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Arzt in Gefahr Wenn der Patient beim Hausbesuch ausrastet

Viele Ärzte haben ein ungutes Gefühl beim Hausbesuch. Denn einige Patienten werden aggressiv oder gewalttätig. Mehr als 90 Prozent der Ärzte haben so etwas schon erlebt. Ein Selbstverteidigungsseminar für Hausärzte soll helfen.

Von: Florian Meyer-Hawranek, Stefan Brainbauer

Stand: 21.04.2015

Arzt untersucht einen Patienten | Bild: BR

Samstagnacht, kurz nach eins in der Nähe von München. Vor 20 Minuten meldete die Notfallzentrale eine akute Magen-Darmerkrankung. Die Fahrt führt ins Ungewisse: Seit der Hausarzt Florian Vorderwülbecke vor fünf Jahren während eines Nachtdienstes angegriffen wurde, ist er vorsichtig.

"Ich bin spät nachts zu einem Drogenabhängigen Patienten gerufen worden, der dann relativ schnell im Rahmen der Diskussion, wie es weitergehen soll, ein Messer in der Hand hatte und seinen Willen durchsetzen wollte."

Florian Vorderwülbecke, Arzt

Ein Messer in der Hand

Er kam damals in eine dunkle Wohnung, der Strom war abgestellt. Eine Gruppe Männer wartete auf den Arzt im Bereitschaftsdienst. Nach einem kurzen Gespräch dann der Schock: Der Abhängige griff zum Messer, wollte den Hausarzt zwingen, ihn nachts in eine Klinik einzuweisen. Auch wenn er nicht zugestochen hat, war das Ereignis für Florian Vorderwülbecke einschneidend.

"Es war schon ein sehr mulmiges Gefühl. Ich glaube, es hätte auch durchaus anders ausgehen können."

Florian Vorderwülbecke, Arzt

Mehr als 90 Prozent der Hausärzte haben bereits Aggressionen erlebt. Bei jedem Vierten sei es sogar ein schwerer Zwischenfall gewesen, erklärt Dr. Florian Vorderwülbecke. Damit meint er eine körperliche Attacke, womöglich sogar mit Gegenständen oder Waffen.

Studie: Übergriffe auf Ärzte

Hausärzte sollten sich darauf vorbereiten, dass sie im Verlauf ihres Berufslebens mit hoher Wahrscheinlichkeit aggressiv angegangen werden. Zu diesem Ergebnis kommt die Studie "Aggression und Gewalt gegen Allgemeinmediziner und praktische Ärzte" der TU München. Während das Thema in anderen Ländern bereits in Sicherheitsprogrammen für Allgemeinärzte dokumentiert wurde, ist die Problematik in Deutschland bislang wenig diskutiert – obwohl immer wieder Fälle von Übergriffen auf Ärzte bekannt werden. Dr. med. Florian Vorderwülbecke wollte daran etwas ändern. Er befragte 1.500 Allgemeinärzte. Das Ergebnis: Nur neun Prozent der Befragten blieben verschont und haben in der Berufslaufbahn nie aggressives Verhalten erlebt. Besonders Ärztinnen fühlen sich bei Hausbesuchen oder nächtlichen Bereitschaftsdiensten unsicher.

Warum wird ein Patient aggressiv?

Vorderwülbecke ist Allgemeinarzt in Deisenhofen bei München und hat die Übergriffe in einer Studie erforscht. Er wollte wissen, wie es dazu kommt, dass Hausärzte mit Waffen bedroht werden. Noch dazu, wenn ein Übergriff –so wie bei ihm vor fünf Jahren – nicht in einem sozialen Brennpunkt, sondern in einem beschaulichen Vorort von München stattfindet. Um Antworten zu finden, hat der Arzt 1500 Kollegen befragt, mit überaschenden Ergebnissen.

"Einer von zehn Ärzten hat im Verlauf eines Jahres statistisch gesehen die Wahrscheinlichkeit, dass er doch ernsthaft angegangen wird. Sprich, dass er geschlagen, getreten, mit einer Waffe bedroht oder angegriffen wird. Für einen Hausarzt, find ich, ist das eigentlich zu viel." Dr. med. Florian Vorderwülbecke

Ein Seminar speziell für Hausärzte

Die Situation einschätzen und Gefahrenquellen erkennen. Das sind einige der Tipps für Ärtze auf Hausbesuch.

Damit sich seine Kollegen bei Hausbesuchen sicherer fühlen, entwickelte Florian Vorderwülbecke ein Seminar. Ohne zu übertreiben, will er auf mögliche Gefahren hinweisen. Immerhin wird laut Statistik jeder vierte Allgemeinarzt körperlich angegriffen. Auch die Teilnehmer haben bereits Übergriffe erlebt. "Ich war gefährdet, als ich einen Patienten untersuchen wollte", erzählt ein Allgemeinarzt: "Der Hund stand neben dem Patienten. Und plötzlich hat er mich angesprungen, entsprechend böse gebellt und mich fast gebissen."

Fluchtwege suchen und Hunde wegsperren

Dr. Vorderwülbecke erklärt den Teilnehmer, wie sie sich wehren können.

In Trainingssituationen sollen die Ärzte deshalb lernen, Konflikte bereits an der Haustüre zu vermeiden, sie sollen sich Fluchtwege einprägen und Hunde in ein abgeschlossenes Zimmer bringen lassen. Im Einsatz beginnt die Gefahrenabwehr sogar noch früher: Je länger die Wartezeiten sind, desto angespannter und möglicherweise aggressiver werden die Patienten. Das besagen internationale Studien zu Übergriffen auf Ärzte. Deshalb ruft Dr. Vorderwülbecke vor jedem Besuch beim Patienten an.

"Wenn jemand nicht weiß, dass ich nicht sofort komme, sondern der Patient jetzt eine Stunde warten muss, sich aber beispielsweise Sorgen um sein Kind macht, das krank ist, dann ist da natürlich eine gewisse Aggression im Raum."

Dr. Florian Vorderwülbecke

Falls es aber doch zu einer Extremsituation kommt, sollen die Ärzte zumindest wissen, wie sie reagieren können. Anstatt jedoch in teure Ausrüstung wie Pfefferspray oder Schutzwesten zu investieren, rät Florian Vorderwülbecke im Notfall: Wegrennen!


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