorchester Marktoberdorf hat Musik studiert und man hat schon bei einigen Meisterschaften etwas gewonnen, inklusive einem der vorderen Plätze bei den Weltmeisterschaften. „Kein schöner Land“ ist eines der Lieder, das das Jugendblasorchester intoniert.

Dass speziell das Allgäu ein schönes Land ist, das sieht auch Manfred Küchle so. Schließlich stammt er aus Immenstadt. Dass es aber auch erlaubt sein muss, einem schönen Landstrich und seinen Menschen mit Augenzwinkern zu begegnen, diese Freiheit nimmt sich Küchle. Muss er auch, denn er ist Karikaturist und insofern geradezu beruflich verpflichtet zu ironischer Distanz. „Dr´ Balthes“ heißt die Figur, die seit zwanzig Jahren schon für die Regionalzeitung Vorkommnisse im Allgäu und manchmal auch in der weiten Welt drumherum kommentiert. „Dr´ Balthes“ ist ein einfacher Kerl, irgendwie mit dem Herz auf dem rechten Fleck. Was aber noch lange nicht den Schluss erlaubt, er wäre pflegeleicht und würde zu allem Ja und Amen sagen. Ganz im Gegenteil. Im Film zeigen wir Manfred Küchle, seine Karikaturen und auch seine Frau Gertraud Küchle-Braun, die selbst Künstlerin ist. Und wir erzählen, wie der Allgäuer so ist. Wortkarg jedenfalls, und sonst?

Bayerisch-Schwaben, Kenner wissen es ohnehin, das ist beileibe nicht nur das Allgäu. Da sind auch noch Mittelschwaben inklusive westliche Wälder, das Donauried, das Ries und der Landkreis Aichach-Friedberg, um nur einige wichtige Gegenden zu nennen. Doch egal wo in Bayerisch-Schwaben man sich gerade aufhält, geprägt wurde die ganze Gegend vor allem durch ihre stolzen, historisch-gewachsenen Städte. Städte, die über Jahrhunderte keinem König oder Landesherrn allzu sehr dienen mussten, teils weltweit Handel trieben.

Die Geschichte Memmingens

Eine dieser stolzen Städten ist Memmingen. Im Film zeigen wir ein Kurzporträt der Stadt. Die Memminger Handelsgesellschaft Vöhlin-Welser etwa hatte einen entscheidenden Anteil an der frühen Entwicklung des südamerikanischen Staates Venezuela. Ein anderer Eckpfeiler in der Geschichte Memmingens ist die Verabschiedung der sogenannten „Zwölf Bauernartikel“ Anfang des 16. Jahrhunderts. Eine der ersten Niederschriften von Menschen- und Freiheitsrechten in Europa. Zu den frühen Künstlerfamilien Memmingens gehörte die Familie Strigel. So entwickelte etwa der Maler Bernhard Strigel im 15./ 16. Jahrhundert die Porträtmalerei weiter. Heute sind seine Gemälde noch in Memmingen zu sehen, ebenso wie die des von hier stammenden Barockmalers Johann Heiss. Seinen Zyklus „Vier Jahreszeiten“, natürlich mit Schwerpunkt auf den Herbst, zeigen wir im Film. Doch es gibt noch viel mehr an Kultur in Memmingen: das Landestheater Schwaben etwa, den schönen Marktplatz mit Rathaus und Steuerhaus, den idyllischen Stadtbach und anderes.

Die Erfolgsgeschichte von "Rapunzel"

Eine echte bayerisch-schwäbische Erfolgsgeschichte ist die Firma „Rapunzel“. Man nehme einen Mann von einem Bauernhof aus der Nähe von Augsburg und seine Lebensgefährtin aus Belgien. Beide verfolgen eine Idee: Bio-Lebensmittel herstellen. Was heute vielleicht angesichts der Fülle an Bio-Aufdrucken im Supermarkt ein Achselzucken auslösen würde, war damals, Mitte der 1970er Jahre, als „Rapunzel“ entstand, eine durchaus revolutionäre Idee. Der Mann, das ist „Josef“, wie ihn seine Mitarbeiter gerne nennen, Josef Wilhelm. Zusammen mit der oben erwähnten Frau, Jennifer Vermeulen, hat Wilhelm „Rapunzel“ in die Welt gesetzt, heute noch ist er Geschäftsführer. Mittlerweile eines Unternehmens mit mehreren hundert Beschäftigten. Und Sitz in Legau (Landkreis Unterallgäu), nahe der Grenze zu Baden-Württemberg.

Geschichten aus Bayerisch-Schwaben

Zum Schluss noch zwei kulturgeschichtliche Themen aus Bayerisch-Schwaben. Wir stellen die heute noch existierenden Schwaigen in den Donauauen vor. Das sind Einödhöfe, auf denen oft seit Generationen Landwirtschaft betrieben wird. In einer Gegend, die nach der Lüneburger Heide die zweitgrößte Freifläche in Deutschland ist. Und wir zeigen zwei der hervorragend restaurierten ehemaligen Synagogen in Bayerisch-Schwaben: die in Binswangen und die in Ichenhausen. Hierzu muss man wissen, dass es in Bayerisch-Schwaben bis zur Vertreibung und Vernichtung durch die Nationalsozialisten eine große Zahl an jüdischen Landgemeinden gab – von Hürben bis Thannhausen, von Fellheim bis Neuburg an der Kammel.

Und wie in den anderen Filmen unserer Filmreihe über Bayerisch-Schwaben im Rhythmus der Jahreszeiten zeigen wir auch im Herbstfilm wunderschöne Landschaftsaufnahmen – von violett blühenden herbstlichen Distelfeldern ganz im Norden, bei Dornstadt, bis zu einem verträumten Moor in der Nähe von Balderschwang, ganz im Süden von Bayerisch-Schwaben.