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E-Health–Wearables Gimmick oder Gesundheitshilfe mit Potential?

Eine Brille dokumentiert Ernährungsgewohnheiten, eine Zahnschiene misst, wann welcher Stress über die Kaumuskulatur abgeleitet wird. Der Begriff E-Health beschreibt die Digitalisierung der Medizin und ist Sammelbegriff für die Vernetzung von Internet und Medizin. Digitalisierung im Gesundheitswesen birgt ein enormes Potential: Sie spart Kosten und ermöglicht neue Therapiekonzepte.

Von: Andrea Lauterbach

Stand: 13.01.2017

In Zukunft wird E-Health unseren Gesundheitsalltag aktiv unterstützen. Davon profitieren sowohl Patienten als auch Ärzte. Der Sicherheit und dem Schutz der sensiblen Patientendaten kommt hierbei eine besondere Bedeutung zu.

E-Health: rasanter Fortschritt mit 1001 Möglichkeiten

Um Krankheiten in Zukunft viel früher erkennen und deutlich besser behandeln zu können, tüfteln Forscher in vielen Bereichen der digitalen Gesundheitswelt.

E-Health, Beispiele:

Eine Brille soll Ernährungsgewohnheiten dokumentieren.
Eine Zahnschiene misst, wann welcher Stress über die Kaumuskulatur abgeleitet wird.
Diabetiker können unblutig per Knopfdruck 24-Stunden-Verläufe und Trends des Blutzuckerspiegels einsehen.
Epileptische Anfälle lassen sich womöglich in Zukunft vorhersagen und Herz-Kreislauf-Patienten werden telemedizinisch aus der Ferne überwacht.
Wundheilung wollen Forscher zukünftig über Sensoren im Pflaster optimieren und smarte Textilien oder
Elektroden-Tattoos messen Hautwiderstand, Herzschlag, Blutdruck oder generieren gleich ein vollständiges Echtzeit-EKG.

E-Health: Telemedizin für Herz-Kreislauf-Patienten

Patienten mit chronischer Herzinsuffizienz können jederzeit schnell und unbemerkt in eine lebensgefährliche Krise kommen. Diese zeigt sich durch einen Rückgang des Blutdrucks, einer Beschleunigung des Pulses und/oder aufgrund von Wassereinlagerungen im Gewebe. Mit der sogenannten Fontane-Studie der Charité in Berlin wollen Forscher herausfinden, ob eine tägliche Übermittlung der Daten wie Blutdruck, Puls, Körpergewicht und Wohlbefinden an ein telemedizinisches Kontrollzentrum ein geeignetes Frühwarmsystem ist, um Krankenhausaufenthalte zu vermeiden und einem vorzeitigen Tod zu entgehen.

Außerdem will der Berliner Studienleiter Prof. Friedrich Köhler zeigen, dass Patienten in ländlichen Gegenden durch die Überwachung ebenso gut versorgt werden können, wie Betroffene in Metropolregionen. Kritiker argumentieren, dass unterm Strich weder für Patienten noch das Gesundheitssystem ein nennenswerter Vorteil dabei zu erwarten sei.

Bundesweit nehmen 1500 Patienten in 111 Zentren an der Fontane-Studie für Herzpatienten teil. Erste Ergebnisse wollen die Mediziner 2018 veröffentlichen.

Link zur Studie:

E-Health-Wearable: „unblutiges“ Glukose-Mess-System - Revolution für Diabetiker

Ein Hightech-Sensor erleichtert seit November 2014 das Leben vieler Diabetiker. Das System ermöglicht das Zuckermessen in der Zwischenzellflüssigkeit des Unterhautfettgewebes. Das lästige Bestimmen des Blutzuckerspiegels über das Blut (Fingerpiks) entfällt größtenteils.

So funktioniert die blutlose Glukosemessung

Um das System zu nutzen, platziert der Patient einen Sensor an den Oberarm. Er ist so groß wie ein Zwei-Euro-Stück und kann 14 Tage lang getragen werden, auch beim Sport und beim Baden. An der Unterseite des Sensors befindet sich ein borstenähnlicher Faden, der fortlaufend die Zuckerkonzentration misst. Ein Lesegerät scannt diskret den Sensor und macht die Werte sofort sichtbar. Das funktioniert auch unter einem dicken Pulli oder einer Jacke.  Das Gerät zeigt nicht nur den aktuellen Glukosespiegel, sondern berechnet Trends und 24-Stunden-Verläufe.

Das System ist schon für Kinder ab vier Jahren zugelassen. Erste gesetzliche Krankenkassen erstatten dafür bereits die Kosten.

Eine Brille, die Ernährungsgewohnheiten dokumentiert

Mit einer Brille wollen Forscher in Zukunft analysieren, was gegessen wird. Interessant ist die Erfindung etwa für Übergewichtige oder Demenzkranke. Sie soll helfen, die Essgewohnheiten zu erkennen und zu verbessern.

E-Health-Wearable: Die Brille, die beim Essen mitschreibt

E-Health-Ernährungsbrille: Sensorik im Brillenbügel

Die Sensorik der Ernährungsbrille aus dem 3-D-Drucker ist in den Brillenbügeln versteckt. Diese greift die Aktivität der Kaumuskulatur ab. Außerdem analysiert die Brille Geräusche während des Kauens. So können die Forscher Rückschlüsse auf die Zusammensetzung des Essens ziehen: Speisetyp, Essdauer, -häufigkeit und Kauverhalten dokumentieren das tägliche Ernährungsverhalten des Trägers. Die intelligente Alltagsbrille mit integrierter Sensorik soll zukünftig in weiteren Gesundheitsanwendungen zum Einsatz kommen.

E-Health-Wearable: Ohrclip zeichnet epileptische Anfälle auf

Mit einem Ohrclip wollen Mediziner epileptische Anfälle dokumentieren und vorhersagen. Die Lebensqualität der Patienten soll so optimiert werden. Derzeit bekommen Patienten zur Dokumentation ihrer Epilepsie ein Langzeit EEG. Für mehrere Tage messen Elektroden am Kopf Gehirnströme. Eine lückenlose Überwachung in alltäglichen Situationen ist damit nicht möglich.

Erschwerend kommt hinzu, dass die Anfalls-Tagebücher der Patienten oft unvollständig sind. Denn Anfälle im Schlaf bekommt der Patient unter Umständen gar nicht mit. Diese lückenhaften Angaben erschweren es den Medizinern, die optimale Therapie für den Patienten zu finden. Der Ohrclip kann – auch schon von Kindern – kontinuierlich getragen werden. Über Vitalwerte wie Körpertemperatur, Sauerstoffsättigung im Blut, Bewegungsmuster des Patienten etc. wollen die Forscher Rückschlüsse auf die Hirnaktivität gewinnen.

Ihr Ziel: Epileptische Anfälle rechtzeitig im Voraus erkennen und das Verletzungsrisiko des Patienten durch Sicherheitsvorkehrungen minimieren. Das Projekt befindet sich derzeit in der Studienphase und wird vom Bundesforschungsministerium (BMBF) in den nächsten drei Jahren mit rund zwei Millionen Euro gefördert.  

E-Health: große Akzeptanz der Bevölkerung

Die Bevölkerung in Deutschland ist für die neue digitale Gesundheitswelt technisch gerüstet. Laut der „#SmartHealth“-Studie der Techniker Krankenkasse (TK) nutzt in der Gruppe der 60- bis 70-Jährigen fast jeder Zweite ein Smartphone. Diese Bevölkerungsschicht könne sich gut vorstellen, medizinisch verwertbare Vitaldaten zu sammeln. 61 Prozent der Bürger sind bereit, ihre anonymisierten Daten an Ärzte und Wissenschaftler herauszugeben. Zwei von drei Deutschen glauben, dass mit ihren Gesundheitsdaten medizinische Fortschritte erzielt werden können.

E-Health: Datensicherheit und Schutz der Privatsphäre

Auch wenn viele Patienten den technischen Neuerungen positiv gegenüberstehen, ein wirksamer Schutz der sensiblen Gesundheitsdaten muss gewährleistet sein. Ein E-Health-Gesetz war längt überfällig. Schon vor elf Jahren wurde die elektronische Gesundheitskarte beschlossen, ohne erkennbaren Nutzen für den Patienten.

Dabei wäre der Nutzen für die Patienten groß: Mit den Daten ließe sich zum Beispiel eine elektronische Gesundheitsakte erstellen. Ärzte könnten überall und jederzeit auf wichtige Daten des Patienten zugreifen und diese untereinander austauschen. Doch eine sichere Telematikstruktur gibt es in Deutschland noch nicht. Und so besteht die Gefahr, dass Daten heute noch für Hacker mit wenig kriminellem Aufwand abrufbar sind.

E-Health-Gesetz: Neues Gesetz wird zurzeit umgesetzt

Seit 2016 ist ein E-Health-Gesetz in Kraft, das bundesweit personenbezogene Daten besser schützen soll. Es hat den etwas sperrigen Namen „Gesetz für sichere digitale Kommunikation und Anwendungen im Gesundheitswesen“. Mit dem Gesetz wollen die Verantwortlichen die Vernetzung im Gesundheitsbereich beschleunigen und digitale Anwendungen ausbauen. So ist eines der Ziele, dass bis Mitte 2018 Arztpraxen und Krankenhäuser flächendeckend an die Telematik-Infrastruktur angeschlossen sein sollen.

Experten im Beitrag:

Dr. med. Christoph Günther
Oberarzt Kardiologie, MVZ Klinikum Straubing
Medizinisches Versorgungszentrum Klinikum Straubing
St.-Elisabeth-Straße 23
94315 Straubing
kardiologie@mvz-klinikum-straubing.de


Dr. med. Thorsten Siegmund
Direktor der Klinik für Endokrinologie, Diabetologie und Stoffwechsel
Isar Klinikum München
Sonnenstraße 24-26
80331 München


Prof. Dr. rer. nat. Bernhard Wolf  
Biophysiker, ehemals Heinz-Nixdorf-Lehrstuhl für Medizinische Elektronik, Emeritus TU München
Leiter des Steinbeis-Transfer-Zentrums Medizinische Elektronik und Lap on Chip Systeme
Fendstraße 7
80802 München


Prof. Dr. Oliver Amft
Chair of Sensor Technology, ACTLab research group
University of Passau,
Innstraße 43,
94032 Passau


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