BR Fernsehen - Gesundheit!


30

Stimmbandkrampf Wenn die Luft knapp wird

Es beginnt überfallsartig: Den Betroffenen bleibt plötzlich die Luft weg - ohne jeden erkennbaren Zusammenhang. Hinter diesen Anfällen steht eine Krankheit, die viele nicht kennen: die Stimmbandstörung Vocal Cord Dysfunction.

Von: Julia Richter

Stand: 22.01.2016

Bei Karin Just passiert es vor allem, wenn sie sich körperlich anstrengt oder im Stress ist. Dann bleibt der Ärztin die Luft weg. Das Ganze geht mit einem pfeifenden, quietschenden Geräusch beim Einatmen einher. Oft ist es ein Hustenstoß, der diese Atemnot auslöst. Der Anfall kann Sekunden dauern, aber auch bis zu zwei Minuten.

"Ich bekomme immer ein enormes Engegefühl im Hals - so, als ob mir jemand die Kehle zuschnüren würde. Ich habe keine Luft mehr bekommen, was natürlich Angstzustände und Erstickungsängste ausgelöst hat."

Karin Just

Karin Just kann wegen der Beschwerden eines Tages nicht mehr arbeiten. Außerdem fühlt sie sich zunehmend unwohl, wenn andere Menschen in ihrer Umgebung einen solchen Anfall mitbekommen. Die Angst vor der nächsten Attacke sorgt für zusätzlichen Stress, ein Teufelskreis entsteht.

Helfen kann ihr zunächst niemand. Sie geht von Arzt zu Arzt, wird wegen ihres Asthma bronchiale behandelt, aber gegen die rätselhaften Anfälle helfen die Medikamente nicht. Was sie genau hat, weiß niemand - bis sie von einem Arzt den entscheidenden Hinweis bekommt. Er vermutet eine spezielle Stimmband-Störung, die Vocal Cord Dysfunction genannt wird, kurz VCD.

Was genau ist eine Vocal Cord Dysfunction?

Nur wenige Mediziner kennen sich mit dieser Erkrankung aus. In der Schön Klinik im Berchtesgadener Land hat man sich auf die Diagnose und Behandlung von VCD spezialisiert. Hier ist das Nationale Referenzzentrum für VCD.

"Unter dieser Art von Stimmbandstörung verstehen wir keine Heiserkeit oder Sprechprobleme. Diese Stimmbandstörungen stehen für Atemnotanfälle, die ganz plötzlich auftreten, weil sich von einer Sekunde auf die andere im Halsbereich die Stimmbänder schließen, und der Patient das Gefühl hat, er bekommt keine Luft mehr."

Dr. med. Klaus Kenn

Das Problem liegt im Bereich des Kehlkopfes: Durch äußere Reize wie kalte Luft, Parfum, Rauch, aber auch Anstrengung oder Husten verschließen sich plötzlich die Stimmbänder. Beim Stimmbandkrampf hat der Betroffene das Gefühl, keine Luft mehr zu bekommen.

Auslöser einer Vocal Cord Dysfunction

Lange wurden hinter den Beschwerden vor allem psychische Ursachen vermutet, erst seit ein paar Jahren weiß man, dass es vor allem körperliche Ursachen sind.

Zu ihnen gehören zum Beispiel:

  • Reflux-Symptome – aufsteigende Magensäure kann zu einem Verschluss der Stimmbänder führen.
  • Probleme im Bereich der Nase und Nasennebenhöhlen. Entzündliches Sekret kann die Stimmbänder reizen und zum Verschluss führen.

Wie häufig eine Stimmbandstörung vorkommt, ist nicht bekannt, weil viele gar nicht wissen, dass sie an VCD leiden. Experten wie Dr. Klaus Kenn gehen davon aus, dass möglicherweise bis zu zehn Prozent aller Menschen, die angeblich Asthma bronchiale haben, eigentlich eine VCD aufweisen. Schätzungen zufolge leiden bis zu 300.000 Menschen hierzulande daran. Etwa Dreiviertel von ihnen sind Frauen.

Diagnose einer Vocal Cord Dysfunction

In einem ersten Schritt wird der Patient befragt: Probleme beim Einatmen und der charakteristische quietschende Laut deuten bereits auf eine VCD hin.

Aufschluss gibt eine Spiegelung des Kehlkopfs: Mit bestimmten Reizen kann meist ein Anfall provoziert werden – zum Beispiel durch körperliche Anstrengung oder Zigarettenrauch. Dabei können die Stimmbänder gespiegelt werden. Gehen sie bei dem Test tatsächlich abrupt zu, liegt eine VCD vor.

Unterschied zum Asthma bronchiale

Zwei Drittel der Patienten haben auch Asthma – so wie Karin Just. Deswegen wird die Stimmband-Störung oft nicht erkannt. Es gibt aber Unterschiede:

Unterschiede Asthma und VCD:

Asthma

  • Die Atemnot zeigt sich vor allem beim Ausatmen.
  • Der Anfall baut sich in der Regel innerhalb von Minuten auf.
  • Betroffen sind vor allem die Bronchien - also die unteren Atemwege im Brustkorb.

Vocal Cord Dysfunction

  • Die Atemnot zeigt sich beim Einatmen.
  • Der Anfall kommt innerhalb weniger Sekunden.
  • Betroffen ist vor allem der Hals – die oberen Atemwege.

Therapie der Vocal Cord Dysfunction

So belastend ein VCD-Anfall ist, so harmlos ist er im medizinischen Sinne, denn Ersticken kann man daran nicht:

"Dieser Teil der Diagnostik ist eigentlich schon der erste Schritt in die Therapie. Wenn der Patient verstanden hat, was im Halsbereich passiert, kann er auch seine Angst verlieren. Er weiß, dass es sich so anfühlt, als würde er ersticken, aber er kann nicht daran sterben. Wenn das klar ist, ist er bereit für den nächsten Schritt – nämlich atemtherapeutisch zu lernen, was er tun muss, um aus dieser Atemnot herauszukommen."

Dr. med. Klaus Kenn

Die Atemtherapie ist das Mittel der Wahl. Spezielle VCD-Medikamente gibt es nicht, sie werden auch nicht benötigt. In einem ersten Schritt lernen die Betroffenen, ihre Muskulatur zu lockern und zu entspannen.

Mit der sogenannten Lippenbremse trainieren Patienten gezielt ihre Atemtechnik. Mit anderen Übungen wird der Halsbereich gelockert. Das alles hilft, die Kontrolle über den Körper zurückzubekommen.

Die richtige Atemtechnik hat auch Karin Just  gut geholfen. Sie nimmt heute ihre Asthma-Medikamente nur noch dann ein, wenn es das Asthma erfordert, denn bei einem VCD-Anfall sind sie völlig nutzlos.

"Vor allen Dingen in der Vergangenheit haben wir tragische Fälle gesehen, wo Patienten lange - über Jahrzehnte - als Asthmatiker fehlgedeutet wurden. Sie wurden mit immer höheren Mengen Kortison behandelt - mit teilweise fatalen Nebenwirkungen. Das gilt es zu verhindern, weil diese Patienten ja gar keine Medikamente brauchen."

Dr.med. Klaus Kenn

Leben mit VCD

Die meisten Patienten lernen mit der Zeit, gut mit der Krankheit umzugehen. Das Wissen, nicht ersticken zu können und aktiv etwas gegen die Krankheit tun zu können, ist für die Meisten eine große Erleichterung.

"Ich bin ganz erleichtert, jetzt endlich zu wissen, woran es liegt und aktiv dagegen vorgehen zu können und keine Einschränkungen mehr in meinem alltäglichen Leben zu haben. Es ist kurios, ich bin Ärztin, meine Eltern waren Ärzte, und weil wir das Störungsbild der Funktionsstörung der Stimmbänder nicht kannten, wussten wir das vorher nicht von dem Asthma abzugrenzen."

Karin Just


30