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Peinliche Pupse Tabuthema Blähungen

Pupse und Blähungen: Peinlich, aber wir alle tun es. Vollkommen natürlich: Bis zu 20-mal am Tag pupst jeder von uns! Der eine mehr, der andere weniger. Doch manchmal werden Blähungen zur Belastung: Was ist normal?

Von: Robert Grantner

Stand: 12.03.2017

Peinliche Pupse, die kennt jeder. Doch passiert das wirklich jedem? Was sind die Ursachen? Manche Gemüse zum Beispiel sind zwar gesund, aber auch berüchtigt dafür, dass sie besonders viel Blähungen verursachen. Was ist normal, was nicht?

"Zu einem gewissen Teil ist Pupsen normal, weil die Darmflora eine gewisse Menge Lebensmittel immer zu Gasen verdaut. Und das ist eigentlich ein Zeichen der gesunden Ernährung! Es ist sogar so, dass mit der gesunden Ernährung – mehr Gemüse, vegan, usw. - das Pupsen wieder zunimmt! Das sind genau die Dinge, die halt viel Gase bilden!"

Dr. med. Holger Seidl, Direktor der Klinik für Gastroenterologie, Hepatologie und Gastroenterologische Onkologie am Isarklinikum München

Blähungen: Ballaststoffe machen viel "Wind"

Das liegt vor allem an den Ballaststoffen, die in gesunden Lebensmitteln besonders reich vorhanden sind. Diese können im Dünndarm oft nur schwer verstoffwechselt werden, gelangen dann in den Dickdarm und werden dort von Bakterien zersetzt. Bei diesem Vorgang entstehen Gase. Und diese Gase müssen auch wieder raus aus unserem Körper!  

"Es ist schon so, dass gerade Hülsenfrüchte, Lauch oder  Kohl sehr gesunde und wertvolle Lebensmittel sind und eben auch besonders blähend wirken. Auf der anderen Seite ist es für den gesunden Menschen mit einem robusten Darm kein großes Problem, wenn man ein klein wenig Blähungen hat. Wenn Sie merken, dass Sie bestimmte Lebensmittel nicht so gut vertragen, dann können Sie die einzelnen Lebensmittel natürlich weglassen. Aber natürlich nicht einfach pauschal auf die ganzen schönen gesunden Sachen verzichten!"

Dr. rer biol. hum. Julia Bollwein, Diplom-Ökotrophologin

Versteckte „Bläher“: geräuschvoller Zuckerersatz

Es gibt auch „versteckte Bläher“. Die meisten finden sich in zuckerfreien Produkten, wie Kaugummis oder Hustenbonbons.

Zuckerersatzstoffe können zu Blähungen führen

"Das wären die Zuckeraustauschstoffe: Xylit, Maltit oder Sorbit. Das sind Stoffe, die nicht wie Zucker verdaut werden, deswegen kaum Kalorien haben und eben auch nicht Karies auslösen, deswegen sind sie oft in zuckerfreien Dingen drin. Diese Austauschstoffe werden vom Körper nicht aufgenommen, sondern gelangen einfach in den Darm, so wie Ballaststoffe auch und werden da von Darmbakterien verstoffwechselt. Und durch diesen Stoffwechselvorgang gibt es die Gasbildung und da haben wir dann eben die Blähungen."

Dr. rer biol. hum. Julia Bollwein, Diplom-Ökotrophologin

Arztbesuch: Wenn Blähungen zur Belastung werden

Dass zu viel der Gase den Alltag erschweren und regelrecht einschränken können, diese Erfahrung musste Krankenpfleger Benjamin Kuhn machen. Der 36-Jährige litt monatelang immer wieder an einem aufgeblähten Bauch.

"Wie soll ich es beschreiben? Ich hab mich gefühlt wie ein Luftballon! Total aufgeblähter Bauch, es hat immer gezwickt, die Hose war zu eng, teilweise hatte ich Bauchkrämpfe! Und das war halt für mich belastend."

Benjamin Kuhn

Blähungen: Wann sollte man zum Arzt?

Lange Zeit hofft er, dass es wieder von alleine weggeht. Erst nach Monaten vertraut er sich einem Arzt an. Dr. Holger Seidl untersucht Herrn Kuhn.

"Die Kunst daran ist, dass es keine Einheitsdiagnose ist. Die Blähung ist keine Krankheit, sondern Folge einer Verdauungsreaktion, bis zu einem gewissen Punkt normal. Dann gibt es aber Leute, bei denen das nicht funktioniert. Da gibt es Mangelzustände an Enzymen, jeder kennt die Laktoseintoleranz. Das gibt es für viele andere Nahrungsmittel auch. Das heißt, ein Bereich ist die Verdauungsfunktion: die Darmflora, die Enzymlage, die Beweglichkeit des Darms. Das ist der schwierigste Bereich. Der andere Bereich sind die ernsthaften Erkrankungen. Und sehr selten finden wir eine ernsthafte Erkrankung, die den Darm ebenso durcheinander bringt."

Dr. med. Holger Seidl, Direktor der Klinik für Gastroenterologie, Hepatologie und Gastroenterologische Onkologie am Isarklinikum München

Benjamin Kuhn bekam die Diagnose Reizdarm. Behandelt wurde er mit probiotischen Joghurts und Iberogast, pflanzlichen Tropfen, die die Darmflora wieder ins Gleichgewicht bringen sollen.

"Dr. Seidl hat damals schon gesagt, es wird ein halbes Jahr dauern, bis sich das reguliert, bis die Darmflora wieder aufgebaut ist. Ich hab es mehr als ein halbes Jahr genommen. Und ich habe aber auch darauf geachtet, was ich esse! Wenn das Problem wieder auftaucht, nehme ich wieder ein paar Tropfen! Mein ständiger Begleiter!"

Benjamin Kuhn

Fakten über den Pups

Nur zu rund einem Prozent bestehen Pupse aus übel riechenden Gasen.

  • 15-20 mal pro Tag pupsen wir.
  • 500 bis 1500 Milliliter Gas (je nach Essen) – also bis zu 1,5 Liter pupsen wir.
  • Pro Pups wird gas abgegeben in schnapsgläschengroßen Portionen von jeweils 40 Millilitern.
  • 0,1 bis 1,1 Metern pro Sekunde schnell entweichen die "Winde".
  • Die entweichenden Darmgase sind zu 99 Prozent geruchsfrei, nur ein Prozent riecht übel.
  • Zum Stinker wird ein Wind erst, wenn er Abbauprodukte aus Eiweiß (etwa Schwefelwasserstoff) enthält. Für den Effekt reichen aber bereits Spuren davon.
  • Zusammensetzung eines Pups: 60 Prozent Stickstoff20 Prozent Wasserstoff 15 Prozent Kohlendioxid, 4 Prozent Sauerstoff, 1% Schwefelwasserstoff

Blähungen: Ursache Laktoseintoleranz

Laktoseintoleranz: Auch Enzymmangel kann Blähungen verursachen

Bahar Nalci hatte die selben Symptome wie Benjamin Kuhn. Auch die 19-Jährige Arzthelferin dachte lange Zeit, das sei normal. Dann beobachtete sie sich selbst und stellte fest, dass die Beschwerden besonders dann auftauchten, wenn sie Cappuccino trinkt!

"Nach so einer halben Stunde, wenn ich einen Cappuccino trinke, bekomme ich wirklich sehr starke Bauchschmerzen und das ist dann echt unangenehm. Und im schlimmsten Fall bekomm ich sogar Diarrhö, also Durchfall und dann hat man nicht wirklich Lust noch irgendwas zu machen. Also es ist schon schlimm."

Bahar Nalci

Bei Dr. Burlefinger unterzieht sie sich einer eingehenden Untersuchung. Ihr Blutzuckerspiegel wird gemessen und ein spezieller Atemtest durchgeführt. Beide Untersuchungen starten in nüchternem Zustand. Dann bekommt Bahar Nalci eine Lösung mit Milchzuckergehalt. In regelmäßigen Abständen wird danach erneut gemessen.
Beide Ergebnisse sprechen eine deutliche Sprache: Laktosemalabsporption, auch Laktoseintoleranz genannt.

"Frau Nalci fehlt das Enzym Laktase, welches eigentlich Zweifachzucker (Milchzucker) aufspaltet. Einzelzucker können in der Darmwand aufgenommen werden, Zweifachzucker nicht. Die rutschen durch in den Dickdarm. Dort sind Bakterien und die spalten das dann auf, unter Gasbildung eben."

Dr. med Reinhard Burlefinger, Facharzt für Innere Medizin und Gastroenterologie, München

Dank der Diagnose kann Bahar Nalci ihren Alltag nun darauf einstellen.  

"Es ist kein großer Aufwand. Klar, es ändert sich etwas im Leben. Man muss immer darauf achten, dass man laktosefrei bestellt: laktosefreie Milch trinken, laktosefrei Sachen essen, usw. Es gibt ja Gott sei Dank vieles auch laktosefrei mittlerweile."

Bahar Nalci


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