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Hygiene Dreck als Training für das Immunsystem?

Der Lutscher fällt zu Boden, eine kleine Kinderhand hebt ihn auf und schwupp, steckt er wieder im Mund. Für viele Mütter ein Alptraum – dabei ist der Kontakt mit natürlichen Umweltkeimen und Bakterien sogar gut für das Kleinkind. Es stärkt das Immunsystem. Was viele Kinderärzte seit Jahren vermuten, wird nun durch eine neue Studie an Mäusen erhärtet.

Von: Kirsten Zesewitz

Stand: 02.04.2012

Kind sitzt auf Asphalt und hält Hände in eine Pfütze | Bild: picture-alliance/dpa

Immer mehr Kinder erkranken an Allergien, Asthma und Neurodermitis. Einen Grund für diese Umweltkrankheiten vermuten Mediziner darin, dass die Kinder in den reichen, westlichen Ländern zu wenig mit natürlichen Keimen und Bakterien in Berührung kommen. Der auf Hygiene und Sauberkeit fokussierte Lebensstil macht die Kinder anfälliger für Immunkrankheiten. Diese sogenannte „Hygiene-Hypothese“  wird nun durch einen Versuch mit Mäusen erhärtet: Drei Jahre lang beobachtete der Wissenschaftler Torsten Olszak von der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität zwei Gruppen von Mäusen: eine wuchs unter keimfreien Bedingungen auf, die andere ganz normal, mit Keimen und Bakterien aller Art. Das Ergebnis: Die keimfreien Mäuse neigten eher zu Erkrankungen der Lunge und des Darmes als ihre normalen Artgenossen. Die dabei beobachteten Entzündungen sind durchaus mit dem menschlichen Asthma und der Colitis ulcerosa vergleichbar.

Was die Forscher aufhorchen ließ: Auch wenn man die keimfreien Mäuse später wieder in eine normale Laborumgebung mit Keimen gab, konnten sie die Immunschwäche nicht mehr ausgleichen. Diese Beobachtung erhärtet die These, dass Keime an der Entwicklung einer Immuntoleranz beteiligt sind. Die Körperabwehr von Mensch und Maus ist durchaus ähnlich, deshalb glauben die Wissenschaftler um Torsten Olszak, dass die Ergebnisse der Studien auch auf den Menschen übertragbar sind.

"Das heißt in der Schlussfolgerung, dass nur ein kleines Zeitfenster im frühkindlichen Alter besteht, wo das Immunsystem trainiert und reguliert wird. Wenn die frühkindliche Entwicklung einmal gestört ist, kann dies nicht mehr revidiert werden."

Torsten Olszak, Klinikum Großhadern, LMU München

Bestätigung der „Hygiene-Hypothese“

Für die Kinderärztin Erika von Mutius sind diese Laborversuche eine weitere Bestätigung ihrer „Hygiene-Hypothese“: Die Wissenschaftlerin am Dr. von Haunerschen Kinderspital der LMU München forscht seit 20 Jahren auf diesem Gebiet. Für Aufsehen sorgten um das Jahr 2000 ihre „Bauernhof-Studien“: Sie fand heraus, dass Kinder von bayerischen Bauernhöfen weniger anfällig für Allergien, Asthma und Neurodermitis waren als gleichaltrige Stadtkinder. Noch besser ging es Kindern, deren schwangere Mutter bereits ständig Kontakt zu Vieh und Stallbakterien hatte. Bisher können Forscher nur mutmaßen, welche Keime und Bakterien ausschlaggebend sind für die Entwicklung einer gesunden Körperabwehr. Vermutlich ist ein ganzer Strauß von Erregern daran beteiligt, dass der Körper einen natürlichen Schutzschild aufbaut.

"Kinder, die auf dem Bauernhof aufwachsen, leben ja in einer Umwelt, wo es ganz viele Mikroben, Bakterien, Schimmelpilze gibt – dadurch, dass da Ställe sind und Nutztiere gehalten werden. Und wir wissen: Je mehr diese Kinder dem ausgesetzt sind, desto geringer ist das Risiko für Asthma und Allergien."

Prof. Dr. med. Erika von Mutius, Haunersches Kinderspital, LMU München:

Wichtig ist das Gleichgewicht der Immunzellen

Bei Allergikern ist diese gesunde Körperabwehr aus dem Gleichgewicht geraten: Sie reagieren überempfindlich auf eigentlich harmlose Stoffe aus der Umwelt - wie Blütenpollen, Hausstaubmilben oder Tierhaare. Einen Hinweis darauf, was im Körper passieren könnte, wenn das Immunsystem einen krankmachenden Übereifer entwickelt, sehen Wissenschaftler in den TH1- und TH2-Zellen. Normalerweise arbeiten diese beiden Immunzellen gemeinsam für die körpereigene Abwehr: Kommt ein Kleinkind frühzeitig mit Keimen und Bakterien aller Art in Kontakt, entwickeln sich die TH1-Helferzellen. Sie koordinieren die Körperabwehr und stürzen sich auf Keime, Bakterien und Viren. Fehlen die harmlosen „Trainingskeime“ jedoch, sind die TH1-Zellen unterfordert, sie bilden keine neuen Zellen und gehen in ihrer Anzahl zurück. Nun treten die TH2-Zellen in Aktion, die normalerweise von den TH1-Zellen in Schach gehalten werden: Sie können sich nun ungestört entfalten – und einiges Ungemach anrichten.

Wenn das Immunsystem verrückt spielt

Gelangt in dieser Situation nun ein sogenanntes Allergen, wie zum Beispiel Blütenpollen oder Hausstaubmilben in den Körper, senden die TH2-Zellen Botenstoffe an die B-Immunzellen, die sogenannten Gedächtniszellen aus, die ihrerseits Antikörper ausschütten, um die Eindringlinge abzuwehren. Das ruft die Mastzellen auf den Plan: Sie erhalten von den Antikörpern die Information „Gefahr! Eindringling bekämpfen“ – und speichern diese Information ab. Sie sind nun „sensibilisiert“. Die Folge: Gelangt das Allergen ein zweites Mal in den Körper, schütten die Mastzellen sofort massiv Histamine aus – es kommt zu einer extremen Abwehrreaktion – die sich in typischen allergischen Reaktionen, wie Husten, Augentränen oder Atemnot äußern kann. Die Allergie ist da.

Training fürs Immunsystem

Das menschliche Immunsystem bildet sich in den ersten Lebensjahren aus. Deshalb ist es umso wichtiger, dass das Kleinkind so früh wie möglich mit Keimen aus der Umwelt in Berührung kommt – zum Beispiel bei regelmäßigen Besuchen im Kuhstall. Aber auch das Spielen im Wald, mit Erde und Holz, das Kuscheln mit Tieren, ja selbst der Kontakt zu erkälteten Kindern schult das kindliche Immunsystem. Auch virale Infektionen regen das Immunsystem an: Eine Studie aus den 90er Jahren der damals in München arbeitenden Allergologin Sabina Illi ergab, dass diejenigen Kinder, die im ersten Lebensjahr mindestens zwei Infektionen erlebt hatten, nur halb so häufig an Asthma erkrankten wie Kinder, die keinen Virusinfekt hatten.

Wenn die Allergie einmal da ist, ist es zu spät

Entscheidend ist, dass dieser Kontakt – zu Bakterien, Viren und Keimen – im ersten Lebensjahr erfolgt. Im späteren Alter können Kinder diese Körperabwehr nicht mehr aufholen – und wenn die Allergie erst einmal da ist, ist es zu spät. So wie bei den Kindern der Familie Strasser-Arnold aus München: Der 11-jährige Quirin und seine 10-jährige Schwester Agnes waren zwar einmal in ihrem Leben mit ihrer Mutter auf einem Bauernhof – aber das war eine Tortur. Denn zu diesem Zeitpunkt waren die beiden bereits Allergiker. Ihr Immunsystem hatte seine Prägung bereits erhalten – und war angesichts der Bakterien und Keime auf dem Land völlig überfordert. Die beiden Kinder reagierten auf das Heu, die Tierhaare, den ländlichen Feinstaub. Die Folge: rote Augen, Husten, Atemnot. Die Kinder sind außerdem Asthmatiker, ohne ihr Spray schaffen sie keine Sportstunde, selbst das Trampolinspringen im heimischen Garten geht nicht ohne vorherige Inhalation. Die beiden leben mit Medikamenten – regelmäßig muss der Kinderarzt die Dosis neu einstellen.

Mütter, entspannt euch!

Der Münchner Kinderarzt Walter Dorsch ist spezialisiert auf Allergien und Asthma, er sieht jeden Tag allergische Kinder wie Quriin und Agnes. Viele junge Mütter – gerade beim ersten Baby – glauben, ihr Kind besonders beschützen und vor Keimen, Viren und Erregern abschirmen zu müssen. Walter Dorsch versucht diese Mütter dahingehend aufzuklären und zu schulen, ihre Kinder ruhig mal in der Erde spielen zu lassen, selbst den Kontakt mit anderen, zum Beispiel erkälteten Kindern hält der Kinderarzt für sinnvoll. Die Zeit vom 1. bis 4. Lebensjahr  ist eine Phase forcierten Immuntrainings, sagt Walter Dorsch. Und je mehr Keime die Kinder in jungen Jahren kennenlernen, desto besser können sie im späteren Leben damit umgehen.

"Lassen Sie die Kinder ruhig in der Erde spielen, lassen Sie sie über die Wiese und am Boden rumkrabbeln. Es sind ja in unseren Haushalten und Gärten so gut wie nie gefährliche Keime zu finden, beziehungsweise es sind die ganz normale Keime in unserer Umgebung – und an die muss sich das Kind ja gewöhnen."

Prof. Dr. Walter Dorsch, Kinderarzt, München

Dreck macht Speck

Fazit: Es geht nicht darum, die Kinder krankmachenden Keimen auszusetzen oder gar die häusliche Hygiene zu vernachlässigen. Und der Kontakt zu Mikroben und Bakterien ist sicherlich nur ein Faktor für die Entstehung von Allergien. Aber eins steht fest: Bei einem gesunden Kleinkind braucht man kein Desinfektionsspray, kein keimtötendes Hygienetuch – es genügt ein Waschlappen und Hände waschen unter fließendem Wasser. Man muss die Kinder nicht von jeglichen Keimen fernhalten – im Gegenteil. Es gilt die Volksweisheit: Ein bisserl Dreck hat noch keinem geschadet!


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