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Mariä Himmelfahrt Wastls Kräuterbuschen

Wastl, der Kräuterpädagoge Sebastian Viellechner aus Weyarn, folgt einem uralten Brauch: Er bindet einen Kräuterbuschen. Und das tut er nach seiner ganz eigenen Art. Denn für ihn ist der Kräuterbuschen eine Art persönliche Visitenkarte.

Von: Isabel Hertweck-Stücken

Stand: 07.08.2017

Zu Mariä Himmelfahrt am 15. August werden überall im Land Kräutersträuße in die Kirchen gebracht und geweiht. Zur Ehre der Jungfrau Maria.

Aber der Brauch hat eigentlich heidnische Wurzeln, weiß der Wastl. Für unsere Vorfahren war der Kräuterbuschen ein Zauberbündel. Die Kräuter hatten, so der Glaube, große Macht, konnten Schutz bieten und Schaden abwenden. Für die christliche Kirche war das anfangs Aberglaube, sie hat den Brauch im 8. Jahrhundert sogar verboten. Erst später wurde er wieder erlaubt - im christlichen Gewand. Aber die alten Erfahrungswerte, das Kräuterwissen unserer Vorfahren, sind immer noch in diesem Brauch enthalten.

Das erkennt man zum Beispiel am Termin der Kräuterweihe am 15. August, mitten in der Getreideernte. Der Kräuterwastl weiß: Jetzt ist die beste Zeit, um die Kräuter zu sammeln. Die Speicher der Pflanzen sind voll, sie sind im Vollbesitz ihrer Kräfte, das heißt, jetzt sind sie am wirksamsten.

Bitterstoffe im Mittelpunkt: die Engelwurz

Am Waldrand wächst die Pflanze, die beim Wastl im Mittelpunkt seines Kräuterbuschen steht. Traditionell wird die Königskerze verwendet, aber für den Kräuterwastl muss es eine Pflanze sein, die für eine Eigenschaft steht, die ihm besonders wichtig und wertvoll erscheint. Die Engelwurz ist nicht nur majestätisch anzusehen, sie steckt auch voller Bitterstoffe. Eine Wirkstoffklasse, die dem Wastl besonders am Herzen liegt.

Rezept Engelwurz-Wein

Die Wirkstoffe der Engelwurz stecken konzentriert in der Wurzel. Um sie herauszulösen, braucht man Alkohol.

Zutaten:
- 1 Wurzelstück, ca. fingerlang und fingerbreit
- ca. ½ l Weißwein
- evtl. 1-2 Stevia-Blätter

Die Wurzel gut waschen, eventuell abbürsten und zerkleinern. In eine Flasche geben und mit Weißwein auffüllen. Wer es etwas milder mag, gibt noch 1-2 Stevia-Blätter dazu. Das Ganze mindestens zwei Wochen kühl und dunkel lagern.

Der Wastl trinkt seinen Erzengelwein am liebsten vor dem Essen, da hilft er seiner Verdauung am besten. Übrigens: Die Engelwurz ist bei den meisten Bitterlikören, die traditionell als Verdauungshilfen gelten, ein Hauptbestandteil, weiß der Wastl. Sein Erzengelwein ist ihm aber lieber, weil er leichter und bekömmlicher ist.

Johanniskraut: Speicher für Sonne, Licht und gute Laune

Auch das Johanniskraut bindet der Wastl in seinen Buschen, weil es so schön gelb leuchtet, und es das Licht und die Farbe des Sommers speichert. Das erkennt man an der intensiven roten Farbe, wenn man eine Knospe zwischen den Fingern zerreibt.

Rezept Johanniskrautöl

Das milde Johanniskrautöl ist erstaunlich leicht herzustellen.

Zutaten:
- 1 Handvoll Johanniskraut - Blüten und Knospen
- 1 fest schließendes Glas
- Olivenöl

Knospen und Blüten abzupfen und in das Glas füllen. Mit Öl übergießen und in die pralle Sonne stellen. Wenn das Öl die typische rote Farbe angenommen hat (kann, je nach Wetterlage, mehrere Wochen dauern), das Öl abgießen und in eine schöne Flasche füllen.

Der Wastl verwendet das Johanniskrautöl nicht nur als Massageöl, sondern auch als milde Haut- und Wundpflege. Auch Narben tut eine Massage mit dem Öl gut. Außerdem kann das Johanniskraut, wenn man es als Tee einsetzt, in der lichtarmen Jahreszeit, im November und Dezember, das Gemüt wesentlich aufhellen. Deshalb wird es auch therapeutisch eingesetzt, um Depressionen zu lindern.

Lebensfreude und Heilung – alles drin im Kräuterbuschen

Übrigens: Der Kräuterbuschen vom Wastl sieht natürlich nicht jedes Jahr gleich aus. Aber manche Pflanzen müssen einfach immer dabei sein. Zum Johanniskraut werden die rot-violetten Blüten des Beinwell in den Kräuterbuschen gebunden. Die Schafgarbe, die Schöne aus dem Mittelmeerraum, sieht daneben fast unscheinbar aus – trotz ihrer starken Wirkstoffe. Der Dost, der wilde Oregano, steht für die Lust am Essen und am Leben. Heilung und Genuss – das  muss für den Kräuterwastl in seinem ganz persönlichen Buschen vereint sein.

Zauberpflanze der Kelten: Mädesüß

Das Mädesüß, auch Spier oder Speerstaude genannt, bringt schließlich keltische Tradition in Wastls Kräuterbuschen. Man findet die Staude zum Beispiel am Rand von Flüssen oder Wasserläufen. Den Druiden war sie heilig. Der Geschmack der Knospen ist charakteristisch - aber nicht jedermanns Sache. Der enthaltene kraftvolle Wirkstoff, den schon die Kelten zu nutzen wussten, ist heute unter dem Namen Acetylsalicylsäure bekannt und als Aspirintablette in jeder Hausapotheke zu finden. Der Wastl schätzt am Mädesüß die blutverdünnenden Eigenschaften, die Fähigkeit, Schmerzen zu lindern und die antiseptische oder antibakterielle Wirkung.

Rezept: Mädesüß-Tinktur (nur äußerliche Anwendung)

  • 1 Handvoll Blüten und zarte, kleine Blätter vom Mädesüß
  • 70-prozentiger Alkohol aus der Apotheke (Vorsicht bei der Handhabung!)
  • gut schließendes Glas

Blüten und Blätter mit dem Alkohol aufgießen und sofort fest verschließen. Mindestens zwei Wochen ziehen lassen und in eine Sprühflasche umfüllen. Anwendung: desinfiziert kleine Wunden und hilft gegen Entzündungen.

Ein Ehrenplatz für Wastls Kräuterbuschen

Wenn der Wastl mit seinem Kräuterbuschen zufrieden ist, stellt er ihn in der Kräuterwerkstatt an einen Ehrenplatz. Für alle Stadtmenschen: Ein Kräuterbuschen wird nicht in die Vase gestellt, sondern getrocknet!

Übrigens: Der Kräuterwastl würde sich nie einen Kräuterbuschen kaufen – denn dann wär's für ihn nur noch Dekoration. Nur ein persönlich gebundener Kräuterbuschen erinnert ihn das ganze Jahr daran, wie reich die Natur ihn beschenkt - wenn er offen bleibt für ihre Angebote und ihre Kraft für sich wirken lässt.

Hinter der Kamera: der Wastl „Bäckstaidsch“

Diesmal stand „Feuer“ auf dem Drehplan: Der alte Kräuterbuschen vom letzten Jahr wird „verräuchert“, ein alter Brauch – und gut geeignet, um die alten, vorchristlichen Elemente ins Bild zu setzen.

Zum Glück ist der Wastl auch Feuerwehrmann und beruhigt das nervöse Kamerateam: „Wird schon nix explodieren!“ Feuerfeste Handschuhe? „Naaah, jetzt übertreibt's mal net.“ Und tatsächlich: Gar nicht so einfach, einen staubtrockenen Kräuterbuschen zum Brennen zu kriegen. Aber als er dann brennt, oder eher schwelt, verströmt er einen wunderbar würzigen Geruch. Kein Wunder, dass unsere Vorfahren daran glaubten, dass sie mit solchen Bräuchen Schaden von Haus, Hof und Vieh abwenden konnten!


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