BR Fernsehen - Gesundheit!


30

Zucker, Weißmehl, ketogene Diät Hilft kohlenhydratarme Ernährung bei Krebs?

Krebs: Kann man durch den weitgehenden Verzicht auf Zucker und Weißmehl seine Heilungschancen erhöhen? Welchen Einfluss haben Kohlenhydrate auf das Tumorwachstum? Gesundheit! stellt zwei Brustkrebspatientinnen vor, die seit längerem Pizza, Pasta, Schokolade und andere Leckereien von ihrem Speiseplan gestrichen haben.

Von: Antje Maly-Samiralow

Stand: 06.03.2017

Die beiden Frauen haben aufgrund ihrer Erkrankung ihre Ernährung umgestellt und setzen auf fett- und eiweißreiche Lebensmittel und Gemüse. Aber ist diese extreme Kostform sinnvoll? Gesundheit! fragt nach: bei einem Ernährungsmediziner, einem Brustkrebsspezialisten und einer Biologin, die die ketogene Diät als Therapieunterstützung bei Krebs erforscht.

Ketogene Diät: sinnvolle Unterstützung bei Krebstherapie?

Krebs und Ernährung: Kann eine Ernährungsumstellung bei der Therapie helfen?

Viele Krebspatienten möchten, neben den schulmedizinischen Therapien, selbst etwas zu ihrer Genesung beitragen. So auch Christina W. und Sabine K. Die beiden Frauen hoffen durch die Modifizierung ihrer Ernährung, den Krankheitsverlauf positiv zu beeinflussen. Christiane W. verzichtet seit fünf Jahren weitestgehend auf Kohlenhydrate:

"Ich hatte ja erst die Brustkrebsbehandlung und dann zum zweiten Mal eine OP und Chemotherapie durch Lebermetastasen. Ich habe von einem Arzt erfahren, dass man sich ketogen ernähren und damit seine Therapie unterstützen kann und damit auch hoffentlich das Krebswachstum unterbindet."

Christiane W., Patientin

Sabine K. hat nach der Diagnose metastasierter Brustkrebs ihre Ernährung ebenfalls umgestellt. Seither stehen unter anderem Rohkostsalate mit ordentlich Olivenöl und Fisch auf dem Speiseplan.

"Früher habe ich mich im Wesentlichen von Kohlenhydraten ernährt. Und nach der Diagnose wusste ich, dass ich meine Ernährung umstellen muss, weil ich gesund werden und bleiben möchte."

Sabine K., Patientin

Was ist eine ketogene Diät?

Krebstherapie und Ernährung: Ketogene Diät, LOGI-Methode oder normale Ernährung?

Bei der ketogenen Diät verzichtet man weitestgehend auf Kohlenhydrate. Die Tagesration an Kohlenhydraten liegt in etwa bei 20 bis 40 Gramm. Dafür werden reichlich Fette und Eiweiß verzehrt. Ganz ohne Kohlenhydrate geht es natürlich nicht. In jedem Gemüse, in Milchprodukten und selbst in Nüssen steckt immer auch ein gewisser Anteil an Kohlenhydraten.

Als Sabine K. auf die ketogene Diät umgestiegen ist, wurde sie von ihrem Arzt Dr. Olaf Katzler unterstützt. Er hält eine kohlenhydratreduzierte Ernährung für sinnvoll.

"Schnellverwertbare Kohlenhydrate wie Zucker, Kuchen, Nudeln, Reis führen dazu, dass sehr viel Insulin ausgeschüttet wird, aber nicht nur Insulin, sondern auch Wachstumshormone wie IGF, die dazu führen, dass die Krebszellen schneller wachsen können."

Dr. med. Olaf Katzler, Gynäkologe, Mammazentrum Hamburg

Ketogene Diät: Der Körper stellt sich um

Ketogene Diät: Der Körper stellt die Energieversorgung der Zellen rasch um.

Verzichtet man nun weitgehend auf Kohlenhydrate und isst stattdessen vermehrt Fette, stellt der Körper nach etwa 72 Stunden auf Ketose um. Das bedeutet, dass verschiedene Organe aus Fettsäuren Ketonkörper herstellen, die die Energieversorgung der Zellen gewährleisten. Die Produktion von Ketonkörpern erfolgt im Wesentlichen in der Leber, in geringeren Mengen auch im Darm, den Nieren sowie im Gehirn.

"Mit der ketogenen Diät kann man keinen Krebs aushungern oder heilen, wie das oft behauptet wird. Aber wir haben deutliche Hinweise darauf, dass eine ketogene Ernährung die Patienten unterstützt, ohne ihnen zu schaden."

Prof. Dr. rer. hum. biol. Ulrike Kämmerer, Biologin, Universitätsklinikum Würzburg

Am Universitätsklinikum Würzburg untersucht die Grundlagenforscherin Prof. Ulrike Kämmerer den Einfluss von Kohlenhydraten auf das Wachstum von Krebszellen.

"Es ist allgemein bekannt, dass Tumorzellen wachsen, sobald man ihnen Kohlenhydrate zuführt. Das liegt daran, dass Tumorzellen auf Zucker angewiesen sind, um sich zu teilen. Das heißt, das Krebswachstum ist ganz eindeutig auf die Zufuhr von Kohlenhydraten angewiesen, die im Körper zu Zucker verstoffwechselt werden."

Prof. Dr. rer. hum. biol. Ulrike Kämmerer, Biologin, Universitätsklinikum Würzburg

Ketogene Diät & Krebs: Was weiß die Forschung

Tumore brauchen mehr Gluskose

Zucker-, Weißmehl und andere Kohlenhydrate stehen schon länger unter Verdacht. Aber welchen Einfluss haben Kohlenhydrate auf das Tumorwachstum?
Tatsache ist, dass Tumorzellen einen deutlich erhöhten Glukosestoffwechsel aufweisen. Das macht man sich auch in der Diagnostik zunutze. Bei einer FDG-PET Untersuchung wird eine radioaktiv markierte Glukoselösung gegeben, um die Tumorherde sichtbar zu machen.

Grundlagenforschung: Tumorzellen am Wachsen hindern

Im Umkehrschluss konnte die Grundlagenforscherin Prof. Ulrike Kämmerer in ihren Experimenten feststellen, dass menschliche Tumorzellen unter Ketose, also dem Glukoseentzug und der Energieversorgung durch Ketonkörper, nicht weiter wachsen. Wie erklärt sie diesen Effekt?

“Die genaue Ursache konnten wir noch nicht festmachen. Es gibt aber verschiedene Mechanismen, über die Ketonkörper – und hier vor allem das Beta-Hydroxybutyrat (abgekürzt 3-OHB) - Tumorzellen am Wachstum hindern können.“
Prof. Dr. rer. hum. biol. Ulrike Kämmerer, Biologin, Universitätsklinikum Würzburg

Besonderer Stoff: Ketonkörper 3-OHB (Beta-Hydroxybutyrat)

Zum einen kann 3-OHB einen wichtigen Wachstumsweg, den mTOR-Signalweg, in Tumorzellen direkt hemmen. Dieser mTOR Weg ist derzeit ein wichtiger Ansatzpunkt von modernen, sogenannten „targeted therapies“, mit denen zielgerichtet das Wachstum von Tumorzellen in Patienten gebremst wird.

Wirksam wie ein Medikament: 3-OHB lässt Zellen wieder bremsen

Zum anderen ist 3-OHB ein sogenannter HDAC-Inhibitor. Derzeit werden moderne Medikamente getestet, die genau das machen, was auch 3-OHB machen kann, nämlich die sogenannten Histon-Deacetylasen, HDACs, zu hemmen. Dadurch wird der zelleigene Bremsmechanismus für Tumorwachstum wieder möglich.
Zumindest einer der Ketonkörper (3-OHB) kann also - wie ein modernes zielgerichtetes Medikament - an verschiedenen Schlüsselmechanismen des Krebswachstums hemmend eingreifen.

Entzündungshemmende Wirkung: 3-OHB wirkt auch auf Immunzellen

Um wachsen und vor allem wandern zu können, brauchen Tumorzellen im Körper eine Entzündungsreaktion mit den entsprechenden Botenstoffen. Von 3-OHB wurde in den letzten zwei Jahren in hochrangigen Publikationen gezeigt, dass es gezielt Entzündungen bremsen kann. Das macht es, indem es zum Beispiel entzündungsfördernde Immunzellen dazu bringt, sich in entzündungshemmende Immunzellen umzuwandeln.

Ketogene Diät: Wundermittel oder Unterstützung mit Potential?

Nach heutigem Wissensstand kann die kohlenhydratarme ketogene Diät keine Krebserkrankung heilen. Die Ketose stellt allerdings mit Beta-Hydroxybutyrat (3-OHB) einen Stoff im Körper zur Verfügung, für den zielgerichtete tumorhemmende Eigenschaften – zumindest in Zellkultur und Tiermodellen – nachgewiesen wurden.

Ketogene Diät: Noch fehlen belastbare Zahlen

Bislang erstreckt sich die universitäre Forschung weitgehend auf Versuche mit Zellkulturen sowie Tieren. Da stellt sich die Frage, ob der Entzug von Zucker und Kohlenhydraten auch das Tumorwachstum bei Menschen positiv beeinflussen kann.

Ketogene Diät: weitgehender Verzicht auf Kohlenhydrate

Außergewöhnliche Krankheitsverläufe unter ketogener Ernährung, die durch eine deutlich verlängerte Überlebenszeit der Patienten, eine progressionsfreie Zeit (also ohne Wiederkehr des Tumors beziehungsweise Metastasen) gekennzeichnet sind, werden im Moment noch als Ausnahmen betrachtet. So lange es keine großen klinischen Studien gibt, die den Einfluss der Ernährung auf das Tumorwachstum beweisen, sind viele Mediziner daher vorsichtig.

"Wir empfehlen grundsätzlich gerade bei Krebspatienten eine Ernährung nach dem LOGI-Prinzip. Das sind weniger und wenn, dann gut verpackte Kohlenhydrate, wie in Vollkornprodukten, Gemüse, da kann auch mal ein Kartöffelchen dabei sein. Wenn Patienten sich bei uns wegen einer ketogenen Ernährung beraten lassen wollen, machen wir das gerne. Aber angesichts der noch nicht ausreichenden Studienlage können wir das noch nicht allgemein empfehlen."

Dr. med. Matthias Riedl, Ernährungsmediziner, Diabetologe, Internist, Hamburg

Brustkrebs und Ernährung: Studie in Bad Kissingen

Ketogene Diät: erste Studienergebnisse aus Bad Kissingen

In einer Studie in Bad Kissingen wurde an 150 Brustkrebspatientinnen untersucht, welchen Einfluss die ketogene Diät auf Gesundheit und Lebensqualität hat. Unter Begleitung von Prof. Ulrike Kämmerer ernährten sich die Teilnehmerinnen der Studie  entweder ketogen (also kohlenhydratarm, mit viel Fett), nach der LOGI-Methode (mit wenigen, dafür komplexen Kohlenhydraten aus Gemüse und Vollkornprodukten) oder relativ kohlenhydratreich nach den Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Ernährung. Mittlerweile liegen die ersten Daten vor.

"In der Keto- und in der LOGI-Gruppe waren die Blutfettwerte und das Cholesterin am besten, was für ein geringes Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen spricht. Bei der Muskel-Fett-Verteilung war die Keto-Gruppe mit Abstand am besten und was die Lebensqualität angeht, waren die Keto-Gruppe und LOGI-Gruppe beide sehr gut."

Prof. Dr. rer. hum. biol. Ulrike Kämmerer, Biologin, Universitätsklinikum Würzburg

Ernährungsumstellung: neues Selbstvertrauen und Lebensqualität

Nach der Diagnose Krebs: Ernährung, Bewegung und psychische Ausgeglichenheit helfen und sind wichtig für die Lebensqualität.

Für Christiane W. und Sabine K. ist die strenge, kohlenhydratarme Diät übrigens keine Einbuße an Lebensqualität. Vielmehr gibt sie den beiden Krebspatientinnen das gute Gefühl,  im Kampf gegen die Krankheit selbst etwas tun zu können:

"Mittlerweile ernähre ich mich schon so lange ketogen, dass sich mein Geschmacksempfinden angepasst hat. Das bedeutet, dass ich normale Schokolade als viel zu süß empfinde.

Zum einen habe ich meine Ernährung umgestellt. Dann treibe ich Sport und ich meditiere. Das sind alles Dinge, die ich vorher nicht so gemacht habe. Es geht mir sehr gut."

Christiane W. & Sabine K., Patientinnen

Neben den schulmedizinischen Therapien sind weitere Elemente einer positiven Lebenseinstellung wichtig. Dazu zählt vor allem Sport, das bedeutet ausreichend Bewegung, aber auch eine gute mentale Einstellung. Stress zu vermeiden, ist bei entzündlichen Erkrankungen wie Krebs besonders wichtig. Patienten sollten versuchen, einen für sie passenden Ausgleich zu finden. Ob dies nun Yoga, Meditation oder andere Entspannungstechniken sind, sei den individuellen Vorlieben überlassen.


30