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Mikrowelle & Gesundheit Sind Mikrowellenherde ungesund?

Etwa 70 Prozent aller deutschen Haushalte haben sie: eine Mikrowelle. Bei den restlichen 30 Prozent hält sich hartnäckig das Misstrauen gegen die geheimnisvollen Wellen. Berechtigt? Gesundheit! gibt kurz die wichtigsten Antworten auf schnelle Fragen zur Mikrowelle.

Von: Isabel Hertweck-Stücken

Stand: 17.11.2016

Im Auftrag der Universität Aachen sammelt Sarah Drießen alle verfügbaren Studien zum Zusammenhang zwischen „elektromagnetischen Wellen“ oder „Feldern“ und der menschlichen Gesundheit. Sie macht sie der Öffentlichkeit auf einem Internet-Portal zugänglich. Die erste Frage geht an sie:

Sind Mikrowellenherde schädlich für die menschliche Gesundheit?

"Mir sind keine Studien bekannt, die darauf hinweisen, dass Mikrowellenherde der menschlichen Gesundheit schaden. Allerdings muss man dabei beachten, dass Mikrowellenherde bestimmte Grenzwerte einhalten müssen, und dass das natürlich unter Vorgabe dessen gilt, dass diese Grenzwerte auch eingehalten werden."

Dr. rer. nat. Sarah Drießen, Forschungszentrum für Elektro-Magnetische Umweltverträglichkeit (femu), RWTH Aachen

Ungesunde Mikrowelle? Forschung über elektromagnetische Felder

Internet: Gefahr Mikrowelle?

Im Internet findet sich der Fall eines Schweizer Ernährungswissenschaftler, der mit seinen beunruhigenden Ergebnissen zu den Auswirkungen von Mikrowellenstrahlung auf die menschliche Gesundheit von einem Schweizer Gericht „mundtot“ gemacht worden sei. Der Europäische Gerichtshof habe dieses Urteil wieder aufgehoben. Das stimmt.
Allerdings lassen die Richter in ihrer Urteilsbegründung keinen Zweifel am sehr bescheidenen wissenschaftlichen Niveau der fraglichen Studie – im Urteil geht es eigentlich um das hohe Gut der Meinungsfreiheit.

Die Auswirkungen von elektromagnetischen Wellen oder Feldern auf die menschliche Gesundheit sind durchaus Gegenstand von wissenschaftlichen Auseinandersetzungen. Aber bei manch „unabhängigen“ Informationen zu Mikrowellenstrahlung vor allem im Internet ist fraglich, ob dahinter immer fundierte wissenschaftliche Daten stecken.
Bei wissenschaftlich fundierten Auseinandersetzungen geht es vor allem um Handys oder den Elektrosmog von Hochspannungsleitungen.

"Wenn ich Mikrowellen vom Mikrowellenherd mit Mobiltelefonen vergleichen möchte, dann ist es schon so, dass die Mikrowellen von der Frequenz her sehr ähnlich sind. Allerdings ist vielleicht der Unterschied, dass ich mir beim Telefonieren das Handy die ganze Zeit ans Ohr halten muss und deswegen diesen Mikrowellen auch stärker ausgesetzt bin; für eine längere Zeit, als wenn ich das Essen warm mache in meiner Mikrowelle. Da schau ich ja nicht die ganze Zeit in meine Mikrowelle rein. Und ich bin deswegen nicht die ganze Zeit dem Gerät so nah und diesen Frequenzen oder auch den Mikrowellen nicht so stark ausgesetzt."

Dr. rer. nat. Sarah Drießen, Forschungszentrum für Elektro-Magnetische Umweltverträglichkeit (femu), RWTH Aachen

Essen aus der Mikorwelle: gesund oder ungesund?

Kurz: Wer Angst vor elektromagnetischer Strahlung hat, sollte bei seinem Handy anfangen. Der Mikrowellenherd scheint demgegenüber ein vertretbares Risiko zu sein.
Übrigens: Auch das Essen selbst wird mit der Mikrowelle nicht verstrahlt. So etwas können nur Röntgen- oder radioaktive Strahlen – sogenannte ionisierende Strahlung.

"Mikrowellen gehören zu den nicht ionisierenden Strahlen. Wir als Wissenschaftler sprechen sogar von elektromagnetischen Feldern, wir reden da gar nicht von Strahlung. Und deswegen kann in dem Sinne das Essen auch gar nicht verstrahlt werden."

Dr. rer. nat. Sarah Drießen, Forschungszentrum für Elektro-Magnetische Umweltverträglichkeit (femu), RWTH Aachen

Mikrowellen-Essen: gesund oder ungesund?

Gerücht oder Werbung? Infos im Netz zu Lebensmitteln

Wer im Internet nach Informationen über Lebensmittel und ihre Inhaltsstoffe sucht, landet – nach Recherchen der Verbraucherzentrale Hamburg – oft auf Seiten und Portalen, hinter denen die Lebensmittelindustrie steckt, oder die sich durch Anzeigen für zweifelhafte Nahrungsmittelergänzungen finanzieren.

Die Frage geht an Ute Gomm vom Verbraucherinformationsdienst AID. Das ist ein gemeinnütziger Verein, der sich der unabhängigen Information über Lebensmittel und Landwirtschaft verschrieben hat. Gefördert wird diese Arbeit durch Mittel des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft.


Die Frage ist also: Kann man zum Beispiel angesichts der zahlreichen Fertiggerichte, die speziell für die Mikrowelle angeboten werden, noch von „gesunder“ Ernährung sprechen?

"Es kommt immer darauf an, welches Lebensmittel man in der Mikrowelle zubereitet. Man kann das Gerät nicht verteufeln oder in den Himmel heben. Es hängt einfach davon ab, was man darin zubereitet."

Ute Gomm, Verbraucherinformationsdienst AID

Mikrowelle: Nährstoffe und Zubereitung

Gesetzt den Fall, man bereitet in der Mikrowelle „gesunde“ Lebensmittel zu, zum Beispiel frisches Gemüse. Wie wirkt sich das auf die Inhaltstoffe aus? Der AID hat dazu eine Broschüre erstellt, die kostenpflichtig über das Inernet bezogen werden kann.

Dort gibt es viele Zahlen und Diagramme zu verschiedenen Garverfahren und ihrem Einfluss auf verschiedene Inhaltsstoffe. Nicht wirklich eine unterhaltsame Lektüre. Aber wenn man sich ein bestimmtes Lebensmittel näher anschaut, wird das ganze richtig spannend, Beispiel Brokkoli.

Mikrowelle: Das Brokkoli-Gerücht

Brokkoli-Studie: Richtig oder falsch?

Verliert Brokkoli durch Mikrowellen Nährstoffe?

Im Internet kursiert eine wissenschaftliche Studie aus Spanien. Die Mikrowelle, heißt es da, zerstöre die sekundären Pflanzenstoffe im Brokkoli fast vollständig.
Das wäre natürlich überhaupt nicht gesund, denn sekundären Pflanzenstoffen werden zahlreiche gesundheitsfördernde Effekte nachgesagt.

"Es gibt Hinweise darauf, dass die sekundären Pflanzenstoffe vor Krebs schützen, deshalb möchte man sie natürlich in den Lebensmitteln erhalten. Und sekundäre Pflanzenstoffe wie Farbstoffe zum Beispiel sind eben vor allem in frischem Obst und Gemüse enthalten." Ute Gomm, Verbraucherinformationsdienst AID

Der Test

Ute  Gomm hat die Ergebnisse der spanischen Studie von den Verfassern der AID-Broschüre über „Nährstoffveränderungen bei der Lebensmittelzubereitung im Haushalt“ überprüfen lassen.

Eignet sich die Mikrowelle zum Garen von Gemüse?

Einer davon ist Prof. Elmar Schlich, Professor für Prozesstechnik in Lebensmittel- und Dienstleistungsbetrieben.
Er hat die Inhaltstoffe von in der Mikrowelle zubereitetem Brokkoli mit seinen Mitarbeitern analysiert und die Ergebnisse mit anderen Garverfahren verglichen.

Erwärmung in der Mikrowelle

Physikalisch funktioniert die Erwärmung des Brokkolis durch Mikrowellen anders als bei herkömmlichen Garverfahren. Denn die elektromagnetischen Wellen wirken nur auf einen Bestandteil des Brokkolis: das enthaltene Wasser. Die Wassermoleküle sind wie kleine Magnete (Dipole), mit positiv und negativ geladenem Pol. Die elektromagnetischen Mikrowellen bringen diese magnetischen Teilchen in eine Drehbewegung – so schnell, dass dadurch Reibungswärme entsteht:

"Die Wassermoleküle rotieren mit einer sehr hohen Frequenz, 2450 Megahertz. In Worten: 2450 Millionen Mal pro Sekunde werden die Wassermoleküle umgepolt, von links nach rechts. Das heißt, sie geraten in Drehung, und diese Drehung erzeugt innere Reibung, und  die Reibung erzeugt Wärme." Prof. em. Dr.-Ing. Elmar H. Schlich, Professur für Prozesstechnik in Lebensmittel- und Dienstleistungsbetrieben, Koblenz, Gießen

Mikrowelle: Zerstört oder verändert sie Nährstoffe?

Zerstört diese Art der Erhitzung bestimmte Nährstoffe? Prof. Schlich und seine Mitarbeiter konnten das nicht bestätigen.

"Die Mikrowelle zerstört keine Nährstoffe. Es gab dazu eine Studie, die aber weder von uns noch von anderen verifiziert werden konnte. Es konnte niemand diese Versuche wiederholen." Prof. em. Dr.-Ing. Elmar H. Schlich, Professur für Prozesstechnik in Lebensmittel- und Dienstleistungsbetrieben, Koblenz, Gießen

Effekte der Mikrowellen-Erhitzung: Weniger fettlösliche Vitamine

Mikrowelle: Sind im erhitzten Gemüse weniger Vitamine nutzbar?

Allerdings konnten Prof. Schlich und seine Mitarbeiter einen anderen negativen Effekt feststellen: Der „mikrogewellte“ Brokkoli enthielt weniger fettlösliche Vitamine als der gekochte oder gedünstete. Als Ursache für diesen Effekt vermutet Prof. Schlich die ungleichmäßige Erwärmung in der Mikrowelle. Denn diese Inhaltsstoffe werden erst durch Erhitzen freigesetzt – und das funktioniert bei der Mikrowelle nicht an jeder Stelle gleich gut.

"Die Mikrowellenenergie kommt dahin, wo Wasser ist. Wo aber weniger Wasser ist, und wo's weiter innen ist im Lebensmittel, also in den Stielen etwa vom Brokkoli, da ist das nicht der Fall. Und das sieht man dann später bei den Analysen, weil die Provitamin-A-Werte beim Dampfgaren oder beim Kochen viel besser rauskommen als bei der Mikrowelle." Prof. em. Dr.-Ing. Elmar H. Schlich, Professur für Prozesstechnik in Lebensmittel- und Dienstleistungsbetrieben, Koblenz, Gießen

Mikrowelle: Nährstoffe nicht zerstört, aber weniger bioverfügbar

Das heißt, diese Inhaltstoffe werden nicht zerstört, sondern in unvollständiger Weise für die menschliche Verdauung bioverfügbar gemacht. Natürlich könnte man diesem Mangel abhelfen, indem man den Brokkoli einfach länger in der Mikrowelle lässt: Das ginge dann allerdings auf Kosten anderer Inhaltstoffe, die durch zu langes Erhitzen zerstört werden. Auf die Balance kommt es an.

"Die wasserlöslichen Nährstoffe bleiben in der Mikrowelle weitgehend erhalten. Dazu zählen die Mineralstoffe, Vitamin C, Vitamine der B-Gruppe. Die fettlöslichen Nährstoffe werden teilweise aufgeschlossen und für die menschliche Verdauung bioverfügbar gemacht, aber teilweise eben nicht. Beim Brokkoli ist es so, dass wir in der Zellmatrix fettlösliche Vitamine haben, die sind aber kristallin gebunden. Das heißt, wir müssen erst Energie aufbringen, um diese fettlöslichen Nährstoffe aus der kristallinen Matrix zu lösen und dadurch erst für die menschliche Ernährung bioverfügbar machen. Das gilt zum Beispiel auch für Karotten: Wenn ich Karotten roh verzehren würde, dann gehen 90 bis 95 Prozent (der Nährstoffe) durch die menschliche Verdauung und werden wieder ausgeschieden. Das liegt daran, dass wir nicht die Enzyme haben, die die Zellulose aufspalten - wir sind ja keine Hasen, keine Kaninchen, die können das, die können Zellulose aufspalten und kommen so an die fettlöslichen Nährstoffe! Wir brauchen dazu ein Garverfahren und zwar ein Garverfahren, das möglichst gleichmäßig, mit einer guten Wärmeverteilung arbeitet. Und dazu würde ich bei der Mikrowelle mich eher zurückhaltend äußern, ob die das so gut schafft.
Es hängt eindeutig vom Lebensmittel ab, das kann mal gutgehen, wenn es genug Wasser enthält, das kann aber auch schlecht sein, wenn es ein relativ trockenes Lebensmittel ist."
Prof. em. Dr.-Ing. Elmar H. Schlich, Professur für Prozesstechnik in Lebensmittel- und Dienstleistungsbetrieben, Koblenz, Gießen

Schmeckt das Essen aus der Mikrowelle?

Das Zubereiten in der Mikrowelle gilt nicht gerade als Gipfel kulinarischer Raffinesse. Aber ist das vielleicht bloß ein Vorurteil?

Prof. Schlich hat neben den Inhaltstoffen auch die Sensorik der Mikrowellen-Zubereitung wissenschaftlich untersucht. Aber auch hier ist das Manko: die ungleichmäßige Erwärmung. Beispiel Brokkoli:

"Sensorisch haben Sie auf der Oberfläche entweder trockene oder zu weit gegarte Stellen, die dann nicht mehr bissfest sind. Wenn ich die Farbe beurteile, wenn ich die Form beurteile, wenn ich die Textur beurteile und das 'mouth feeling', das haptische Empfinden, dann schneidet die Mikrowelle vielleicht mit ausreichend ab, aber nicht mit sehr gut." Prof. em. Dr.-Ing. Elmar H. Schlich, Professur für Prozesstechnik in Lebensmittel- und Dienstleistungsbetrieben, Koblenz, Gießen

Mikrowelle: Wann sinnvoll, wann nicht?

Wenn es nicht ums Zubereiten, sondern nur ums Aufwärmen geht – „regenerieren“ sagt der Fachmann dazu – ist die Mikrowelle ein gutes und praktisches Verfahren.

"Aus meiner Sicht ist die Mikrowelle weniger ein Garverfahren als ein Regenerationsverfahren. Wenn ich jetzt beispielsweise Tiefkühlbrokkoli habe, die ja schon blanchiert sind bei dem Unternehmen, das die Tiefkühlbrokkoli hergestellt hat, dann kann ich die wunderbar in der Mikrowelle aufwärmen."

Prof. em. Dr.-Ing. Elmar H. Schlich, Professur für Prozesstechnik in Lebensmittel- und Dienstleistungsbetrieben, Koblenz, Gießen

Ausnahme (zumindest bei reinen Mikrowellengeräten ohne zusätzliche Grillfunktion) ist die Pizza. Warum, das erklärt wieder Ute Gomm:

"Also alle Speisen, die normalerweise im Backofen gebacken oder gebraten werden, also angefangen von Kuchen über Fleischspeisen, wie das gebratene Hähnchen oder Pizza, die werden in der Mikrowelle nicht kross. Es gibt keine Bräunungsreaktion, es bildet sich keine Kruste. Und deswegen schmecken solche Lebensmittel in der Mikrowelle zubereitet auch sehr fad und bleiben labberig."

Ute Gomm, Verbraucherinformationsdienst AID

Fazit: Wann ist die Mikrowelle sinnvoll?

Mikrowelle: Zum Aufwärmen geeignet

Die schnelle Welle ist für kleine Haushalte ein annehmbarer Kompromiss für „was Warmes zwischendurch“. Wer aber nach dem optimalen Geschmackserlebnis strebt, für den tut´s dann auch mal die kalte Küche.


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