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Gehörlosigkeit Sind Cochlea-Implantate Fluch oder Segen?

Der Tatort "Totenstille" war mit fast zehn Millionen Zuschauern ein großer Quotenerfolg – im Krimi ging es um Gehörlosigkeit und die Kontroverse zu Cochlea-Implantaten. Was steckt dahinter und wie gut sind diese Hörprothesen?

Von: Katharina Kerzdörfer

Stand: 01.02.2016

Wie funktioniert ein Cochlea-Implantat?

Das Cochlea-Implantat, auch CI genannt, soll die Hörfunktion bei Gehörlosen oder schwerhörigen Menschen übernehmen. Diese Prothese liefert elektrische Impulse an den Hörnerv, die dann weitergeleitet und vom Gehirn als Hören erkannt werden.

Für die Medizin war die Erfindung der Hörprothese eine wertvolle Errungenschaft, um Menschen einen Weg in die hörende Welt zu ebnen. Doch als die CIs in den 80er Jahren auf den Markt kamen, gab es auch andere Reaktionen.

"Ein Grund ist sicherlich, dass die Gehörlosengemeinschaft am Anfang geglaubt hat, dass durch das CI ihre Gemeinschaft und die Gebärdensprache zerstört wird."

Prof. Dr. habil. Annette Leonhardt, Gehörlosen- und Schwerhörigenpädagogin, LMU München

Hörprothese: Wie läuft die OP ab?

Prof. Joachim Müller führt solche Eingriffe durch: Er sagt, die Erfolge sind umso besser, je früher der Eingriff durchgeführt wird. Vor allem bei Kindern sei eine OP vor dem Alter des Spracherwerbs günstig. Generell aber hätten sich die Ergebnisse wegen der Weiterentwicklung der Implantate stetig verbessert.

"Im Grunde genommen ist ein Cochlea-Implantat für vollständig taube Patienten geeignet, entweder Kinder, die taub geboren wurden oder Erwachsene, die ertauben im späteren Lebensalter."

Prof. Dr. med. Joachim Müller, Facharzt für Hals-Nasen-Ohrenheilkunde, Klinikum der Universität München

Wem hilft ein Cochlea-Implantat?

Voraussetzung ist dabei aber, dass der Hörnerv an sich funktionsfähig und die Hörschnecke angelegt ist. Nach dem Eingriff sind regelmäßige Funktionschecks nötig. Einerseits wird dabei überprüft, ob das Implantat in Ordnung ist, andererseits muss das Gerät ganz individuell immer neu angepasst werden.

Wie gut kann man mit einer Hörprothese hören?

Erwachsene Menschen, die ertauben und sich ein CI implantieren lassen, berichten, dass der Höreindruck anfänglich etwas metallen, Mickey-Mouse-artig klingt. Bis sich das Gehirn angepasst hat, kann es wenige Wochen oder auch bis zu zwei Jahre dauern.

Gerade bei Erwachsenen kann eine wochenlange Reha bzw. Hörtraining die Folge sein. Störgeräusche wie einfahrende Züge oder Musik können das Hörverstehen von CI-Trägern beeinträchtigen.

"Man kriegt mit dem CI kein perfektes Hören, es bleibt ein eingeschränktes Hören."

Prof. Dr. habil. Annette Leonhardt, Gehörlosen- und Schwerhörigenpädagogin, LMU München

Gebärdensprache ist weiterhin lebendig

Die Gebärdensprache ist nicht von den Implantaten verdrängt worden.

Die Befürchtungen, die Gebärdensprache würde durch das Implantat verdrängt, hätten sich nicht bewahrheitet, so die Expertin.

"Unsere Studien, die zeigen schon, dass beide Sprachen sich parallel entwickeln. Auch sich parallel gut entwickeln und sie wirklich zwischen den beiden Sprachen hin- und herswitchen."

Prof. Dr. habil. Annette Leonhardt, Gehörlosen- und Schwerhörigenpädagogin, LMU München

Was spricht gegen ein Implantat?

Komplikationen bei dem Eingriff sind laut Experten selten, aber sie gibt es. Unter anderem sind es folgende:

"Die Risiken sind in der Anatomie begründet, es ist das Gehörorgan in der Nähe, das Gleichgewichtsorgan in der Nähe und der Gesichtsnerv. Daraus resultieren die potentiellen Risiken. Eine Gesichtsnervenverletzung beim Operieren oder eine Gesichtsnervenlähmung."

Prof. Dr. med. Joachim Müller, Facharzt für Hals-Nasen-Ohrenheilkunde, Klinikum der Universität München


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