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Rheuma & Neurodermitis Chancen der antientzündlichen Ernährung

Bei Rheuma greifen Entzündungsprozesse die eigenen Gelenke an – bei Neurodermitis betrifft die Entzündung die Haut. Entzündliche Prozesse im Körper sind eigentlich ganz normal. Aber wenn die Entzündung sich plötzlich ungehemmt ausbreitet, eigene Körperzellen angreift, wird sie zum Problem.

Von: Isabel Hertweck-Stücken

Stand: 06.03.2017

Der Anstieg von chronisch-entzündlichen Krankheiten, wozu auch chronisch-entzündliche Darmerkrankungen wie Morbus Crohn und Colitis ulcerosa gehören, muss irgendwie mit unserem typischen „westlichen Lebensstil“ zusammenhängen. Könnte man die Entzündung also vielleicht mit einer anderen, besseren Ernährung in den Griff kriegen?

Endlich anerkannt: Ernährung als Rheuma-Therapie

Hannelore H. hat seit 20 Jahren Rheuma. Essen als Therapie – sowas wurde damals von Medizinern und Rheumatologen noch überhaupt nicht ernst genommen. Einen ersten Hinweis, dass die Ernährung doch etwas bewirken könnte, bekam Hannelore H. durch eine Ayurveda Kur. Dort gab es eine Woche lang nur vegetarisches Essen, viel Gemüse, kaum tierische Fette.

"Und da hab ich halt gemerkt, dann war ich plötzlich in dieser Woche fast beschwerdefrei, und da hab ich mir gedacht: ja, das muss ein Ansatz sein."

Hannelore H., Rheumapatientin

Studie: Hilft anti-entzündliche Ernährung?

Ernährung als antientzündliche Therapie? Das funktioniert, wie Prof. Olaf Adam, Internist, Rheumatologe und Ernährungsmediziner, Präsident der Deutschen Akademie für Ernährungsmedizin in einer Studie für Rheuma-Patienten erstmals nachweisen konnte. Der Vorteil einer gemüsebetonten Ernährung, so konnte er zeigen, hängt unter anderem mit einem bestimmten Nahrungsbestandteil zusammen, der sogenannten Arachidonsäure. Diese mehrfach ungesättigte Fettsäure kommt ausschließlich in tierischen Produkten vor. In fettreichem Fleisch, in Schmalz, fettem Käse, Sahne, Butter und in Eigelb.

"Arachidonsäure ist keinesfalls ein Schadstoff, aber sie ist ein wichtiger Ausgangsstoff für Entzündungsbotenstoffe. Diese Entzündungsbotenstoffe werden bei Rheumapatienten in großer Menge gebildet. Dadurch entzünden sich auch die Gelenke."

Prof. Dr. med. Olaf Adam, Rheumatologe und Ernährungsmediziner, LMU München

Rheuma-Diät: Zufuhr von Entzündungsstoffen verhindern

Die Idee hinter der Rheuma-Diät: den Entzündungsprozess begrenzen, indem man ihm einen wichtigen Baustein entzieht, eben die Arachidonsäure. Das heißt für Rheumapatienten aber nicht notwendigerweise, dass sie die tierischen Fette komplett weglassen müssen.

"Rheumapatienten sollten nicht auf Arachidonsäure vollständig verzichten, denn Arachidonsäure hat auch noch viele andere günstige und wichtige Funktionen, zum Beispiel die Blutgerinnung und auch die Engstellung der Gefäße und die Erweiterung der Gefäße. Aber es ist vernünftig, die Arachidonsäure zuvor auf ein richtiges Maß zu begrenzen."

Prof. Dr. med. Olaf Adam, Rheumatologe und Ernährungsmediziner, LMU- München

Richtig heißt: Pro Woche höchstens zwei kleine Fleischmahlzeiten und 4 Eier, und dazu täglich einen halben Liter fettreduzierte Milch. Übrigens: Wenn man dem Körper gar keine Arachidonsäure über die Nahrung mehr zuführt, wie das etwa bei einer veganen Ernährung der Fall ist, beginnt der Körper die Arachidonsäure aus pflanzlichen Vorstufen selbst herzustellen.

Tipps: Rheuma & Ernährung

Viele weitere Tipps und Informationen gibt es auf dem Ernährungsportal Ernährungsrechner für Rheumapatienten, das in Zusammenarbeit mit Prof. Olaf Adam erarbeitet wurde.

Eine andere gute Quelle ist die Seite Rheuma-Ernährung, die durch den Rheumatologen Dr. Thomas Karger (Sprecher des Arbeitskreises Ernährungsmedizin in der Deutschen Gesellschaft für Rheumatologie)  und die Ernährungsberaterin und Apothekerin Dr. Barbara Missler-Karger betreut wird. Beide setzen sich schon seit langer Zeit  intensiv mit dem Thema Ernährung bei Rheuma auseinander.

Rheuma-Diät: Therapiekonzept mit großer Wirkung

Hannelore H. hält sich daran. Außerdem besucht sie regelmäßig Kurse über Ernährung zum Beispiel bei der Selbsthilfeorganisation Rheuma-Liga. Dort stieß sie auch auf ein weiteres Element ihrer Rheuma-Therapie: das Bewegungstraining. Die Mühe lohnt sich.
Weitere Informationen dazu unter:

"Es geht mir auf jeden Fall besser, ich bin jetzt speziell auch heuer ganz gut über den Winter gekommen, das ist ja auch eine kritische Zeit für Rheumatiker."

Hannelore H., Rheumapatientin

Das Potential der Ernährungsumstellung bei Rheuma wurde auch in Studien nachgewiesen: Bis zu einem Drittel der Medikamentendosis kann eingespart werden, und das bei besserer Lebensqualität.

Neurodermitis: Nahrungsmittel unter Verdacht?

Funktioniert so etwas auch bei Neurodermitis? Brigitte K. will das bei einer qualifizierten Ernährungsberaterin herausfinden. Sie fragt sich: Könnten ihre Krankheits-Schübe durch bestimmte Nahrungsmittelbestandteile ausgelöst werden? Ein Verdacht, den viele Neurodermitiker haben.

Kürzlich hat sich Brigitte K. deshalb auf Nahrungsmittelallergien testen lassen. Mit einem erstaunlichen und für sie sehr unangenehmen Ergebnis. Denn der Test ergab, dass sie auf fast alle Arten von Gemüse, zahlreiche Getreide und Hülsenfrüchte allergisch sein könnte. Sie soll sie für etwa ein halbes Jahr meiden, viele andere nur noch sehr eingeschränkt essen. Unbeschränkt dagegen dürfte sie zum Beispiel essen: Fleisch, Eier, Kaffee, Bierhefe und Kümmel – alles Dinge, die sie bisher eher gemieden hatte.

Neurodermitis: umstrittener Test

Doch Ernährungsberaterin Dr. Imke Reese, Spezialistin für die Diagnose von Nahrungsmittelallergien und Unverträglichkeiten, gibt gleich Entwarnung. Denn: Allergologen beurteilen den Test auf sogenannte IgG-Antikörper, den Brigitte K. für mehrere Hundert Euro gemacht hat, sehr kritisch. Er sagt weniger über Allergien aus, als eher etwas über Ernährungsgewohnheiten.

"Hier wurde mit sogenannten IgG-Antikörpern ein Test gemacht. Das sind Antikörper, die wir ganz normal bilden. Wenn Sie eine Krankheit durchgemacht haben, Röteln oder Mumps, dann haben Sie IgG-Antikörper. Das ist nur eine Merkhilfe Ihres Körpers: Das kenn ich, da weiß ich, wie ich das abwehren soll.
Bei Nahrungsmitteln braucht sich der Körper nicht zu merken, wie er das abwehren soll, sondern das ist einfach nur zur Erkennung: Kuhmilch kenne ich, Gouda kenne ich. [...]
Dieser Test hilft nicht, Nahrungsmittelunverträglichkeiten in irgendeiner Weise zu identifizieren, sondern ist ein Test, der die Antikörper bestimmt. Aber die haben keine Aussagekraft in Richtung Unverträglichkeiten."

Dr. rer. medic. Imke Reese, Ernährungsberaterin, München

Neurodermitis kann zwar zusammen mit einer Nahrungsmittelallergie auftreten. Das ist bei erwachsenen Patienten aber eher selten der Fall. Wahrscheinlich auch bei Brigitte K. nicht.

Neurodermitis-Protokoll: Was stresst die Haut?

Sie bekommt von der Ernährungsberaterin den Auftrag, ein Protokoll zu führen, in dem sie nicht nur Nahrungsmittel aufschreibt, sondern auch andere Faktoren notiert, die Stress für ihre Haut bedeuten könnten.

Nur mit so einem detaillierten Protokoll ist es möglich, auf seriöse Weise herauszufinden, ob Nahrungsmittelbestandteile tatsächlich ein Trigger für die Neurodermitis sein könnten.

Neurodermitis: Vorsicht vor willkürlichen Nahrungsverboten

Ernährungsberaterin Reese macht aber immer wieder die Erfahrung, dass Neurodermitis-Patienten sich selbst oder betroffenen Kindern relativ willkürlich Nahrungsmittel-Verbote verordnen aufgrund von Hörensagen oder solchen wenig aussagekräftigen Tests.

Das führt gerade bei Kindern zu psychischem Stress, unter Umständen auch zu Mangelernährung. Willkürliche Nahrungsmittelverbote bringen also meist mehr Schaden als Nutzen. Stressfaktoren für die neurodermitische Haut sind oft eher Umweltreize wie: Zigarettenrauch, trockene Heizungsluft und Kälte.

"Grundsätzlich ist klar, dass die Hautpflege die Basistherapie bei der Neurodermitis ist. Das heißt, mit schlecht gepflegter Haut brauchen wir gar nicht zu schauen, welche Auslösefaktoren wirken da noch zusätzlich. Eine schlecht gepflegte Haut ist an sich ein Risikofaktor für ein schlechteres Ekzem. [...] Häufig sind es viel eher die Wetterbedingungen oder Zigaretten, die die Haut verschlechtern. Ab Herbst hält man sich mehr drinnen auf, die Haut muss mit Temperaturunterschieden klarkommen. Das sind klassischerweise Perioden, in denen die Haut schlechter wird. Das hat mit Nahrungsmitteln erst mal gar nichts zu tun."

Dr. rer. medic. Imke Reese, Ernährungsberaterin, München

Neurodermitiker müssen oft lernen, die Ernährung neu zu bewerten: nicht als Feind oder möglicher „Trigger“ von neurodermitischen Schüben, sondern als Hilfe und Unterstützung.

"Nahrungsmittel können da eher helfen, die Haut zu stabilisieren und sind nicht unbedingt Trigger einer Ekzem-Verschlechterung. Sondern sie sind viel eher das, was stabilisieren und was der Haut helfen kann, besser mit diesen Reizfaktoren klarzukommen."

Dr. rer. medic. Imke Reese, Ernährungsberaterin, München

Omega-3-Fettsäuren: Hilfe gegen die Entzündung

Omega-3-Fettsäuren

Omega-3-Fettsäuren aus Kaltwasserfischen oder speziellen Algen können vom menschlichen Körper am besten verarbeitet werden. Bei pflanzlichen Quellen, wie Pflanzenölen kommt es vor allem auf das Verhältnis von Omega-3- zu Omega-6-Fettsäuren an. Wie gut der Körper diese Omega-3-Fettsäuren als Quelle nutzen kann, scheint individuell verschieden zu sein.

Neben der gemüsebetonten Ernährung geht es da vor allem um die Omega-3-Fettsäuren oder Fischölfettsäuren. Sie können Neurodermitikern helfen, die Entzündung zu begrenzen und sogar Heilungsprozesse fördern. Diese Effekte der Fischölfettsäuren nützen übrigens auch Rheumatikern. In Verbindung mit einer arachidonreduzierten Kost funktioniert das sogar noch besser. Die Ernährung: Eine Therapie, die wirkt und dabei sogar noch schmeckt.


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