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Blutkrebs, Stammzellspende Eine Spende, die Leben rettet

Sogenannte „Stammzellspenden“ können vielen Blutkrebs-Patienten das Leben retten. Aber was bedeutet das für die Spender?

Von: Isabel Hertweck-Stücken

Stand: 16.05.2017

Kevin Weinzierl ist gerade mittendrin. Der Niederbayer bereitet sich auf die wahrscheinlich wichtigste Spende seines Lebens vor. Auch Bastian Bergel von der freiwilligen Feuerwehr im oberbayerischen Penzberg ist auf dem Weg, ein Leben zu retten. Kein Unfall- oder Brandopfer, sondern einen Krebspatienten. 

Stammzellspende: Hilfsbereitschaft, die Leben rettet

Auch Michaela Waidhauser verdankt ihr Leben einem Stammzellspender.

Es sind Kinder, Männer, Frauen oder ein junges Mädchen, so wie Michaela Waidhauser. Sie war 13 Jahre alt, als sie die Diagnose Blutkrebs bekam – und gerettet wurde. Noch heute ist sie all den Menschen, die sich typisieren ließen, und besonders demjenigen, der ihr seine Stammzellen gespendet hat, dankbar.

"Die Motivation der Leute finde ich immer sehr beeindruckend, diesen Willen zu haben, einfach Leben zu retten. Sie bekommen ja nichts dafür , außer einem Lächeln des Patienten, der´s geschafft hat."

Michaela Waidhauser, ehemalige Blutkrebspatientin

Stammzellspende: Am Anfang steht die Typisierung

Stammzellspende: Am Anfang steht die Typisierung. Mithilfe der Daten lassen sich dann geeignete Spender finden.

Es geht um die sogenannte Stammzellspende. In Penzberg in Oberbayern findet eine sogenannte Typisierung der Aktion Knochenmarkspende Bayern statt. Polizisten und Feuerwehrler helfen mit, neue Stammzellspender zu finden, die mit ihrer Spende einem Blutkrebspatienten das Leben retten können.

Die Motivation, sich einen ganzen freien Nachmittag dafür zu engagieren ist reine Hilfsbereitschaft. Für Bastian Bergel ist es wichtig, wenigstens irgendetwas gegen die tödliche Krankheit unternehmen zu können.

"Weil bei mir in der Familie schon mehrere Krebsfälle vorgekommen sind, zwar keine Leukämie, aber Brustkrebs und Lungenkrebs, es waren schon viele Fälle in der Familie. Daher ist es für mich eine Herzensangelegenheit und eine Selbstverständlichkeit, dass ich das mache."

Bastian Bergel, Freiwillige Feuerwehr Penzberg

Stammzellspende: Spender werden ist nicht schwer

Ein kleiner Piecks, zwei Röhrchen Blut – daraus können die Fachleute von der Aktion Knochenmarksspende alle wesentlichen Merkmale ablesen, die für die Übereinstimmung zwischen potentiellem Spender und Patient wichtig sind. Das ist etwas schmerzhafter als die Typisierung mit Wattestäbchen, aber auch ein Test, wie weit die Hilfsbereitschaft im Ernstfall wirklich geht.

"Wir wollen hier Leute haben, die wirklich zur Spende kommen. Wer hierherkommt und sich zwei Milliliter Blut abnehmen lässt, bei dem weiß ich sicher, wenn er gerufen wird, dann wird er auch spenden. Denn eine Blutstammzellspende, da muss ich auch mehrfach Blut abnehmen, und wer diese Hürde nicht überwinden kann, der ist als Spender für uns nicht geeignet."

Dr. med. Ulrich Hahn Stiftung Aktion Knochenmarkspende Bayern

Stammzellspende: Typisierung mit Wattestäbchen

Eine andere Möglichkeit ist die Typisierung mit dem Wattestäbchen (Abstrich von der Wangenschleimhaut). Das bieten Organisationen wie die DKMS (ehemals Deutsche Knochenmarkspenderdatei) sogar als Möglichkeit für zu Hause an. Man lässt sich das Registrierungsset schicken und macht selbst den Abstrich. Kommt man als Spender in Frage, wird dann später im Rahmen der Feintypisierung ebenfalls eine Blutuntersuchung gemacht.

Stammzellspender sein: Alles andere als ein Spaziergang

Seine Stammzellen sind für einen Krebspatienten die Chance auf ein neues Leben – ohne Blutkrebs.

Auch wenn die Spende in 80 Prozent aller Fälle „nur“ eine Blutspende ist, ein Spaziergang ist es nicht. Kevin Weinzierl wurde als passender Spender ausgewählt, und er fühlt sich deshalb gerade „wie erschlagen“.

Denn als Vorbereitung für seine Blutspende muss er sich eine Woche lang morgens und abends eine Spritze geben, die seinem Körper eine schwere Infektion vorgaukelt. Dadurch wird die Produktion von Stammzellen in seinem Knochenmark angekurbelt. Anfühlen tut es sich wie eine schwere Grippe. Gliederschmerzen, Kopfweh, Schlafstörungen.

Vorbereitung zur Stammzellspende: Mit Medikamenten wird eine Infektion vorgetäuscht. Der Körper bildet mehr Blutstammzellen.

Kevin Weinzierl ist aber nicht der Typ, der sich viel anmerken lässt. Für ihn ist es schließlich in einer Woche wieder vorbei – der Patient, für den die Spende bestimmt ist, befindet sich schon seit Monaten im gesundheitlichen Ausnahmezustand.

Stammzellspende: gesetzliche verordnete Anonymität zwischen Spender und Empfänger

Wer das genau ist, das weiß Kevin Weinzierl nicht und darf es – so die gesetzliche Vorschrift - frühestens in zwei Jahren erfahren. Auch der Patient, der irgendwo auf der Welt gerade auf Kevins Stammzellspende wartet, kennt den Spender nicht.

Michaela Waidhauser hatte Glück: Für sie wurde ein passender Spender gefunden.

Die ehemalige Blutkrebspatientin Michaela Waidhauser, die damals über die DKMS einen passenden Spender fand, kann sich aber noch gut daran erinnern, wie sie in einem keimfreien Raum auf die Spende wartete. Das eigene Knochenmark wurde durch Chemotherapien und Bestrahlungen komplett abgetötet. Sie hatte hohes Fieber, war geschwächt und doch voller Erwartung.

"Wenn die ganzen Chemoblöcke hinter einem liegen, und der letzte ist wirklich heftig, danach weiß man, es geht es nur noch aufwärts."

Michaela Waidhauser, ehemalige Blutkrebspatientin

Stammzellspende: Blutspende in Gauting

Stammzellspende: Die Blutstammzellen werden gewonnen. Anschließend bekommt sie der Patient. Spender und Empfänger kennen sich nicht.

Es ist so weit, der Tag der Blutspende ist da. Kevin Weinzierls Mutter hat ihn nach Gauting bei München, ins Zentrum der AKB gefahren. Einen Patienten mit einer schweren Grippe würde man schließlich auch nicht fahren lassen. Jetzt darf nichts mehr schiefgehen. Dass Kevin für die Vorbereitung auf die Spende ein paar Beeinträchtigungen auf sich nehmen musste, hat seine Mutter besorgt und stolz zugleich gemacht. Sie weiß: Einem anderen zu helfen, hat für ihn Priorität. Abspringen kommt für ihn nicht in Frage.

Unter streng sterilen Bedingungen wird Kevins Blut aus einem Arm entnommen und in eine Zentrifuge geleitet. Nach Entnahme der Stammzellen läuft es über den anderen Arm zurück in den Blutkreislauf. Das wird mehrmals wiederholt. Gute drei Stunden dauert es, bis das Präparat, der Infusionsbeutel mit den Stammzellen, fertig ist. Wie lange das dauert, ist individuell verschieden, und hängt davon ab, wie viele Stammzellen aus dem Blut des Spenders isoliert werden können. Die Stammzellen werden anschließend so schnell wie möglich per Kurier verschickt. Kevin wird sich in spätestens zwei Tagen wieder ganz gesund fühlen.

"Ähnlich wie nach einer Grippe ist das jetzt so, das Immunsystem war sehr fleißig bei ihm, das macht jetzt eventuell ein bissl langsam, da muss er jetzt ein bissl aufpassen,  dass er sich nix einfängt, und sollte das sein, dann muss er auch was dagegen tun, ansonsten sind aber überhaupt keine Folgeerscheinungen oder Folgeerkrankungen zu erwarten."

Dr. med. Ulrich Hahn Stiftung Aktion Knochenmarkspende Bayern, Spenderambulanz

Neue Bluts-Geschwister: Spender und Empfänger

Michaela Waidhauser ist heute 22 Jahre alt, die Spuren der Krankheit sind verschwunden. Sobald es ihr möglich war, hat sie Kontakt zu ihrem Spender aufgenommen – bis heute sind sie befreundet.

Eine tiefe Dankbarkeit gegenüber dem Spender und gegenüber der Organisation, die ihr das ermöglicht hat – in ihrem Fall die DKMS – hat sie sich bis heute bewahrt. Das ist auch der Grund, warum sie immer wieder mit ihrer Geschichte an die Öffentlichkeit geht. Viele andere Patienten versuchen, diesen Abschnitt ihres Lebens möglichst schnell zu vergessen.

"Eigentlich ist es eine unendlich tiefe Dankbarkeit, dass man diesen Blutbeutel braucht, um weiterleben zu können."

Michaela Waidhauser


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