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Elektro-Therapie Strom als Therapie bei Kopfschmerzen

Migräne und Cluster-Kopfschmerzen können mit der elektrischen Stimulation des Vagusnervs behandelt werden. Die ersten Studien sind bereits abgeschlossen. Aber noch sind die Erfahrungen am Patienten begrenzt. Dennoch sind die Erfolge vielversprechend. Jeder zweite Kopfschmerz-Patient spricht auf die Elektro-Therapie an. Manche Patienten können sogar ihre Medikamente und damit auch die Nebenwirkungen der Standardtherapie deutlich reduzieren.

Von: Andrea Lauterbach

Stand: 18.03.2016

Licht, Wärme, Mobilität, Kommunikation: Elektrischer Strom ist aus unserem Alltag nicht mehr wegzudenken. Auch für die Therapie bestimmter Krankheiten kann Strom äußerst nützlich sein.

Elektrischer Strom: Nützlich als Therapieform

Studien beschäftigen sich mit der Elektrostimulation bei Kopfschmerzen. Erste Ergebnisse sind vielversprechend: Jeder zweite Patient erlebt eine deutliche und für ihn signifikante Verbesserung seiner Beschwerden.
Zwei Kopfschmerzarten liegen derzeit besonders im Fokus der Wissenschaftler: Cluster-Kopfschmerz und chronische Migräne. Beide Formen des Kopfschmerzes sind so schwerwiegend, dass sie erhebliche Einschränkungen der Lebensqualität für die Patienten mit sich bringen.

Medikamente bei Migräne


Eine normales Alltagsleben ist für die Betroffenen nur bedingt möglich. Dazu kommen berufliche Fehlzeiten. Die Karriere endet nicht selten in einer Frühberentung. Betroffene haben ein bis zu 20 Prozent höheres Risiko, ihren Arbeitsplatz zu verlieren. 
Bis vor Kurzem gab es für diese Kopfschmerz-Patienten nur wenige Behandlungsoptionen. Medikamente waren meist das Mittel der Wahl – trotz der teilweise starken Nebenwirkungen wie Müdigkeit und Abgeschlagenheit. Leider konnten auch mit Tabletten oder Injektionen nicht alle Patienten effektiv behandelt werden.

Was ist ein Cluster-Kopfschmerz?

Cluster-Kopfschmerz zählt zu den schlimmsten Schmerzerfahrungen, die ein Mensch machen kann. Nicht umsonst spricht man auch vom Selbstmord-Kopfschmerz. Etwa 100.000 Menschen in Deutschland sind von dieser qualvollen Form des Kopfschmerzes betroffen, Männer deutlich häufiger als Frauen. Auffällig dabei ist, dass besonders oft starke Raucher unter dieser Kopfschmerz-Form leiden.

Die Schmerzen äußern sich immer einseitig rund um das Augen und die Schläfe. Ihre Entstehung lässt sich gut beschreiben. Hinter dem Auge verläuft ein dichtes Geflecht an Blutgefäßen, die mit empfindlichen Schmerzrezeptoren besetzt sind. Bei einer Cluster-Attacke quellen die Gefäße auf, das Blut wird nicht mehr richtig abtransportiert. Der Druck in den Gefäßen steigt weiter an und reizt die empfindlichen Schmerzrezeptoren. Das verursacht die extreme Pein.

"Es fühlt sich an, wie wenn jemand mit einer Bohrmaschine, mit einem glühenden Eisen durch die Schläfe bohrt und einfach nicht mehr aufhört. Es sind unbeschreibliche Schmerzen. Man schreit wie ein wildes Tier. Man schlägt den Kopf gegen die Wand bis er blutet, weil man versucht, die Kopfschmerzen zu übertönen. Irgendwann kann man nicht mehr. Man will nicht mehr. Man will nur noch, dass es endlich aufhört."

Beschreibung eines Cluster-Kopfschmerz-Patienten

Eine Attacke dauert zwischen dreißig Minuten und drei Stunden. Sie tritt häufig in Ruhephasen auf - meist aus dem Schlaf heraus. Cluster-Kopfschmerz-Attacken treten zwischen einigen Malen pro Woche bis hin zu mehreren Malen proTag auf. Manche Patienten beschreiben eine Häufung der Attacken zu bestimmten Jahreszeiten zum Beispiel im Frühjahr und im Herbst. Darauf folgen dann wieder anfallsärmere Phasen. Andere Patienten dagegen haben keine Phasen, die frei von Schmerz-Attacken sind.
Patienten sind Cluster-Attacken auch äußerlich anzusehen: die Augen tränen, die Nase läuft, die Augenlider hängen. Heilen lässt sich die Krankheit bisher nicht.
Auslöser für die Attacken können Alkohol, Aufstieg in größere Höhen und stickstoffhaltige Medikamente sein.

Was ist Migräne?

Etwa 14 Prozent der Erwachsenen leiden unter Migräne. Von der chronischen, fast täglichen Form sind in Deutschland etwa 800.000 Menschen betroffen. Frauen trifft die Krankheit dreimal häufiger als Männer. 
Von chronischer Migräne spricht man, wenn der Patient an mehr als 15 Tagen im Monat Kopfschmerzen hat, die an der Hälfte der Tage mit den typischen Kennzeichen einer Migräne-Attacke einhergehen.

Typische Kennzeichen einer Migäne-Attacke sind:

  • Licht- und Lärmempfindlichkeit
  • Appetitlosigkeit
  • Übelkeit und Erbrechen
  • Zunahme der Schmerzen bei körperlicher Aktivität
  • Bedürfnis, sich zurückzuziehen und auszuruhen
  • Sehstörungen (die sogenannte visuelle Aura)

Die Ursachen der Migräne sind unbekannt, doch beobachten Mediziner auch hier eine entzündliche Veränderung der Blutgefäße der Hirnhäute.
Was eine Migräne-Attacke auslöst, ist von Patient zu Patient verschieden. Viele Betroffene reagieren auf Schlafmangel und Stress mit Migräne, bei anderen lösen Alkohol, Nikotin, Koffein oder Medikamente die Kopfschmerzen aus. Auch ein Mangel an Flüssigkeit oder Unterzuckerung durch Hungern kann eine Attacke auslösen.

Elektrische Stimulation des Nervus Vagus

Das vegetative Nervensystem des Menschen steuert lebenswichtige Funktionen wie Atmung, Stoffwechsel, Wasserhaushalt und Verdauung. Es funktioniert weitgehend ohne unseren Willen.

Sympathikus und Parasympathikus

Zum vegetativen Nervensystem gehören der Sympathikus und der Parasympathikus.

Der Sympathikus, das sympathische Nervensystem, ist immer dann aktiv, wenn man sich aufregt, kämpft oder im Stress ist. Also immer dann, wenn man Leistungsreserven mobilisieren muss.

Der Parasympathikus, das Nervensystem der Ruhe und Entspannung, ist überwiegend "nachtaktiv". Das parasympathische Nervensystem wirkt regulierend und beruhigend auf die Herztätigkeit, die Atmung und fördert die Verdauung.  

Eine wichtige Datenautobahn des Parasympathikus ist der Nervus Vagus. Auf diesem Nerv laufen Signale, die zwischen Gehirn und den Verdauungsorganen ausgetauscht werden.
Die Idee der Vagusnerv-Stimulation basiert auf zwei Wirkungen, die Forscher bei Patienten mit Kopfschmerzen festgestellt haben:

  1. Vermehrte Aktivierung des Sympathikus und dadurch vermehrte Erregbarkeit des Gehirns
  2. Eine Veränderung des Neurotransmitterhaushalts im Gehirn

Reizt man den Vagusnerv mit Strom von außen, so erhält das Gehirn neue Impulse und reagiert darauf mit einer Reduktion bestimmter Neurotransmitter. Zum Beispiel wird die Konzentration des Botenstoffs Glutamat in der Großhirnrinde gesenkt. Glutamat wird eindeutig mit der Entstehung der Kopfschmerzen in Verbindung gebracht.
Auch wenn die genauen Vorgänge im Gehirn noch unbekannt sind, klinische Studien zeigen, dass jeder zweite Kopfschmerzpatient auf die Elektrotherapie signifikant positiv anspricht. Seine Kopfschmerzen lassen nach.
An der elektrischen Stimulation des Vagusnervs wird seit mehr als 20 Jahren geforscht. Besonders bei Epilepsie und Depression kommt die Therapie bereits seit Längerem zum Einsatz. Allerdings ist die Anwendung größtenteils mit erheblichem Aufwand verbunden. Es handelt sich um unhandliche Apparaturen oder gar um Elektroden, die in einer Operation im Kopf oder am Vagusnerv des Patienten implantiert werden.

Die Studien am Klinikum Großhadern in München

Eine relativ neue Vorgehensweise ist, dass handliche Geräte den Vagusnerv direkt von außen durch die Haut hindurch stimulieren. Da der Nerv am Hals und im Ohr direkt unter der Haut verläuft, eignen sich diese Stellen besonders gut, um gezielt Reize zu setzen. Eine Operation ist nicht nötig. Die Therapie ist daher unblutig und nicht invasiv. Langfristige Nebenwirkungen sind bis jetzt noch nicht bekannt.

Letztendlich ist noch nicht vollständig geklärt, warum der Stromimpuls die Kopfschmerzen reduzieren kann. Experten nehmen an, dass der Vagusnerv über den Stromreiz von außen Impulse an das Gehirn sendet, die die Konzentration der Neurotransmitter beeinflussen. Ein wichtiger Neurotransmitter, der häufig in Zusammenhang mit Kopfschmerzen gebracht wird, ist Glutamat. Tatsächlich findet sich in der Großhirnrinde von Kopfschmerz-Patienten häufig ein Überschuss an Glutamat. 
Die Idee der Elektrotherapie ist: Reizt man den Vagusnerv mit Strom von außen, soll sich der Glutamat-Haushalt normalisieren und die Kopfschmerzen damit verschwinden.

Wer bezahlt die Therapie?

Die Stimulationsgeräte werden nur in Einzelfällen von den Krankenkassen übernommen. Der Preis für das Stimulationsgerät gegen Cluster-Kopfschmerzen liegt bei rund 260 Euro – für 300 Stimulationen innerhalb von maximal 30 Tagen.

Elektrotherapie-Geräte gegen Kopfschmerzen

Stimulationsgerät gegen Cluster-Kopfschmerz

  • Das Stimulationsgerät gegen Cluster-Kopfschmerzen sieht aus wie ein handlicher Rasierapparat.
  • Der Apparat ist derzeit noch nicht wieder aufladbar.
  • Die Anschaffungskosten pro Gerät belaufen sich auf etwa 375 Euro.
  • Ein Gerät beinhaltet 150 Anwendungen.
  • Patienten geben in mehreren, kurzen Sitzungen pro Tag jeweils Stromstöße seitlich am Hals ab.
  • Eine Sitzung mit mehreren Impulsen dauert 90 Sekunden.
  • Je nach Schwere der Erkrankung und der daraus resultierenden Therapieempfehlung kann alle drei bis vier Wochen ein neues Gerät notwendig sein, sofern der Patient weitgehend auf Medikamente verzichten will.
  • Eine Kombination von Elektrotherapie und Medikamenten ist möglich.

Stimulationsgerät Migräne

  • Das Stimulationsgerät gegen Migräne sieht aus wie ein MP3-Player.
  • Es kostet etwa 1.290 Euro.
  • Das Gerät ist wieder aufladbar.
  • Patienten müssen das Gerät jeden Tag vier Stunden lang im Ohr tragen: Dabei wechselt das Gerät in festgelegten Intervallen zwischen Reiz und Ruhe ab.

Welche Nebenwirkungen gibt es?

Mögliche Begleitreaktionen

bei Migräne-Behandlung:

  • Kribbeln in der Ohrmuschel
  • Taubheit an einer Stelle der Ohrmuschel
  • Druckstellen bis hin zu Entzündungen am Stimulationsort an der Ohrmuschel

bei Cluster-Kopfschmerz-Behandlung:

  • Kurzzeitige Heiserkeit
  • Kurzatmigkeit
  • Kurzzeitige Veränderungen der Stimme
  • Kribbeln bis hin zu einem stechenden Gefühl am Applikationsort

Während der Behandlung kann es zu kurzfristigen Begleitreaktionen kommen. Diese Nebenwirkungen sind jedoch nur während der Anwendung spürbar. Langzeitveränderungen sind noch nicht bekannt. Die Stromstöße sind in der Regel ungefährlich. Anwendungsfehler sind so gut wie ausgeschlossen. Trotzdem gibt es Patientengruppen, für die die Elektrotherapie nicht infrage kommt. Dazu gehören Menschen mit implantierten Geräten wie Herzschrittmachern oder Hörgeräteimplantaten. Personen mit Arterienverengung der Halsschlagadern sollten das Gerät ebenfalls nicht benutzen.

Vagusnerv-Stimulation: die Kopfschmerzbehandlung der Zukunft?

Auch wenn die Elektrotherapie im Einzelfall zu helfen scheint, es gibt wenig Erfahrungen mit Langzeitanwendungen. Bislang wurde das Stimulationsgerät gegen Cluster-Kopfschmerz nur an etwas mehr als 100 Patienten erprobt. Unklar ist auch, ob die Therapie nur bei schweren Fällen hilft, die in den Klinikstudien eingeschlossen waren.

"Wir sind sicherlich noch ganz am Anfang bei der Erforschung dieser Therapieverfahren. Ganz wichtig ist, zu schauen, ob andere Stimulationsfrequenzen und andere Stromstärken nicht noch effektiver sind und ob auch andere Kopfschmerzformen, wie zum Beispiel der Spannungskopfschmerz oder die Migräne allgemein, sich daraufhin bessern."

Prof. Andreas Straube, Neurologe, Klinikum Großhadern, München

Fazit:
Auch wenn die ersten Ergebnisse einen positiven Effekt der noch jungen Neuromodulation beschreiben,  die aktuellen Daten erlauben noch kein abschließendes Urteil.


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