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Nervenstimulator Neue Therapie gegen Cluster-Kopfschmerzen

Ein plötzliches Ziehen und Stechen und schon ist er da, der Kopfschmerz. 70 Prozent der Deutschen leiden unter anfallsweisen oder sogar chronischen Kopfschmerzen. Manche sind weniger schlimm und vergehen schnell wieder. Andere, wie etwa bei einer Migräne, sind deutlich heftiger. Experten testen jetzt neue Therapie-Methoden.

Von: Robert Grantner

Stand: 29.05.2017

Bei Helma Stiefelhagen (55) ist das ganz anders. Seit Jahren leidet sie unter der schlimmsten Art von Kopfschmerzen: unter Cluster-Kopfschmerzen. „Cluster“ heißen sie deshalb, weil sie sehr periodisch und gehäuft auftreten.

"Man hat eigentlich alles auf einmal: Man hat Schmerzen im Auge, man hat Schmerzen in der Zahnreihe, wie Zahnschmerzen. Manchmal ist es so schlimm, dass man einfach sagt ich will nicht mehr, ich kann nicht mehr, weil es dann auch Stunden dauert! Man hat das Gefühl, das Auge will raus. Alles tut weh, die Seite, der ganze Kopf eigentlich. Ich hab dann schon da gesessen und gesagt, ich möchte so nicht mehr leben."

Helma Stiefelhagen, Patientin

Unheilbare Krankheit

Bislang war die einzige Behandlungsmethode, dass man versucht hat, den Schmerz mit Medikamenten abzumildern. Eingesetzt wurden Triptane, Nasensprays oder auch Sauerstoff. Doch wirklich weg ist der Cluster-Kopfschmerz dadurch nicht.

Auch die Ursachen des Cluster-Kopfschmerzes sind bislang nicht eindeutig geklärt. Was man weiß ist, wo der Schmerz entsteht und welche Nervenbahnen er passiert.

"Eigentlich ist Schmerz ja etwas Sinnvolles: Wenn wir die Hand auf die Herdplatte legen, ist es eine gute Idee, sie schnell wieder weg zu ziehen. Das heißt über eine Datenautobahn wird diese Info direkt vorrangig zur Hirnrinde geleitet, wo dann auch gleich die Reaktion ausgeführt wird. Wenn auf der Leitungsebene irgendetwas kaputt ist, dann wird ständig übermittelt, dass da im Gesicht etwas nicht in Ordnung wäre bei dem Patienten, was de facto ja nicht so ist. Und da greifen wir ein."

Prof. Dr. med. Jan Vesper, Leiter Sektion Funktionelle Neurochirurgie und Stereotaxie, Universitätsklinikum Düsseldorf

Neue Therapie-Methode: Nervenstimulator

Nervenschrittmacher

Und zwar mit einem sogenannten Nervenschrittmacher. Der ist nicht größer als ein Fingernagel und wird genau dort implantiert, wo der Schmerz von den Patienten wahrgenommen wird: hinter dem Oberkiefer. Dort befinden sich der Trigeminus-Nerv und sein Nervenknoten namens Ganglion sphenopalatinum, der als Auslöser für den Clusterkopfschmerz gilt. Während einer Schmerzattacke kann der Patient den Stimulator per Fernbedienung aktivieren und der Schmerz schwächt sich ab – oder verschwindet manchmal sogar ganz.

An der Universitätsklinik Düsseldorf arbeiten zwei Professoren aus zwei unterschiedlichen Fachgebieten zusammen und operieren die Patienten gemeinsam. Prof. Vesper, als Experte für Neurochirurgie und Prof. Klenzner, als HNO-Fachmann.

"Bei etwa zwei Drittel der Patienten können wir nach der Operation eine deutliche Verbesserung feststellen. Sie haben weniger starke Schmerzen und sie haben diese weniger häufig. Das bedeutet auch, dass die Patienten danach weniger von den starken Schmerzmitteln einnehmen müssen."

Prof. Dr. med. Dr. h.c. Thomas  Klenzner, Stellv. Klinikdirektor HNO-Klinik und Leiter des Hörzentrums, Universitätsklinikum Düsseldorf

Vielversprechende Ergebnisse

Helma Stiefelhagen hat die Verbesserung seit der OP sogar gemessen. In einem speziellen Schmerz-Tagebuch notiert sie seit vier Jahren jede Cluster-Attacke.

"Vorher waren die Attacken immer sehr stark und lang. Seit ich das Gerät benutze, ungefähr seit einem Jahr, hat sich das um mindestens 50 Prozent reduziert. Die Attacken sind nicht mehr so stark und lange und kommen vor allem nicht mehr so oft. Sonst hatte ich das fast jeden Tag, jetzt habe ich schon mal ein bis zwei Wochen dazwischen Pause."

Helma Stiefelhagen

Könnte der Stimulator auch bei anderen Kopfschmerzen helfen?

Jetzt sollen weitere Forschungen zeigen, ob der Nervenstimulator vielleicht auch bei anderen Kopfschmerz-Arten helfen könnte, wie beispielsweise bei der Migräne. Die Experten sind vorsichtig optimistisch.

"Die Migräne äußert sich vor allem im Hinterkopf, am Nacken. Und diese Nerven am Hinterkopf hängen eng zusammen mit den Nerven, über die wir bei Cluster-Kopfschmerzen sprechen. Und das ist nun Gegenstand der Erforschung, ob es eben auch bei anderen Kopfschmerz-Arten hilft, wie der Migräne - die ja noch viel häufiger ist als der Cluster-Kopfschmerz."

Prof. Dr. med. Jan Vesper, Leiter Sektion Funktionelle Neurochirurgie und Stereotaxie, Universitätsklinikum Düsseldorf


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