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Homöopathie Der Kampf ums Kügelchen

Schon lange schwelt der Streit um die Homöopathie. Die einen machen gute Erfahrungen und schwören auf die sanfte Therapie, die anderen halten sie für Humbug. Schließlich ist der Wirkstoff in den Globuli so stark verdünnt, dass kaum mehr etwas davon enthalten ist. Wie sollte man mit der umstrittenen Heilweise umgehen?

Von: Veronika Keller

Stand: 17.07.2017

Claudia Schulze-Clewing ist seit über 20 Jahren überzeugt von der Wirkkraft der Homöopathie und hat sich eine große homöopathische Hausapotheke zugelegt. Wenn ihre Tochter sich beim Fußballspielen verletzt, bekommt sie Arnika-Kügelchen, und auch wenn ihr Hund eine Zecke hat, gibt sie ihm Globuli. Bei rein schulmedizinischen Ärzten geht es ihr und ihrer Familie oft zu hektisch zu.

"So wie ich es kenne, ist es bei Schulmedizinern viel mehr durchgetaktet. Und bei unserer homöopathischen Ärztin ist es so, dass man gleich schon entspannt ankommt, entspannt empfangen wird und gefragt wird: ‚Was war denn gestern, was war vorgestern und wie hast Du geschlafen? ‘ Es wird viel mehr auf die Person eingegangen."

Claudia Schulze-Clewing, Patientin

Vom Schulmediziner zum Homöopath

Dr. Ulf Riker ist Internist. Vor 30 Jahren wurde aus einem überzeugten Schulmediziner ein Homöopath, weil er die Wirkung der Globuli am eigenen Leib erfuhr. Wie es sein kann, dass Zuckerkügelchen mit einer verschwindend kleinen Wirkstoffmenge eine spürbare Wirkung haben, wird eines Tages noch erforscht werden, hofft er.

"Auf der rein molekularen Ebene kann das ja eigentlich nicht stattfinden. Es gibt jetzt neueste Forschung zu Nanopartikeln: Die Verteilung der verbliebenen Moleküle ist vielleicht nicht ganz zufällig in der Flüssigkeit, sondern sie lagert sich an Grenzflächen an. Das ist aber meiner Meinung nach alles Hypothese. Ich würde es gern wissen, ich bin neugierig auf mehr Forschung."

Dr. med. Ulf Riker, Internist und Homöopath, München

Homöopathie in der Medizingeschichte

Über 200 Jahre Medizingeschichte sind vergangen, seit der Arzt Samuel Hahnemann seine Theorie von der Homöopathie aufgestellt hat. Er wollte „Ähnliches mit Ähnlichem“ heilen und ging davon aus, dass ein Wirkstoff an Kraft gewinnt, wenn er stark verdünnt wird.

Bisher konnten Studien seine Annahme nicht bestätigen. HNO-Arzt Dr. Christian Lübbers findet, 200 Jahre waren genug Zeit. Seine Überzeugung: Dass so viele Menschen in homöopathischer Behandlung einen Effekt spüren, habe mit den Kügelchen nichts zu tun.

"Es gibt auch andere Dinge, die wirksam sein können, diese Wirksamkeit kann allein durch das Gespräch mit dem Therapeuten und durch das Setting beim Patienten eine gewisse Suggestion auslösen. Wir sprechen auch im Sinn der Homöopathie von einer leichten Psychotherapie."

Dr. med. Christian Lübbers, HNO-Arzt, Weilheim

Vertrauen in Naturheilkunde

Dass sich viele Menschen mit der Homöopathie wohl fühlen, schreibt er einem grundsätzlichen Vertrauen zu, das naturheilkundlichen Verfahren entgegengebracht wird. Die Homöopathie werde oft mit der Naturheilkunde in einen Topf geworfen und profitiere davon.

Auch sein Patient Uwe Kohler traut Globuli nicht viel mehr zu als einen Placebo-Effekt. Seine drei kleinen Kinder schnappen im Kindergarten zurzeit häufig Krankheiten auf. Doch auch wenn er gegen die Homöopathie ist, muss es nicht immer gleich die chemische Keule sein.

"Eine Erkältung ist ja etwas Normales. Wir machen dann Kräutertees oder geben Pflanzensäfte, die das Immunsystem ein bisschen stärken sollen. Wir achten auch auf die Ernährung: viele Vitamine, viel Gemüse. Aber mit Globuli eine ernsthafte Erkrankung behandeln, das geht nicht."

Uwe Kohler, Patient

Gefahr bei schweren Krankheiten

Mit einer nicht wissenschaftlich fundierten Heilweise hätte er Angst, seine Kinder zu gefährden. Eine potenzielle Gefahr sehen selbst manche homöopathischen Ärzte und würden bei schweren Krankheiten doch zur Schulmedizin greifen.

"Es gibt viele Krankheiten, wo man letztendlich erstmal die Schulmedizin braucht, weil der Patient sonst auf der Intensivstation landet oder im schlimmsten Fall daran stirbt. Deswegen glaube ich, dass die Homöopathie nur in ärztlicher Hand gut aufgehoben ist. Wir müssen auf zwei Beinen stehen: Auf einem schulmedizinischen und dann können wir zusätzlich auf dem homöopathischen stehen."

Dr. med. Ulf Riker, Internist und Homöopath, München

Manche Krankenkassen übernehmen Kosten

Auch Claudia Schulze-Clewing fühlt sich sicherer mit der Schulmedizin in der Hinterhand. Solange sie nicht schwer krank ist, wird sie aber weiter auf Globuli setzen. Bei ihr übernimmt die Krankenkasse die Kosten dafür.

"Die Krankenkassen erstatten es natürlich sehr gerne, weil Patienten, die die Homöopathie positiv sehen, häufig jüngere, einkommensstarke und häufig gesündere Patienten sind. Auf diese Art und Weise kann eine Krankenkasse über das Marketing ‚Wir erstatten Homöopathie‘ junge und gesunde Patienten binden."

Dr. med. Christian Lübbers, HNO-Arzt, Weilheim

Dr. Riker ist durch seine langjährigen Erfahrung überzeugt: Irgendetwas muss dran sein an der Homöopathie. Er hofft, dass die Forschung das Geheimnis eines Tages lüftet.


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