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Bienengiftallergie Hyposensibilisierung meist erfolgreich

Eine Allergie gegen das Gift von Insekten wie Bienen oder Wespen kann dramatische Folgen haben. Bei Allergikern kann es schnell zu Reaktionen wie Übelkeit, Schwindel, Hautausschlägen und sogar Atemnot und schwerwiegenden Kreislauf-Problemen kommen.

Von: Isabel Hertweck-Stücken

Stand: 24.07.2017

Die Therapie gegen die Allergie ist langwierig, aber sehr erfolgreich. Forscher des Münchner Helmholtz Zentrums haben sich intensiv mit der Zusammensetzung des Bienengifts auseinandergesetzt. Ihre Forschungsergebnisse können die Erfolgsquote der Therapie jetzt noch weiter steigern.

Anaphylaktischer Schock: Lebensbedrohliche allergische Reaktion

Für Daniela Reichgruber und ihre Familie war der Besuch eines Schwimmbads oder eines Badesees lange mit einem mulmigen Gefühl verbunden. Denn vor fünf Jahren verwandelte sich ein solcher Sonnentag plötzlich in eine Katastrophe. Nachdem sie in eine Biene getreten war, traten völlig unerwartete Symptome auf, die sie zunächst gar nicht mit dem Stich in Verbindung brachte.

"Nach zehn Minuten habe ich eher unbewusst wahrgenommen, dass meine Kopfhaut anfängt zu jucken. Erst dachte ich, vielleicht ein falsches Shampoo, dass die Kopfhaut so juckt. Aber nach weiteren fünf Minuten hat dann mein großer Sohn gesagt: 'Mama, du kriegst irgendwie so komische Flecken, das sieht gar nicht mehr gut aus.'"

Daniela Reichgruber, Bienengiftallergikerin

Daniela Reichgrubers Zustand verschlechterte sich von Minute zu Minute: Schwellungen am ganzen Körper, Atemnot, Herzrasen, Kreislaufkollaps. Eine lebensgefährliche allergische Reaktion, genannt: anaphylaktischer Schock. Nur dank schneller notfallmedizinischer Versorgung überlebte sie. Wie knapp es dabei zuging, wurde ihr erst später klar.

"Ich kann mich erst wieder daran erinnern, dass ich wach geworden bin, mit einer Kanüle und einer Infusion, hinter einer Trennwand. Der behandelnde Arzt hat die Sanitäter noch mal aufgeklärt - das habe ich weit entfernt mitgehört - wie gefährlich das ist, und dass man an so einem allergischen Schock auch sterben kann."

Daniela Reichgruber, Bienengiftallergikerin

Risikofaktoren unbekannt

Kleine Ursache, dramatische Folgen. Eine Bienengiftallergie betrifft in Deutschland schätzungsweise ein bis fünf Prozent der Bevölkerung. Gründe dafür oder Risikofaktoren sind unbekannt. Besonders oft aber sind Personen betroffen, die viel mit Bienen zu tun haben.

"Es ist zwar selten, aber es kommt vor, dass auch langjährige Imker plötzlich von einer Stunde auf die andere allergisch reagieren. Und zwar hochgradig allergisch, bis hin zum anaphylaktischen Schock."

Arno Bruder, Imkerei-Fachberater Bezirk Oberbayern

Hyposensibilisierung: Erfolgreiche Therapie bei Bienen-und Wespenallergie

Eine Therapie gegen die Bienengiftallergie ist langwierig, aber sie ist zum Glück sehr wirksam. Gerade bei besonders heftigen Reaktionen auf einen Stich lohnt sich dieser Weg. Auch Daniela Reichgruber hat sich für die sogenannte Hyposensibilisierung entschieden. Eine Behandlung, die in den letzten Jahren große Fortschritte gemacht hat. Dabei wird den Patienten eine kleine Dosis Bienengift injiziert, weniger als ein Prozent eines Bienenstichs. Schritt für Schritt wird dann die Menge gesteigert – je nachdem, wie gut die Patienten das Gift schon vertragen.

"Man merkt relativ schnell, ob Pusteln entstehen, wie man reagiert, und dann kommt so eine kurze Welle von Übelkeit. Wenn die weg ist, und nicht weitere Reaktionen auftreten, ist es relativ gut gelaufen."

Daniela Reichgruber, Bienengiftallergikerin

Durch die wiederholte Konfrontation mit dem Allergen setzt mit der Zeit eine Art Gewöhnung ein. Die allermeisten der Bienen-und Wespenallergiker, die Prof. Darsow in der Allergieambulanz der TU-München behandelt, kann er nach drei bis fünf Jahren als geheilt entlassen.

"Die Erfolgschancen der allergenspezifischen Immuntherapie bei Insektengiften sind die höchsten Chancen, die wir überhaupt in der Immuntherapie haben. Sie liegen im Durchschnitt um die 90 Prozent bei Bienen und Wespengift. Das bedeutet, dass tatsächlich 90 Prozent dieser Patienten nach der Therapie wieder einen Insektenstich vertragen."

Prof. Dr. med. Ulf Darsow, Dermatologe und Allergologe, Klinikum am Biederstein, TU München

Ein komplexer Gift-Cocktail: dem Bienengift auf der Spur

Aber was ist mit den restlichen zehn Prozent? Durch Simon Blank vom Helmholtz Zentrum in München könnte die Therapie in Zukunft noch erfolgreicher werden. Seit Jahren untersucht der Wissenschaftler, welche Stoffe im Gift der Biene genau für die Allergien der Menschen verantwortlich sind.

"Die meisten Stoffe, die in dem Bienengift enthalten sind, haben eine Funktion als Giftkomponente. Also um das Gift wirksam zu machen, dass das Gift in das Gewebe vordringt, Zellen kaputt macht, oder einfach verschiedene Funktionen im Opfer lahmlegt. Im Falle der Allergie kommt es nicht auf diese Giftwirkung an, sondern einfach darauf, dass der Patient gegen bestimmte Giftbestandteile eine Immunantwort entwickelt, eine allergische Immunantwort."

Priv.-Doz. Dr. rer. nat. Simon Blank, Biochemiker, Helmholtz Zentrum München

Neue Forschungsergebnisse zur erfolgreichen Therapie

Fünf Allergenen, also allergieauslösenden Stoffen im Gift der Bienen, ist der Wissenschaftler mit seinem Team auf die Spur gekommen. Außerdem hat er herausgefunden, dass Allergiker oft nur auf ein oder zwei dieser Komponenten reagieren. Bei der Hyposensibilisierung ist es deshalb entscheidend, dass genau das Allergen, auf das der Patient reagiert, auch in dem Präparat enthalten ist. Blank und seine Forschungsgruppe konnten zeigen, dass sich die Präparate verschiedener Hersteller hier teilweise erheblich unterscheiden.

"Zum Beispiel konnten wir feststellen, dass in einigen Präparaten drei der fünf untersuchten Allergene im Vergleich zu den anderen Präparaten doch sehr stark unterrepräsentiert sind."

Priv.-Doz. Dr. rer. nat. Simon Blank, Biochemiker, Helmholtz Zentrum München

Dank dieser Forschungsergebnisse können nun die geeignetsten Präparate ausgewählt werden, um die Erfolgsaussichten der Therapie noch weiter zu steigern. Für ein Leben ohne Angst und ohne Notfallset. So ein Set muss Daniela Reichgruber im Moment immer bei sich tragen. Erst wenn ihre Behandlung abgeschlossen ist, in circa vier Jahren, kann sie sich wirklich sicher fühlen. Auch ohne Notarzt in der Nähe.

Tipps gegen Bienenstiche

Von einer Biene gestochen zu werden, ist eigentlich sehr unwahrscheinlich. Die Bienenvölker, mit denen heutige Imker arbeiten, sind zudem durch jahrzehntelange Zucht immer „zahmer“ bzw. friedlicher geworden. Einige einfache Regeln im Umgang mit den Tieren sollte man aber beachten:

  • Nicht schlagen/ keine abrupten Bewegungen
  • Bei Gewitterneigung besonders vorsichtig sein: Das macht die Bienen nervös
  • Bienen, die sich in Haaren verfangen, sollte man besser töten, zum Beispiel mit einem energischen Schlag mit der flachen Hand auf die Stelle, an der man die Biene vermutet. Denn das Haar erinnert die Biene an einen Honigdieb, der um jeden Preis vertrieben werden muss.

"Urbild ist immer der Bär, ihr Hauptfeind, und da versucht die Biene einfach bis auf die Kopfhaut durchzudringen und dann eben ihren Stich zu setzen."

Arno Bruder, Imkerei-Fachberater Bezirk Oberbayern

Der beste Rat ist: Ruhe bewahren! Denn Angst können Bienen riechen und werden davon misstrauisch.


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