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Schilddrüsen-OP Wann muss an der Schilddrüse operiert werden?

80.000-100.000 Patienten pro Jahr wird hierzulande die Schilddrüse teilweise oder komplett entfernt. Greifen die Ärzte in Deutschland aus Angst vor bösartigen Tumoren zu schnell zum Skalpell? Wann muss bei Knoten in der Schilddrüse operiert werden?

Von: Thomas Kempe

Stand: 18.07.2017

Laut Statistik hat jeder dritte Deutsche irgendwann einmal Probleme mit der Schilddrüse. Das kleine Organ sitzt unterhalb des Kehlkopfes an der Vorderseite des Halses. Die Hormone, die es produziert, wirken im ganzen Körper. Probleme mit der Schilddrüse haben daher oft Auswirkungen auf den gesamten Organismus.

Die Schilddrüsenhormone T3 und T4 beeinflussen zum Beispiel den Sauerstoffverbrauch der Zellen, die Verstoffwechselung von Kohlenhydraten, Fetten und Eiweißen, also den gesamten Energiestoffwechsel sowie die Funktion des Herz-Kreislauf-Systems und des Magen-Darm-Traktes. Gerät dieses fein abgestimmte System aus dem Takt, können heftige Auswirkungen die Folge sein.

Überfunktion: Die Schilddrüse gibt zu viel Gas

Bei der Schilddrüsenüberfunktion (Hyperthyreose) kommt es zu einer Überversorgung mit Schilddrüsenhormonen. Die Beschwerden können sich langsam entwickeln, aber auch sehr abrupt einsetzen.

Typische Symptome sind: Gewichtsabnahme trotz unverändertem oder sogar gesteigertem Appetit, Haarausfall, verstärktes Schwitzen. Schilddrüsenhormone wirken stimulierend auf das Herz- Kreislaufsystem. Das kann sich unter anderem in einer Erhöhung der Herzfrequenz bemerkbar machen. Im Zentralnervensystem äußert sich eine Schilddrüsenüberfunktion mitunter durch gesteigerte Nervosität, Rastlosigkeit, Zittern, Schlafstörungen und Stimmungsschwankungen.

"Schweißausbrüche, also starkes Schwitzen. Herzklopfen, das sich steigern kann, bis hin zu Herzrasen. Ich konnte wochenlang nicht mehr Auto fahren. Ich habe die Übersicht über den Verkehr, und auch die Übersicht über mein Privatleben verloren."

Yolanda Rödel, Schilddrüsenpatientin

Unterfunktion: Wenn die Schilddrüse bremst

Bei der Schilddrüsenunterfunktion (Hypothyreose) erhält der Körper zu wenige Schilddrüsenhormone.

"Das führt nicht zur Gewichtsabnahme, sondern zur Zunahme. Die Patienten leiden nicht an Hypernervosität, sondern an Müdigkeit. Das ist die umgekehrte Situation für den Stoffwechsel."

Prof. Dr. med. Martina Müller-Schilling, Direktorin der Klinik für Innere Medizin, Universitätsklinikum Regensburg  

Bei Erwachsenen verläuft die Entwicklung einer Schilddrüsenunterfunktion oft unauffällig und eher schleichend. Erst im späteren Verlauf klagen Betroffene über Müdigkeit, Antriebsarmut, ein gesteigertes Schlafbedürfnis sowie Gedächtnisstörungen.

Ähnliche Symptome – verschiedene Ursachen

Die Ursachen für die Erkrankungen, die eine Über- oder Unterfunktion der Schilddrüse hervorrufen können, sind vielfältig. Autoimmunerkrankungen wie Morbus Basedow (Überfunktion) und Hashimoto-Thyreoiditis (Unterfunktion) können genauso dahinter stecken, wie Entzündungen oder Veränderungen im Schilddrüsengewebe – sogenannte Knoten. Die Fachleute unterscheiden hier zwischen “heißen“ und „kalten“ Knoten.

"Heiße Knoten sind Knoten, die zu viel an Jod aufnehmen und zwar ungesteuert durch die normale Kontrolle im Hormonregelkreis, das verursacht die Schilddrüsenüberfunktion. Kalte Knoten sind Knoten, die weniger an Jod aufnehmen, die eine Störung des Stoffwechsels haben und die man dann weiter abklären sollte."

Prof. Dr. Dipl.-Phys. Dirk Hellwig, Leiter der Nuklearmedizin, Universitätsklinikum Regensburg

Operation: Wann der Knoten raus muss

Bis zu 100.000-Mal im Jahr legen sich Patienten in Deutschland wegen ihrer Schilddrüse unters Messer.

"Die Schilddrüsen-Operation ist eine der häufigsten in Deutschland."

Prof. Dr. Marc-H. Dahlke, Stellvertretender Direktor der Klinik & Poliklinik für Chirurgie, Universitätsklinikum Regensburg

Oft werden dabei kalte Knoten entfernt, da diese das Risiko bergen, bösartig zu sein. Mittels Ultraschall zum Beispiel, können die Ärzte erste Abschätzungen zu einem Knoten geben.

"Ganz grob gesprochen gilt in der Regel, dass kalte Knoten ein deutlich erhöhtes Risiko haben für eine maligne Entartung, also Krebs. Und wenn die eine gewisse Größe erreichen, dann sollte man sie operieren."

Prof. Dr. Marc-H. Dahlke, Stellvertretender Direktor der Klinik & Poliklinik für Chirurgie, Universitätsklinikum Regensburg

Ob es sich bei einem Knoten um bösartiges Gewebe handelt, kann derzeit nur durch die Operation zu 100 Prozent abgeklärt werden. Weniger als ein Prozent der entfernten Knoten stellen sich dabei als Krebs heraus. Ohne die OP würde aber immer die Unsicherheit bleiben.

"Es wird immer versucht, Verfahren zu entwickeln, die noch genauer sind, um genauer voraussagen zu können. Ob ein Knoten bösartig ist - ja oder nein. In dem Bereich gibt es auch gute Entwicklungen. Aber letztendlich bleibt doch eine Unsicherheit."

Prof. Dr. Marc-H. Dahlke, Stellvertr. Direktor der Klinik & Poliklinik für Chirurgie, Universitätsklinikum Regensburg

Nach der OP – Hormone ein Leben lang

Bei der OP wird entweder ein Schilddrüsenlappen, oder die gesamte Schilddrüse entfernt. An den großen Kliniken ein Routineeingriff. Für die operierten Patienten bedeute es dann, dass sie die Schilddrüsenhormone, die sie ja selbst nicht mehr produzieren können, in Tablettenform zu sich nehmen müssen.

"Die Schilddrüse wurde entfernt, also fehlt genau das Schilddrüsenhormon. Das können wir in Tablettenform ganz gut und einfach ersetzen. Viele Millionen Menschen weltweit nehmen Schilddrüsenhormone ein. Man muss ganz ehrlich sagen: Es ist die am einfachsten zu ersetzende Organfunktion, die es in der Medizin gibt."

Prof. Dr. med. Martina Müller-Schilling, Direktorin der Klinik für Innere Medizin, Universitätsklinikum Regensburg  

Nach einer OP können die meisten Patienten ihr Leben ganz normal weiterführen.


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