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Kraft der Gedanken Kann man sich gesund denken?

Wer positiv denkt, ist gesünder und lebt länger. So heißt es zumindest. Aber stimmt das? Kann uns die Psyche tatsächlich gesund – oder umgekehrt auch krank – machen? Ja! Das haben zumindest neueste Studien ergeben.

Von: Andrea Lauterbach

Stand: 19.06.2017

Positive Gefühle haben einen kaum zu überschätzenden Wert für die körperliche und seelische Gesundheit und für das Wohlbefinden. Glücklich gestimmte Menschen sind ausgeglichener und überwinden schwierige Situationen schneller. Gefühle wie Optimismus und Zuversicht haben einen starken Einfluss auf unsere Gesundheit.

Geistiger Zustand und körperliche Verfassung hängen zusammen

Wenn der Lebenspartner stirbt, dann ist das ein massiver Einschnitt im Leben eines Menschen, der nicht selten zu einer depressiven Verstimmung oder gar einer ausgeprägten Depression führt. Aktuelle Studien weisen darauf hin, dass Lebensereignisse, die Gefühle und Gedanken auf extreme Weise beeinflussen, einen eindeutigen Einfluss auf den Körper und die Gesundheit haben.

Einfluss von Schicksalsschlägen?

Eine Patientin sieht einen Zusammenhang zwischen dem Tod des Partners und ihrer eigenen Krebserkrankung:

"Ich glaube, dass meine Trauer und Verzweiflung den Krebs in mir befördert, vielleicht sogar auch ausgelöst haben. Ich war dann bei meiner eigenen Erkrankung gar nicht so überrascht."

Patientin

Ein HIV-Patient berichtet nach dem Verlust des Lebenspartners von der Verschlechterung seines Gesundheitszustandes:

"Die Viruslast in meinem Blut war jahrelang stabil und niedrig. Doch mit der Trauer veränderte sich meine Immunabwehr. Die Anzahl der Helferzellen in meinem Blut sank deutlich. Das bedeutet, dass sich das HI-Virus in meinem Körper vermehren konnte. Ich bin jahrelang gut ohne Medikamente zurecht gekommen. Aber ab dem Zeitpunkt, als mein Partner gestorben ist, war mein Immunsystem nicht mehr stark genug. Seitdem muss ich das Virus mit Medikamenten in Schach halten."

HIV-Patient

Diese Zusammenhänge zwischen negativen Gedanken und körperlicher Widerstandskraft sind extrem und können Zufall sein. Und doch sprechen aktuelle Beobachtungen dafür, dass sowohl positive als auch negative Gefühle und Gedanken einen enormen Einfluss auf unsere Gesundheit haben.

Ein neuer Fachbereich untersucht den Einfluss von Gedanken

Die Psychoneuroimmunologie ist ein relativ neuer Fachbereich der Medizin, der die Verbindung zwischen seelischen Aktivitäten, Nervensystem und Immunfunktionen untersucht. Psychoneuroimmunologen wie Prof. Dr. Dr. Christian Schubert von der Universität Innsbruck bestätigen, dass Gehirn und Immunsystem zusammenhängen und sich ständig wechselseitig über ihre Aktivitäten informieren. Besonders interessant ist die Vernetzung von Krebszellen mit dem Gehirn.

"Wir wissen zum Beispiel, dass das Gehirn mit dem Immunsystem vernetzt ist über Nervenfasern, über Hormone. Und das Immunsystem ist in der Tat sehr wichtig in der Auseinandersetzung mit Krebserkrankung. Auf der anderen Seite ist auch schon bekannt, dass das Gehirn direkt mit der Krebszelle in Verbindung steht – ebenfalls über nervale Tätigkeit und auch über Hormone. Und damit hat ganz klar auch psychische Aktivität – sei es im positiven, sei es im negativen Bereich – einen Einfluss auf Krebs."

Univ.-Prof. Dr. Dr. Christian Schubert, Universität Innsbruck 

Vorteile durch soziale Kontakte und positive Gedanken

Doch woran liegt es, dass manche Menschen einen Schicksalsschlag "unbeschadet" überstehen und andere vielleicht eine Krankheit entwickeln? Psychoneuroimmunologen sind sich sicher, dass man hier die Psyche in den Fokus nehmen muss. Gerade dann, wenn positive Gedanken fehlen, sollte man sich nicht vom sozialen Umfeld zurückziehen, sondern Hilfe suchen. Denn das bringt Vorteile für die Gesundheit. 

Warum Placebo-Medikamente wirken

Positives Denken wird heute von den Ärzten zunehmend ernster genommen und für therapeutische Zwecke eingesetzt. Die Medizinerin Dr. Karin Meißner betreibt Placebo-Forschung an der LMU in München. Scheinmedikamente wirken, das ist keine Einbildung. Vielmehr sind die Resultate einer positiven Erwartung im Gehirn eindeutig messbar.

"Wir müssen im Kopf behalten, dass wir eine innere Apotheke in uns tragen, die Selbstheilungskräfte aktivieren kann. Und diese können wir beeinflussen. Eine positive Therapieerwartung aktiviert einen ganz bestimmten Teil des Gehirns, den präfrontalen Kortex. Der präfrontale Kortex bewirkt dann wiederum, dass bestimmte biochemische Veränderungen im Gehirn eingeleitet werden, die letztendlich dazu führen, dass der Schmerz reduziert wird."

Dr. med. Karin Meißner, Placebo-Forschung, LMU München

Der Placebo-Forscherin geht es nicht darum, Patienten zu täuschen. Das wäre ethisch fragwürdig. Vielmehr will sie wissen, wie positives Denken wirkt und bei echten Therapien helfen kann.

"Wenn wir positiv an eine Therapie herangehen und uns vielleicht sogar deren Wirkung bildlich vorstellen, dann wird der Gesamtnutzen dieser Therapie für uns besser sein, als wenn wir Angst vor der Therapie oder ihren Nebenwirkungen entwickeln. Ganz konkret bedeutet das, dass wir das Behandlungsritual pflegen sollten, dass wir zum Beispiel ganz bewusst unsere Medikamente einnehmen und positive Gefühle dazu entwickeln sollten. Wir wissen auch, dass wir die Wirkung von Schmerzmedikamenten aufheben können, wenn wir erwarten, dass sie nicht wirken. Oder wenn wir Angst vor der Therapie und den Nebenwirkungen entwickeln."

Dr. med. Karin Meißner

Ein gutes Verhältnis zum Arzt kann heilsam sein

Eine weitere Botschaft aus der Placebo-Forschung: Auch Ärzte können den Behandlungserfolg positiv beeinflussen – durch eine gute und vertrauensvolle Beziehung zum Patienten. Ärzte, die ihren Patienten Hoffnung machen und mit Selbstverantwortung in die Therapie einbeziehen, haben bessere Erfolge als Ärzte, die "nur" ein Medikament verschreiben. Wer sich bei seinem Arzt unwohl fühlt, wer sich nicht verstanden fühlt oder wem der Arzt sogar unangenehm ist, der sollte in eigenem Interesse an einer rascheren Genesung – wenn möglich – den Therapeuten wechseln. 

Selbsthilfe durch Entspannung

Eine Qigong-Gruppe

Niemand hat den Anspruch, Krankheiten einfach wegdenken zu wollen. Aber – das zeigen aktuelle Studien – wir sind unserem Schicksal nicht hilflos ausgeliefert, können Einfluss nehmen. Ein Beispiel: Qigong. Diese uralte asiatische Entspannungstechnik ist eine Meditationsform, die Entzündungsreaktionen im Körper nachweislich senken kann. Ähnliches gilt für Taiji.

Positive Wirkung von Qigong und Taiji

  • wirkt Depressionen entgegen
  • verbessert bei älteren Menschen das Gleichgewichtsgefühl
  • zeigt sich positiv auf den Body-Mass-Index und die Beweglichkeit
  • verringert bei älteren Menschen nach überstandener Krebserkrankung das Risiko von chronischen Krankheiten
  • verringert Entzündungswerte im Körper
  • schafft geistige Ressourcen, befreit von grübelnden Gedanken, sorgt für eine positivere Lebenseinstellung 

Messbare Wirkung von Meditation

Der Effekt der mentalen Entspannung wird im EEG sichtbar. Prof. Dr. Thilo Hinterberger von der Universität Regensburg hat in einer Studie verglichen, wie sich die Gehirnaktivität von geübten Meditierenden (mehr als 1.000 Stunden Meditationserfahrung) und von ungeübten Meditierenden (weniger als 500 Stunden Meditationserfahrung) unterscheidet. Besonders bei den Geübten zeigt sich, wie die elektrische Aktivität des Gehirns bei der Meditation sinkt. Das schafft Ressourcen, sorgt für eine positive Lebenseinstellung und dient so der Gesundheit. 

Auch das funktionelle Kernspin macht die Auswirkungen von Meditation messbar. Das konnten Wissenschaftler rund um Britta Hölzel und Sara Lazar von der Havard Universität zeigen. Meditation erzeugt Veränderungen in bestimmten Bereichen des Gehirns. Nach der Meditation waren Teile des präfrontalen Kortex verstärkt durchblutet – also genau jene Areale, die für das Regulieren von Gefühlen wichtig sind und die auch bei positiven Erwartungen aktiv werden. 

Bloß keine negativen Gedanken?

Besonders wenn ein Schicksalsschlag wie der Tod eines Angehörigen oder die Diagnose einer schweren Krankheit eine Person trifft, ist Optimismus einfach nicht möglich. Die dominierenden Gefühle sind dann Trauer, Einsamkeit, Sorgen, vielleicht auch Zukunftsängste und Hoffnungslosigkeit. Doch wenn negative Gedanken auf Dauer schädlich sind, sollte man dann am besten alle negativen Gefühle ausblenden und positives Denken erzwingen?

Die Psychoonkologin Heide Perzlmaier hat jahrelange Erfahrung mit Patienten, die mit der Diagnose Krebs leben müssen. Sie warnt davor, Emotionen zu verdrängen. Denn gerade auch negative Gefühle sind wichtig, um eine Krankheit wie Krebs akzeptieren zu können.

"Stress und Anspannung nehmen durch das Erleben der Erkrankung zunächst viel Raum ein, mehr als man ertragen möchte. Es gibt Zeiten, da ist man traurig und hat Angst, und dann muss dieses Gefühl gewürdigt werden. Es muss gelebt werden und darf nicht einfach positiv weggedacht werden. Davon halten wir in der Psychoonkologie gar nichts. Wir empfehlen, auf die momentane Verfassung zu gucken, wie geht es einem jetzt. Wenn man Angst hat, unter Schock steht, dann ist das so und dann gehört dem erst mal Raum gegeben. Bei der Bewältigung dieser Gefühle können Gespräche mit Freunden, Verwandten oder auch ausgebildeten Psychoonkologen helfen. Sich hinwenden zu positiven Gedanken kommt, wenn es kommt. Dann soll man die Gelegenheit beim Schopf ergreifen."

Psychoonkologin Heide Perzlmaier

Einsamkeit ist so schädlich wie das Rauchen

Das Wichtigste ist wohl wirklich, im Dialog zu bleiben und soziale Kontakte zu suchen. Einsamkeit, das zeigen Studien, wirkt sich ähnlich negativ auf das Leben aus wie Zigarettenkonsum.

Eine amerikanische Forschergruppe rund um Julianne Holt-Lunstad konnte anhand der Daten von 300.000 Menschen zeigen, dass die Überlebensrate um 50 Prozent höher war, wenn Menschen über soziale Bindungen verfügen.


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