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Hashimoto Eine Krankheit mit vielen Gesichtern

Je größer der Stress, desto größer das Risiko einer Autoimmunerkrankung. Vor allem viele berufstätige Frauen leiden in Deutschland an Hashimoto, einer rätselhaften Erkrankung der Schilddrüse. "Gesundheit!" trifft zwei Betroffene aus Bayern.

Von: Florian Heinhold

Stand: 08.01.2014

Ein Arzt untersucht die Schilddrüse einer Patientin | Bild: picture-alliance/dpa

Müdigkeit, Gewichtsverlust, Frieren und Depressionen - das sind nur einige der Symptome, die auf Hashimoto hindeuten. Bei der Krankheit handelt es sich um eine chronische Entzündung der Schilddrüse. Ausgelöst wird sie durch das körpereigene Immunsystem, das die Schilddrüse angreift und schädigt. Es kommt zu einer Unterfunktion, das heißt, es werden nicht mehr genügend Schilddrüsenhormone hergestellt. Nach konservativen Schätzungen sind bis zu fünf Prozent der Bevölkerung betroffen. Wie wird die Krankheit behandelt? Auf was gilt es zu achten?

Der alltägliche, normale Wahnsinn

Uta Künkler, eine junge Mutter, leidet auch an Hashimoto:

"Wenn man von Termin zu Termin hetzt, das eine Kind muss abgeholt werden, das andere schreit, und am Ende steht man auch noch beruflich unter Druck, dann werden die Symptome eindeutig schlimmer."

Uta Künkler

Hashimoto ist eine Autoimmunerkrankung. Das bedeutet: Das Immunsystem, das uns eigentlich schützen soll, richtet sich gegen den eigenen Körper. Die Folge bei Uta sind schwere Herz-Rhythmus-Störungen.

"Als sie zum ersten Mal aufgetreten sind, dachte ich: jetzt habe ich einen Herzinfarkt. Es war ein ganz komisches Gefühl, als ob ein Vogel in der Brust eingesperrt wäre und zappelt. Das ist ganz schlimm."

Uta Künkler

Hormonzentrum Schilddrüse

Hashimoto verursacht eine Entzündung der Schilddrüse. Das Organ hat die Form eines Schmetterlings und steuert als ein Hormonzentrum unseres Körpers den Stoffwechsel. Die Krankheit kann in zwei Phasen verlaufen. Zunächst führt die Entzündung zu einer erhöhten Ausschüttung von Hormonen in der Schilddrüse. Es kann zu einer Überfunktion kommen, der Stoffwechsel läuft auf Hochtouren. Typische Symptome in dieser Phase sind Nervosität, Hektik und ein ständiges Unruhegefühl. Einige Betroffene leiden unter Herzrasen und Stress - manche hören ihren Puls laut im Ohr.

In der zweiten Phase schlagen die Symptome um, es setzt eine dauerhafte Unterfunktion ein. Mögliche Folgen sind dann Verstimmungen bis hin zu Depressionen, Kreislaufprobleme, Motivationslosigkeit, oft auch unkontrollierte Gewichtszunahme und brüchiges Haar.

Frauen sind häufiger betroffen als Männer

Frauen trifft es deutlich häufiger als Männer. Dabei sind Verlauf und Symptome der Krankheit von Patient zu Patient völlig unterschiedlich. Bei Uta Künkler wurde Hashimoto unmittelbar vor der letzten Schwangerschaft festgestellt. Glück im Unglück, denn gerade wenn neues Leben entsteht, ist bei Schilddrüsenproblemen höchste Vorsicht geboten.

Bruno Neu und Alexander von Werder sind Spezialisten für Schilddrüsenerkrankungen wie Hashimoto am Klinikum rechts der Isar in München. Bruno Neu ist leitender Oberarzt und hat tagtäglich mit Autoimmunerkrankungen zu tun.

"Am Anfang der Schwangerschaft wird das Kind von den Schilddrüsenhormonen der Mutter mitversorgt. (…) Wenn eine Schilddrüsen-Unterfunktion vorliegt, ist das deshalb sehr gefährlich für das Kind - gerade für die geistige Entwicklung."

Bruno Neu, Gastroenterologe

Vor allem, wenn in der Familie Schilddrüsenprobleme bekannt sind, sollten sich Schwangere überprüfen lassen, rät der Arzt.

Haarausfall und Gewichtszunahme

Auch Simone Gotterbarm hat Hashimoto. Sie kommt regelmäßig zur Kontrolle ins Klinikum. Bewegt erinnert sie sich an die ersten Monate ihrer Erkrankung.

"Ich hab einfach gemerkt, dass mir die Haare immer mehr ausfielen und auch die Kopfhaut immer mehr zu sehen war. (…) Ich habe in dieser Zeit auch in kürzester Zeit stark an Gewicht zugenommen. Ich hatte einfach Angst und auch ein bisschen Panik."

Simone Gotterbarm

Bei Verdacht auf eine Schilddrüsenerkrankung tastet Klinikarzt Alexander von Werder zuerst den Kehlkopf ab. So können Knoten und Vergrößerungen der Schilddrüse festgestellt werden. Die Diagnose der Autoimmunerkrankung selbst erfolgt durch die Auswertung der Blutwerte und eine Ultraschalluntersuchung.

"Auf dem Monitor erkennt man ganz klare Hinweise, dass eine Entzündung vorliegt. Die Schilddrüse ist dann sehr inhomogen, stark durchblutet und das spricht ganz eindeutig für eine Hashimoto-Thyreoditis."

Alexander von Werder, Gastroenterologe

Nur die Ursache von Hashimoto können die Ärzte meist nicht genau bestimmen - Stress und familiäre Vorbelastung spielen wohl eine Rolle.

Unheilbar, aber beherrschbar

Hashimoto kann noch nicht geheilt werden. Schilddrüsenhormone wie Thyroxin gleichen die Unterfunktion aus und helfen gegen die Symptome. Simone Gotterbarm nimmt Hormone gegen ihr Leiden. Anfangs hat es ein bisschen gedauert, bis sich alles eingependelt hat. Aber heute geht es ihr wieder richtig gut.

Auch Uta Künkler musste lernen, sich mit Hashimoto abzufinden.

"Du wirst bis an dein Lebensende damit zu tun haben. Du kannst vielleicht so eingestellt werden, dass du es nicht mehr merkst, aber du wirst nie mehr gesund. Das ist einfach eine Sache, die man erst mal verkraften muss."

Uta Künkler

Ihre Schwangerschaft verlief zum Glück problemlos - auch dank laufender ärztlicher Kontrolle. Etwas Gutes hatte die Erfahrung, sagt Uta Künkler: Seit der Diagnose lebt sie ihr Leben noch bewusster als zuvor.


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