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Gefährliche Medikamente Wie sicher sind Medikamente in Deutschland?

Illegale und minderwertige Medikamente gibt es nicht nur in Entwicklungsländern: Auch in Deutschland gelangen solche Präparate in die legale Lieferkette. Vor allem Importware gilt in erster Linie als Einfallstor für Fälschungen.

Von: Katharina Kerzdörfer

Stand: 16.05.2017

Petra H. hat Nierenkrebs. Diagnostiziert wurde das zu spät. Inzwischen hat sie Metastasen in der Lunge, der Milz und im Becken. Sie wird an diesem Krebs sterben, für eine Heilung ist er schon zu sehr fortgeschritten. Dennoch ist sie positiv eingestellt.

"Dass ich heute noch so bin, habe ich meiner Lebensfreude zu verdanken. Ich bin gerne Mensch und gerne auf der Erde."

Petra H.

Ihr Arzt verschrieb ihr das Medikament Sutent von Pfizer. Es tötet zielgerichtet Tumorzellen ab und kann zu Hause eingenommen werden. Mehrere Packungen lang half es sehr gut. Doch als Petra H. eines Tages zur Kontrolle zu ihrem Arzt ging, sagte er ihr,  dass der Krebs rapide gewachsen sei. Höchst ungewöhnlich. Der Verdacht: Eine Packung enthielt gefälschte, wirkungslose Tabletten.

"Das ist für mich wie Krieg führen gegen Patienten. Das ist eine Sache, weil das eine rein materielle Sache ist, da Gewinn zu machen durch Medikamente, ist das Schlimmste, was man sich überhaupt vorstellen kann."

Petra H.Ihr Arzt Professor Michael Staehler vom Klinikum Großhadern in München hat anhand von CT-Aufnahmen festgestellt, dass die Metastasen in Petra H.s Lunge ungewöhnlich stark gewachsen sind. Er ist davon überzeugt, dass sie ein gefälschtes Medikament bekommen hat.

Und das ist nicht alles: Er sagt, er habe bis zu sieben Nierenkrebspatienten, die eine derartige Situation erlebt hätten. Außerdem gehe er von einer Dunkelziffer aus.

"Es ist eine Katastrophe. Es ist das Schlimmste, was passieren kann, dass, um den Profit zu mehren, das Leben von Patienten akut gefährdet und Lebenszeit verkürzt wird, noch dazu bei Patienten, die auf unsere fortwährende Hilfe angewiesen sind. Im Rahmen einer Krebserkrankung ein frühzeitiges Ableben in Kauf zu nehmen, ist für mich ein billigendes Töten zur Maximierung eigener Profite."

Prof. Dr. med. Michael Staehler, Urologe, Klinikum der Universität München

Importware als Einfallstor für Fälschungen

Im Verdacht hat Michael Staehler Importware aus dem Ausland. Um die Medikamentenpreise in Deutschland möglichst niedrig zu halten, ist eine Importquote von fünf Prozent vorgeschrieben. Jeder Apotheker muss fünf Prozent der Medikamente, die er abgibt, aus Importen generieren. Eine Form ist der so genannte Reimport.
Ein Medikament wird aus Deutschland zum Beispiel nach Rumänien versandt. Dort wird es günstiger angeboten. Und dann wird es aus Rumänien wieder nach Deutschland transportiert. Das spart Geld. Das ist besonders heikel. Denn genau dieser Transportweg ist immer wieder Einfallstor für Kriminelle, Fälschungen in die legale Lieferkette einzuschleusen. Auch Importe von Sutent waren nachweislich betroffen.

Wirkstoffproduktion im Ausland

Dem Krankenhausapotheker vom Klinikum Großhadern, Jürgen Reh, macht eine weitere Entwicklung auf dem weltweiten Pharmamarkt Sorge: Immer mehr Wirkstoffe werden in Indien und China hergestellt.

"Aufgrund der langen Lieferwege aus China, Indien, haben sie eine größere Gefahr, dass jemand mit krimineller Absicht was untermischt, um den Gewinn zu steigern.Die Gefahr wäre mit Sicherheit kleiner, wenn Sie in Europa produzieren würden."

Jürgen Reh, Apotheker, Klinikum der Universität München

Über ganz Deutschland verteilt gibt es Stellen, die die Qualität von Wirkstoffen und Medikamenten überprüfen. In Bayern sind es die Regierung von Oberbayern in München und die Regierung von Oberfranken in Bayreuth. Wie laufen Kontrollen bei Wirkstoff- und Arzneimittelherstellern ab? Wir fragen bei der Regierung von Oberbayern nach.

Insgesamt 17 Inspekteure kontrollieren weltweit

" … über 3.660 Betriebe und Einrichtungen. ... (Diese werden)… in der Regel etwa alle zwei Jahre inspiziert ... in der Regel angekündigt."

Regierung von Oberbayern auf Anfrage

Auf weitere Anfrage wird uns mitgeteilt, dass unangekündigte Kontrollen nicht gesondert erfasst würden.

"Im Sinne einer sehr groben Schätzung aus den Erfahrungswerten der letzten Jahre heraus, dürften es im Durchschnitt 10 bis 15 unangekündigte Inspektionen pro Jahr sein, die die Regierung von Oberbayern durchführt."

Regierung von Oberbayern auf Anfrage

"In meinen Augen ist eine angekündigte Kontrolle keine Kontrolle. Natürlich findet man da nichts. Wenn alles angekündigt ist, kann man alles zur Seite räumen, was nicht in Ordnung ist."

Prof. Dr. med. Michael Staehler, Urologe, Klinikum der Universität München

Fehler im System?

Michael Staehler schreibt auf die Rezepte für seine Patienten jetzt immer: „kein Reimport“. Eine Notlösung. Eigentlich müsste sich grundlegend etwas ändern, meint er.

"Wir haben damals auch den Hersteller darauf hingewiesen und die Problematik erläutert. Es kam dann dazu, dass versucht wurde, herauszufinden, wie das zustande kam. Lässt sich leider nicht so ohne weiteres belegen, weil die Patienten die Medikamente bereits eingenommen haben. Das heißt, es ist nichts mehr übrig davon."

Prof. Dr. med. Michael Staehler, Urologe, Klinikum der Universität München


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