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Krebstherapie Immuntherapie gegen Krebs

Die Presse titelt: Wundermittel gegen Krebs! Ärzte sprechen von Durchbruch und Patienten schöpfen neue Hoffnung. Endlich scheint eine Waffe im Kampf gegen den Krebs, eine der größten Geiseln der Menschheit gefunden. Es geht nicht mehr nur um Monate des Überlebens nach einer niederschmetternden Diagnose, sondern um Jahre – oder sogar um Heilung. Die Rede ist von der Immuntherapie bei Krebs. Doch was ist dran an der Wunderwaffe? Wie wirkt sie und bietet sie wirklich Hoffnung für alle Betroffenen?

Von: Herbert Hackl

Stand: 16.11.2015

Ärzte meinen tatsächlich, eine neue Ära der Krebsmedizin sei angebrochen. Das Fachblatt „Science“ kürte die Immuntherapie schon im Jahr 2013 zum ‚Durchbruch des Jahres‘. Und das mit gutem Grund. Seit Jahrzehnten scheint nun endlich eine scharfe Waffe im Kampf gegen den Krebs gefunden zu sein.

Neue Ära der Krebsmedizin

Denn ob in Amerika oder Europa: Überall auf der Welt präsentieren Ärzte und Krebsforscher Patienten, die trotz besonders aggressiver Krebserkrankungen, wie Lungenkrebs oder Schwarzem Hautkrebs, jahrelang überleben. Dank der Immuntherapie verschwinden Tumore und Metastasen bei vielen Patienten innerhalb kurzer Zeit. Und manchmal kommen sie auch nie mehr zurück.

Krebs bekämpfen mit dem Immunsystem

Im Gegensatz zu den Konzepten der Chemotherapie und Bestrahlung, durch die der Krebs von außen vergiftet oder geschädigt und so zumindest vorübergehend eingedämmt wird, setzt die Immuntherapie auf die Hilfe des körpereigenen Immunsystems.

Die neue Immuntherapie: So funktioniert sie

Wie Krebszellen das Immunsystem austricksen

Normalerweise haben Krebszellen viele Tricks auf Lager, wie sie sich im Körper vor dem Immunsystem ‚verstecken‘ können. Sie verhindern, dass ihre Bösartigkeit von der Körperabwehr erkannt wird, senden falsche Informationen oder verhindern, dass sie überhaupt beim Immunsystem ankommen.

Keine Reaktion: Immunsystem mit eigenen Mitteln geschlagen

Teilweise liegt die ‚Schuld‘ aber auch am Immunsystem selbst. Abwehrzellen haben zum Beispiel bestimmte Checkpoints: Rezeptoren, die Informationen von anderen Zellen, auch Krebszellen, filtern oder dämpfen. Eine Art eingebaute Bremse, die verhindern soll, dass Abwehrzellen überreagieren und aus Versehen auch gesunde Zellen im Körper angreifen. Einer der Strategien der Immuntherapie setzt genau da an.

Der neue Ansatz: Checkpoints ausschalten ...

Für bestimmte Checkpoints auf den Abwehrzellen haben Forscher in den vergangenen Jahren Blockaden entwickelt. Und zwar spezielle Antikörper. Der Patient bekommt, wie bei einer Chemotherapie, mehrmals im Abstand von mehreren Wochen eine Infusion mit dem Antikörper-Medikament.

Der neue Ansatz: ... Immunsystem aktivieren

Die Antikörper binden dann an die speziellen Checkpoints auf den Abwehrzellen, die bis dahin verhindert haben, dass Tumorzellen bekämpft werden.

Das Immunsystem reagiert

Das Andocken führt dazu, dass die Bremsen der Abwehr gelöst werden. Das Immunsystem wird entfesselt und aktiviert. Der Angriff auf die Krebszellen kann beginnen.

Immuntherapie: wenige Medikamente – vielversprechende Erfolge

Die Entwicklung von Wirkstoffen geht langsam voran. Bei Schwarzem Hautkrebs allerdings sind mittlerweile schon zwei Antikörpermedikamente auch in Europa zugelassen. Bei dieser Krebsart hat man auch die meisten Erfahrungen. Studien und Beobachtungen aus der Praxis zeigen, dass 20 bis 40 Prozent der Patienten auf die Medikamente ansprechen. Warum nicht alle positiv reagieren, ist noch nicht ganz klar. Die Überlebenszeit der Patienten, die darauf ansprechen, wird um ein Vielfaches verlängert. Ein Drittel, so zeigen die Daten bislang, kann sogar dauerhaft vom Krebs befreit, also geheilt werden.
Auch bei Lungen-, Blasen oder Nierenkrebs sind schon gute Erfolge erzielt worden. Weitere Medikamente sind in der Entwicklung.

Immuntherapie: Risiken und Nebenwirkungen

Die Erfolge haben aber teilweise auch ihren Preis. Denn ein entfesseltes Immunsystem kann sich tatsächlich auch gegen alle anderen Zellen im eigenen Körper richten. Autoimmunreaktionen, wie Entzündungen der Haut, in der Lunge oder im Darm treten immer wieder auf. Die müssen rechtzeitig erkannt werden, um mit entsprechenden Medikamenten und Therapien dagegen vorgehen zu können. In vielen Fällen gelingt das auch. Manchmal aber muss die Immuntherapie dann abgebrochen werden. Die Patienten profitieren zwar dann trotzdem von der geleisteten Immuntherapie, aber eben nicht so gut und dauerhaft.

Fazit Immuntherapie: neuer Therapieansatz mit großem Potential

Die Immuntherapie bei Krebs ist also tatsächlich eine vielversprechende und vor allem auch scharfe Waffe gegen den Krebs. Aber noch sind zu wenige Medikamente im Einsatz. Und diejenigen, die es gibt, können noch nicht jedem helfen. Zudem wird die Immuntherapie aus Kostengründen momentan nur bei sehr fortgeschrittenen Fällen eingesetzt. Ob und wann sie tatsächlich bei jedem Patienten und bei allen Krebsarten eingesetzt werden kann, ist noch nicht klar.


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