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Darmmikrobiom Entscheidend für Gesundheit und Krankheit

Das Thema Verdauung ist endgültig aus der Ekel-Ecke raus, die Darmflora, das neue Lieblingsorgan der Forscher, ist ein wissenschaftlicher Senkrechtstarter. Milliarden von Mikroorganismen besiedeln unseren Darm und entscheiden über Gesundheit und Krankheit. Wie genau, ist noch unbekannt, aber beherrschendes Thema in der Forschung.

Von: Veronika Keller

Stand: 24.07.2017

Das Mikrobiom des Darms besteht aus Milliarden von Mikroorganismen. Das Gleich- oder Ungleichgewicht dieses mikrobiellen Ökosystems soll verantwortlich sein für Autoimmunerkrankungen, den Fettstoffwechsel oder chronische Entzündungen. Was kann unser Darm wirklich? Wie genau Darmbakterien Gesundheit und Krankheit steuern, ist noch unbekannt.

Mikrobiom des Darms: Schlüssel zu entzündlichen Darmkrankheiten?

Von Kindheit an leidet Indra Ganz an Morbus Crohn, einer chronisch entzündlichen Darmerkrankung, die in Schüben kommt. Immer wieder kommen die Entzündungen zurück. Indra Ganz musste sich deshalb schon Teile des Darms operativ entfernen lassen.

"Es ist eigentlich wie eine Magen-Darm-Grippe, zuerst ist einem schlecht, man hat Bauchweh, dann kommen relativ schnell starke Schmerzen und dann ist man dauernd auf der Toilette. Das schränkt einen natürlich im Alltag ein. Ich darf meine Kinder nicht hochheben. Und wenn ich dann sehe, wie andere Mütter ihre Kinder selbstverständlich hochheben, dann schmerzt mich das natürlich schon."

Indra Ganz, Morbus-Crohn-Patientin

Darmmikrobiom: große Bedeutung für die Forschung

In den Jahren ihrer Krankheit hat sie vieles ausprobiert, um die schmerzhaften Schübe in den Griff zu bekommen, aber eine effektive Therapie hat sie nicht gefunden. Die Ursache von Morbus Crohn kennt man nicht.

Prof. Dirk Haller von der Technischen Universität München möchte das ändern. Der Mikrobiologe und Immunologe beschäftigt sich wissenschaftlich mit den Darmbakterien. Er sagt: Das Mikrobiom könnte der Schlüssel zu entzündlichen Krankheiten wie der von Indra sein.

"Fast alle Tiermodelle für diese Erkrankung sind quasi entzündungsfrei, wenn man sie ohne Bakterien hält. Das sind schon gute Hinweise darauf, dass dieses klinische Bild sehr stark davon abhängig ist, welche Bakterien im Darm dann tatsächlich da sind."

Prof. Dr. rer. nat. Dirk Haller, Mikrobiologe und Immunologe, Technische Universität München

Forschung Darmmikrobiom: Einfluss auf viele Krankheiten

Ob sich aus dieser Erkenntnis neue Therapien entwickeln lassen, ist noch schwer zu sagen, denn die Krankheit ist sehr komplex.

Auch bei anderen Erkrankungen suchen Forscher nach einem Zusammenhang mit Darmbakterien. Für Diabetes und Arteriosklerose zum Beispiel sehen Wissenschaftler in Darmbakterien einen möglichen Auslöser.

Sogar in Bezug auf Erkrankungen des Gehirns wie Autismus und Demenz wird das Mikrobiom erforscht. Studien haben auch gezeigt, dass Übergewicht mit der Zusammensetzung der Darmbakterien zusammenhängt. Doch dass wir in Zukunft auf Diäten verzichten und per Bakterien abnehmen können, hält Dirk Haller für unwahrscheinlich.

"Zu postulieren, dass meine Darmmikrobiota mich dick macht, da halte ich relativ wenig davon. Weil am Ende des Tages wird man dick, weil man zu viel Energie aufnimmt und zu wenig abgibt."

Prof. Dr. rer. nat. Dirk Haller, Mikrobiologe und Immunologe, Technische Universität München

Gesunde Darmflora: Grundlage für das Wohlbefinden

Auch bei weniger schweren Erkrankungen kann die Darmflora eine Rolle spielen. Stefan Pölz ist Allgemeinmediziner in München und trifft häufig auf Patienten mit Beschwerden, die er aufs Darmmikrobiom zurückführt.

"Die Patienten, die kommen, haben oft allgemeine Beschwerden, wie Blähungen, Durchfall oder wechselnden Stuhlgang, diffuse Bauchschmerzen. Und das sind alles Symptome, die darauf hinweisen, dass die Darmflora gestört ist, dass das bakterielle Gleichgewicht aus dem Ruder gelaufen ist."

Stefan Pölz, Allgemeinmediziner, München

Darmmikrobiom & Gesundheit: Das Gleichgewicht muss stimmen

Das Darmmikrobiom bestehe sowohl aus guten Bakterien, als auch aus solchen, die Krankheiten auslösen, erklärt Pölz. Damit der Mensch gesund bleibt, muss das Gleichgewicht stimmen. Gute Bakterien wie Lactobazillen und Bifidobakterien halten Krankheitserreger wie zum Beispiel Clostridien in Schach.

Um die Darmflora seiner Patienten wieder ins Gleichgewicht zu bringen, untersucht Stefan Pölz Stuhlproben auf die enthaltenen Bakterien und verordnet passende probiotische Medikamente aus der Apotheke.

Joghurts für die Darmgesundheit: mehr als nur Marketing?

Joghurts aus dem Supermarkt, die mit zugesetzten Bakterien werben, haben keinen nachgewiesenen Effekt, sagt Mediziner Stefan Pölz, allein schon, weil die Dosierung der Bakterien nicht ausreiche.

"Der wesentliche Unterschied ist, dass die Präparate so aufbereitet sind, dass sie im Darm auch ankommen. Wenn sie Joghurt essen, wird das durch die Magensäure angegriffen und zersetzt. Und wenn sie Kapseln nehmen oder andere gefriergetrocknete Tabletten, die sich erst im Darm anfangen aufzulösen, kommen die Bakterien auch da an, wo wir sie brauchen."

Stefan Pölz, Allgemeinmediziner, München

Darmmikrobiom: Forschungsfeld mit Perspektive

Das Darmmikrobiom wird in den nächsten Jahren ein spannendes Thema für die Forschung bleiben. Die Morbus-Crohn-Patientin Indra Ganz hat sich nach all den Jahren mit ihrer Krankheit abgefunden. Trotzdem hofft sie auf die Forschung. Dass konkrete Ergebnisse noch Jahre brauchen könnten, ist ihr bewusst.

"Für mich bringt es wahrscheinlich nichts mehr, ich habe die Krankheit einfach schon sehr lange. Aber für die kommenden Generationen wäre das sicher ein Segen."

Indra Ganz, Morbus-Crohn-Patientin


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