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Tubendilatation Neue Operation bei Mittelohrbeschwerden

Stechende Ohrenschmerzen, chronische Mittelohrentzündung, Drehschwindel - ein kleines Detail in der Anatomie des Nasen-Rachenraums kann zu gravierenden Problemen führen: die Eustachische Röhre. Die sogenannte Tube oder Ohrtrompete ist für die Belüftung und damit den Druckausgleich im Mittelohr zuständig. Ist der gestört, kommt es zu Schmerzen. Eine neue Operationsmethode kann Abhilfe schaffen: die Tubendilatation.

Von: Isabel Hertweck-Stücken

Stand: 11.03.2016

Wenn die „Ohrtrompete“ oder Eustachische Röhre nicht richtig funktioniert, kann das zu gravierenden Ohrproblemen wie dumpfem Hören, Druckgefühl, Schwindel oder stechenden Schmerzen führen. Bisher gab es bei solchen Belüftungsstörungen, die unter anderem auch chronische Mittelohrentzündungen zur Folge haben können, nur wenig erfolgversprechende Therapien, darunter kortisonhaltige Nasensprays oder die operative Einlage von sogenannten Paukenröhrchen. Sie helfen aber nicht jedem Patienten und sind bei dauerhaftem Einsatz problematisch.

Neues Verfahren seit 2009

Vorteile der Tubendilatation

  • Nur wenige Nebenwirkungen und
  • durchschlagender Erfolg bei manchen Patienten

Seit 2009 gibt es ein neues operatives Verfahren: Die sogenannte Tubendilatation wird an immer mehr Kliniken angeboten, obwohl es sich um ein klinisch noch relativ wenig erprobtes Verfahren handelt. Die Frage, welche Patienten vom neuen Verfahren am meisten profitieren, und wie es optimal eingesetzt werden kann, wird derzeit in mehreren Studien wissenschaftlich untersucht.

Extremsport fürs Ohr: Tauchen

Taucher sind von Belüftungsproblemen besonders oft betroffen. Martina Jakubowski will heute ausprobieren, ob sie ihre große Leidenschaft, das Tauchen, aufgeben muss. Testgebiet ist ein unterirdisches Indoor-Tauchzentrum in ehemaligen Sauerkrauttanks bei München. Mit dabei ist ein Sicherungstaucher, denn es könnte sein, dass Martina unter Wasser plötzlich die Orientierung verliert, so wie schon einmal bei einem Tauchurlaub in Thailand.

"Das war beim Auftauchen so ungefähr ab sechs Meter, dass mir wahnsinnig schwindelig geworden ist, dass sich alles gedreht hat, es ist mir speiübel geworden und ich hab genau gemerkt, jetzt wird’s mir gleich schwarz vor Augen, jetzt verlier ich das Bewusstsein."

Martina Jakubowski

HNO-Arzt und Tauchspezialist Dr. Christoph Klingmann kennt dieses Phänomen. Es hängt zusammen mit jenem anatomischen Detail, das Fachleute als Eustachische Röhre, Ohrtrompete oder Tube bezeichnen, und das für den Druckausgleich im Mittelohr zuständig ist.

Die Eustachsche Röhre, Ohrtrompete oder Tube

Funktion der Ohrtrompete

Das Ohr wird nach außen luftdicht mit dem Trommelfell abgeschlossen. Hinter dem transparenten Trommelfell befindet sich ein luftgefüllter Hohlraum, das Mittelohr, mit den darin aufgehängten Gehörknöchelchen. Sie übertragen den Schall vom Trommelfell auf das Innenohr, wo sich auch das Gleichgewichtsorgan des Menschen befindet. Die Belüftung des Mittelohrs funktioniert über die Eustachische Röhre, einen mit Schleimhaut ausgekleideten Gang vom Nasen-Rachenraum ins Mittelohr.

"Die Eustachische Röhre ist grundsätzlich geschlossen, und öffnet nur wenige Millisekunden beim Kauen, Schlucken, Sprechen. Sie geht kurz auf, lässt ein bisschen Luft ins Mittelohr hinein und verschließt sich dann wieder."
PD Dr. med. Christoph Klingmann, HNO-Arzt, München

Die Belüftung des Mittelohrs ist wichtig, weil die Luft im Mittelohr kontinuierlich resorbiert wird. Wenn bei einem Schnupfen die Schleimhäute anschwellen, und damit die Eustachische Röhre zuschwillt, merken das viele auch im Ohr: Sie hören anders, da sich im Mittelohr mit der Zeit ein Unterdruck entwickelt. Bei Kleinkindern und Säuglingen entwickelt sich daraus oft eine Mittelohrentzündung. Der Grund dafür ist, dass ihre Tuben besonders eng sind. 

Druckveränderung: Schwerstarbeit für´s Ohr

Ob die Ohrtrompete gut funktioniert, spürt jeder, wenn es zu Druckveränderungen kommt, wie zum Beispiel während des Startens und Landens beim Fliegen, in Tunneln, bei Bergfahrten oder beim Tauchen.

Beim Tauchen ist die Belastung am größten:
Je tiefer der Taucher unter der Wasseroberfläche ist, desto größer ist der Druck auf luftgefüllte Hohlräume wie das Mittelohr: Sie verlieren mit zunehmender Tiefe an Volumen. Im Mittelohr entsteht dadurch ein Unterdruck – das Trommelfell wird nach innen gezogen.

  • Wenn die Belüftung über die Eustachische Röhre gut funktioniert, kann der Druck angepasst werden, indem zusätzliche Luft ins Ohr strömen kann. Dadurch wird das Volumen im Mittelohr normalisiert, das Trommelfell entspannt sich wieder.
  • Wenn die Belüftung aber nicht funktioniert, wird der Unterdruck im Mittelohr immer größer: Dadurch wird Gewebswasser aus der Schleimhaut gesaugt, auch kleine Blutgefäße können platzen und das Trommelfell kann geschädigt werden oder sogar einreißen.
  • Wenn die Tuben unterschiedlich belüftet werden, kommt es außerdem zum gefürchteten Drehschwindel.

"Das Mittelohr ist ein Drucksensor. Wenn dann ein unterschiedlicher Druck auf der linken und auf der rechten Seite vorherrscht, dann wird das als Schwindel wahrgenommen, weil das Gleichgewichtsorgan dadurch gestört ist."
PD Dr. med. Christoph Klingmann, HNO-Arzt, München

Bedeutet das für Martina Jakubowskis Tauchkarriere das Aus? Dr. Christoph Klingmann rät seinen Taucher-Patienten zunächst zu einer konservativen Therapie.

Muskeltraining für die Ohrtrompete

Nase zuhalten und ausatmen und dabei darauf achten, ob man einen Druck im Ohr entwickelt. Das nennt sich Valsalva Manöver und aktiviert die Muskeln, die die Tube öffnen. Durch regelmäßiges Training werden sie gestärkt. Dieses Manöver hilft auch bei Ohrendruck im Flugzeug.

Tipps zum Druckausgleich

Wie genau im Gaumen die Muskeln, die die Tuben öffnen, angesprochen werden, ist individuell verschieden. Taucher kennen dafür die besten Tricks. Dr. Klingmann hat gute Erfahrungen damit gemacht, seine Patienten verschiedene Verfahren ausprobieren zu lassen. Durch die Endoskop-Kamera im Gehörgang können sie dann „live“ verfolgen, wie ihr Trommelfell reagiert, ob es sich entspannt oder einzieht. Bei Kindern mit Belüftungsproblemen kommt auch ein sogenannter „Nasenballon“ zum Einsatz. Tipps für verschiedene Manöver zum Druckausgleich gibt es zum Beispiel hier:

Patienten, bei denen das Training nicht zum gewünschten Erfolg führt, bietet Dr. Klingmann jetzt das neue operative Verfahren an, mit guten Erfolgen.

"Durch meine konservative Therapie werden ungefähr 80 Prozent meiner Patienten besser. Und die restlichen 20 Prozent, die auch nach diesem mehrwöchigen Tubentraining keine Verbesserung erfahren haben, denen biete ich an, dass man ein Tubenkatheterverfahren durchführt. Das führt bei Tauchern in ungefähr 98 Prozent aller Fälle zum Erfolg."

PD Dr. med. Christoph Klingmann, HNO-Arzt, München

Der Grund könnte auch darin liegen, dass die Belüftungsprobleme nur unter „Extrembedingungen“, wie den extremen Druckunterschieden beim Tauchen, auftreten. Doch wie funktioniert das Verfahren bei Patienten, die schon im Alltag Probleme haben?

Tubendilatation: neue Hoffnung bei Tubenfunktionsstörungen

Die Tubendilatation ist nicht nur für Taucher, sondern macht auch Patienten wie Bianca Kreuzer Hoffnung. Die Beschwerden, die sich aus einer Tubenfunktionsstörung ergeben, sind individuell sehr unterschiedlich und können gravierende Formen annehmen.

"Es ist, wie wenn der Kopf immer mehr zusammengedrückt wird, und man eigentlich keine Ahnung hat, wie man des wegkriegen soll. Also ein Kopfschmerz kann schlimm sein, aber Ohrenstechen ist hundertmal schlimmer." Bianca Kreuzer, Patientin

Die Schmerzen entwickelten sich nach einer Nasennebenhöhlenentzündung. Als diese ausgeheilt war, blieben die quälenden Ohrenschmerzen. Ihre HNO-Ärzte wussten mit diesen Beschwerden zunächst nicht viel anzufangen. Erst im Uniklinikum Großhadern bestätigte sich dann der Verdacht auf eine Tubenfunktionsstörung. Das war bisher, wenn überhaupt, operativ nur mit sogenannten Paukenröhrchen behandelbar.

Therapie mit Paukenröhrchen

Dabei wird das Mittelohr über den Gehörgang belüftet. Ins Trommelfell  wird ein kleiner Schnitt gesetzt und dort ein sogenanntes Paukenröhrchen eingesetzt. Bei dauerhaftem Einsatz können diese Röhrchen allerdings zu Problemen wie Entzündungen oder zum Austrockenen der Schleimhaut führen.

Tubendilatation bei Kindern und Kleinkindern

Die Tubendilatation ist bei Kindern noch nicht ausreichend erprobt und wird daher nur zurückhaltend eingesetzt.  Paukenröhrchen sind bei wiederholten Mittelohrentzündungen hier immer noch Standard.

Gute Erfolge – wenig Nebenwirkungen

Bei der neuen Tubendilatation wird die Ohrtrompete operativ geweitet und damit der natürliche Belüftungsweg wieder hergestellt. Dazu wird ein Katheter durch die Nase in die Tube eingeführt. Dort wird ein Ballon mit definiertem Druck aufgeblasen und so der knorpelige Anteil der Ohrtrompete behutsam geweitet.

"Der Vorteil der Methode ist, dass man den Ventilmechanismus, den man in der Ohrtrompete hat, steuern kann. Ein Problem vieler Patienten ist, dass dieses Ventil zu straff funktioniert, und nicht ausreichend Luft, zum Beispiel beim Schlucken oder beim Kauen, ins Mittelohr lässt. Mit der Dilatation dieser Ohrtrompete gelingt es, dieses Ventil auszuleiern oder leichter gängig zu machen."

Prof. Dr. med. Eike Krause, HNO-Klinik, LMU München

Die Frage, warum man bisher bei operativen Maßnahmen an der Ohrtrompete sehr zurückhaltend war, beantwortet Prof. Krause so:

"Die Frage ist sehr spannend, es liegt wahrscheinlich in der Historie, weil es gab schon immer verschiedene Methoden, an der Ohrtrompete operativ etwas zu verbessern.  Das war damals aber technisch nicht so einfach, sodass man meistens starre Instrumente benutzt hat, wie zum Beispiel Drähte, um das aufzudehnen. Oder man hat operativ versucht, da etwas zu erweitern, was nicht ganz ungefährlich war. Denn mit diesen starren Instrumenten konnte man die benachbarte Schlagader verletzen, und das hat teilweise in der Vergangenheit zu lebensbedrohlichen Blutungen geführt, sodass da seitens der HNO-Ärzte lange Zeit auch gewisse Vorbehalte gegenüber neuen Methoden bestand.

Mit dieser neuen Tubendilatation ist eine ganz neue Technik verwendet worden, man benutzt Katheter, wie man sie auch von den Herzkranzgefäßen kennt, und führt diese feinen, dünnen und weichen Katheter in die Ohrtrompete ein und dehnt die Ohrtrompete, ohne offene Wunden zu provozieren. Das ist ein schonendes Verfahren, da es erstens keine Narben hervorruft und zweitens kein Risiko in sich birgt, die benachbarte Schlagader zu verletzen. Und damit können eben auch diese gefährlichen Blutungen nicht ausgelöst werden."

Prof. Dr. med. Eike Krause, HNO-Klinik LMU München

Zwar gibt es auch bei der Tubendilatation Nebenwirkungen, aber bei den bisher behandelten Patienten – und das sind in Deutschland mittlerweile über 10.000 – sind keine bleibenden Schäden aufgetreten.

"Mittlerweile sind über 10.000 Patienten in Deutschland mit dieser Methode behandelt worden, und es gab bisher zum Glück keine schwerwiegenden oder längerfristigen Nebenwirkungen. Theoretisch sind Verletzungen der Schleimhaut denkbar, also Einrisse durch die Aufdehnung oder leichtere Blutungen, die durch Schleimhautgefäße ausgelöst werden können, oder in ganz seltenen Fällen kann auch mal Luft in das Weichgewebe eingepresst werden. Aber das sind alles Nebenwirkungen, die nur vorübergehend sind."

Prof. Dr. med. Eike Krause, HNO-Klinik LMU München

Ein Verfahren mit wenig Nebenwirkungen und guten Erfolgen also. Allerdings müssen sich die Patienten darauf einstellen, dass sich eine Verbesserung der Beschwerden erst Wochen und Monate nach der Operation einstellt.

"Das sind auch unsere Erfahrungen, dass die Methode erst nach und nach ihren Erfolg einstellt. Es ist so, dass man meistens nach ein paar Tagen und Wochen eine langsame Verbesserung bemerkt, eine Normalisierung tritt üblicherweise erst nach einigen Monaten ein. Das scheint daran zu liegen, dass wir durch die Aufdehnung der Ohrtrompete  kleine gewollte Narben im Knorpel der Ohrtrompete setzen. - Das ist ein weicher, elastischer Knorpel, der quasi die Rückstellkräfte bereitstellt für das Ventil in der Ohrtrompete, und dieses Ventil wird nach und nach weniger straff, sodass nach und nach die Belüftung besser werden kann. Und bis im Mittelohr alle Umbauprozesse, sprich die Schleimsekretion oder die Veränderungen der Schleimhaut, abgeschlossen sind, kann es Wochen bis Monate dauern."

Prof. Dr. med. Eike Krause, HNO-Klinik, LMU München

Leider profitieren aber nicht alle Patienten gleichermaßen von der neuen operativen Therapie.

"Die Tubendilatation ist ein Verfahren, das vielen Patienten hilft, nach unseren Erfahrungen, aber scheinbar nicht bei allen Patienten wirkt. Das kann auch gar nicht funktionieren, weil es Patienten gibt, die teilweise über Jahre schon Belüftungsstörungen haben, bei denen es schon im Mittelohr Umbauprozesse gibt, mit Vernarbungen,  Entzündungen, die man mit einer Verbesserung der Belüftung nicht einfach rückgängig machen kann.
Spannend ist jetzt zu wissen, welches sind die Patienten, die wirklich davon profitieren? Hierzu gibt es erste Studienergebnisse - es laufen viele Studien in verschiedenen Universitäten, auch bei uns, um die Patienten herauszufiltern, die eine sehr gute Erfolgsquote haben, und anderen Patienten eher andere Methoden anbieten zu können.
Es ist manchmal so, dass es sinnvoll ist, die Tubendilatation mit anderen operativen Maßnahmen zu kombinieren, z. B. mit Mittelohroperationen oder auch mit Nasen- oder Nebenhöhlenoperationen, um insgesamt eine Verbesserung der Belüftungssituation oder auch der Schleimhautsituation zu erreichen - das ist eher der Fall bei Patienten, die an chronischen Problemen leiden."

Prof. Dr. med. Eike Krause, HNO-Klinik LMU München

Der Erfolg

Die Ohrtrompete: ihre Funktion im Verborgenen kann über Gesundheit, Lebensqualität und über eine ganz besondere Leidenschaft entscheiden. Martina Jakubowski hat sechs Monate für diesen Augenblick trainiert:  Und es hat sich gelohnt.
Der Druckausgleich funktioniert dank Training. Jedes Mal, bevor sie in Tauchurlaub fährt, legt sie vorher wieder einige Trainingseinheiten ein.
Sollte das irgendwann einmal nicht mehr funktionieren, kann sie sich auch eine Operation vorstellen. 

Zur Nasennebenhöhlenentzündung und zur Mittelohrentzündung:


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