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Alzheimer Alzheimer-Risikodiagnose: Geschäft mit der Angst?

Gelegentlich den Schlüssel verlegen, mal einen Namen vergessen. Eigentlich ist das wenig besorgniserregend. Mit zunehmenden Alter fragen sich aber viele, wie viel Vergesslichkeit „normal“ ist. Die Angst dement zu werden, möglicherweise an Alzheimer zu erkranken, treibt nicht nur besonders Besorgte zum Arzt.

Von: Thomas Kempe

Stand: 20.10.2015

Die erste Anlaufstelle bei „Alzheimerverdacht“ ist in der Regel der Hausarzt oder gleich ein Neurologe oder Psychiater.Es gibt aber auch einen anderen Weg. Einige Radiologen und auf medizinische Vorsorge spezialisierte Ärzte bieten eine Art Schnelltest an.

Früherkennung oder Vorsorge? – Alzheimer-Risikoabschätzung mit MRT

Alzheimer Krankheit: Ist eine Risikoabschätzung sinnvoll?

Mittels der so genannten Magnetresonanztomographie (MRT) soll das individuelle Alzheimerrisiko geprüft werden. Die Rede auf den Internetseiten der Anbieter ist dabei auch von Vorsorge, Früherkennung und besseren Therapiechancen. Die Kosten für die Risikoabschätzung mit dem MRT muss der Patient in der Regel selbst bezahlen. Wenn keine Überweisung eines Facharztes vorliegt, werden zwischen 350 und 450 Euro fällig.

Geschrumpftes Gehirn gleich Alzheimer?

MRT Untersuchung: Hinweise auf Alzheimer Krankheit?

Bei den von den Radiologiepraxen angebotenen Risiko-Untersuchungen schaut sich der Arzt mithilfe der Magnetresonanztomografie ein bestimmtes Hirnareal an, den so genannten Hippocampus. Die gewonnenen Daten werden dann zum Beispiel mit einer Normdatenbank abgeglichen. Dann wird berechnet, ob es statistisch wahrscheinlich ist, innerhalb der nächsten Jahre eine Alzheimer-Demenz zu entwickeln.
Tatsache ist: Bei der Alzheimerkrankheit nimmt das Gehirnvolumen ab und zwar deutlich schneller, als das im Alter bei jedem ohnehin geschieht. Auch Demenz-Fachärzte nutzen darum selbstverständlich bildgebende Verfahren wie ein MRT.

Risiko-Untersuchung, aber keine Diagnose

Fällt das Testergebnis der Risiko-Untersuchung positiv aus – ist das Gehrinvolumen also im Vergleich zu klein – besteht ein erhöhtes Alzheimer-Risiko. Die Krankheit ist damit aber noch nicht diagnostiziert. Denn ein schrumpfender Hippocampus kann, muss aber kein frühes Anzeichen von Alzheimer sein. Das ist einer der Gründe, warum viele Demenzexperten die MRT-Untersuchung als ersten Risikocheck ablehnen.

"Das Hirnvolumen ist sehr abhängig von anderen Faktoren. Zum Beispiel wissen wir, dass die Gehirngröße abhängig ist davon, wie viel man getrunken hat. Sie ist auch abhängig vom Ernährungszustand. Da gibt es viele Faktoren die das beeinflussen und all das muss man berücksichtigen. Alleine aufgrund des Volumens kann man keine Prognose abgeben."

Prof. Dr. med. Claus Zimmer, Direktor Neuroradiologie Klinikum rechts der Isar Technische Universität München

Die Firma jung diagnostics wertet für etliche Radiologen MRT-Hirnscan-Daten aus. Die Geschäftsführung weist in Bezug auf das Verfahren dabei auch auf Folgendes hin:

"Wir können weder eine Alzheimer-Erkrankung mit dieser Untersuchung alleine erkennen noch prognostizieren. Der Wert liegt im Ausschluss einer Alzheimer-Demenz bei Patienten mit Gedächtnisstörungen und allgemeinen Risikofaktoren."

Dr. Lothar Spies, Geschäftsführer, jung diagnostics GmbH

Kurz: Es geht nicht um eine Alzheimer-Diagnose, sondern lediglich um die Bestimmung eines individuellen Risikos zum Zeitpunkt der MRT-Aufnahmen. Und dazu ist das Verfahren auch gut geeignet.

Sichere Diagnose nur mit viel Aufwand möglich

Auch die Ärzte, die den Hirn-Scan anbieten, empfehlen bei einem positiven Befund – also einem zu kleinen Hirnvolumen im Vergleich – den Gang zu einem Demenzexperten, zum Neurologen oder einem Facharzt für Psychiatrie.

Alzheimer Krankheit: Solche Plaques sorgen für das Absterben der Gehirnzellen

Dort sollte dann ein leitliniengerechter Check auf Alzheimer und gegebenenfalls eine anschließe Therapie vorgenommen werden. Die Magnetresonanztomographie alleine reicht auf keinen Fall zur Diagnose. In den großen Fachzentren für Demenzerkrankungen ist die Bildgebung nur ein Baustein von Vielen.

"Man kann das sicherlich machen, dass man das Gehirnvolumen eines Patienten in Korrelation setzt, zum Beispiel mit einer altersgematchten Population. Aber das ist nur ein Faktor! Alleine reicht das nicht."

Prof. Dr. med. Claus Zimmer, Direktor Neuroradiologie Klinikum rechts der Isar Technische Universität München

Zwischen den Bildern liegt ein Zeitraum von einigen Monaten. Die Krankheit ist deutlich fortgeschritten.

Das Urteil, ob wahrscheinlich eine Demenzerkrankung vorliegt, fällt aus der Summe verschiedener Tests. In den Fachzentren, zum Beispiel in so genannten Gedächtnis-Sprechstunden, werden diese Untersuchungen durchgeführt, um eine möglichst zuverlässige Alzheimerdiagnose zu stellen. Ein erster Schritt ist immer ein ausführliches Arztgespräch und eine testpsychologische Untersuchung.

 Untersuchungen zur Diagnose von Alzheimer-Demenz (Auswahl)

Diagnose Alzheimerkrankheit

- Ausführliches Gespräch, auch mit den Angehörigen
- Psychologische Testung
- Bildgebung zum Beispiel mit dem MRT oder der Positronen-Emissions Tomographie (PET)
- Blutuntersuchungen
- Untersuchung des Nervenwassers / Lumbalpunktion

Es geht dabei im Endeffekt auch darum, Fehldiagnosen auszuschließen. Die Nachricht „Sie haben Alzheimer“ oder auch nur „Sie haben ein erhöhtes Alzheimerrisiko“ ist ja mitunter ziemlich belastend für die Betroffenen. "

"Problematisch ist natürlich, wenn dem Patienten gesagt wird, du bekommst in zwei Jahren vermutlich eine Alzheimer-Demenz und das tritt dann gar nicht ein. Und der lebt mit dieser Angst."

Prof. Dr. med. Johannes Kornhuber, Direktor Psychiatrische und Psychotherapeutische Klinik, Universitätsklinik Erlangen

Alzheimer-Diagnose: Im sehr frühen Stadium eher sinnlos

Auch eine richtig getroffene Diagnose „Alzheimer-Demenz“ bringt in einem Frühstadion wenig. Der einzige Rat, den die Fachleute derzeit geben können, ist,  einen „gesunden Lebensstil“ zu pflegen. Körperliche und geistige Aktivität, gesundes Essen, das sind die Empfehlungen.

"Eine Frühdiagnose bietet derzeit therapeutisch noch nicht so viele Möglichkeiten. Wenn noch gar keine kognitiven Einschränkungen da sind, kann man gar nichts anbieten und auch im Stadium der leichten kognitiven Störung - oder MCI wie es auch genannt wird - kann man auch medikamentös nicht viel anbieten. Da bringt es derzeit noch nichts."

Prof. Dr. med. Johannes Kornhuber, Direktor Psychiatrische und Psychotherapeutische Klinik, Universitätsklinik Erlangen

Eine sehr frühe Alzheimerdiagnose ist also wenig hilfreich. Grundsätzlich raten Demenzexperten erst zu einer Prüfung beim Arzt, wenn erste Gedächtniseinschränkungen vermutet werden. Einfach mal so auf Alzheimer, oder ein bestehendes Risiko, Testen ist nach dem derzeitigen Stand der Wissenschaft wenig zielführend.

Alzheimer Risikotest: Geschäft mit der Angst?

Werbung, die suggeriert, Alzheimer sehr früh erkennen zu können und bessere    Therapiemöglichkeiten in Aussicht stellt, ist nicht besonders seriös.

"Wenn (…) die Entwicklung dieser Krankheit so aufgebauscht wird und als Drohgespenst aufgebaut wird, dann wird ein Szenario erzeugt, dass bei den Menschen bewusst Angst erzeugt. Und wenn das verbunden ist mit teuren Diagnoseuntersuchungen, dann könnte man von so etwas wie mit dem Geschäft mit der Angst sprechen. Ein harter Begriff, aber es geht in die Richtung."

Dr. Christian Weymayr – Projektleiter IGeL-Monitor, Medizinischer Dienst des Spitzenverbandes Bund der Krankenkassen e.V.

Bei Sorge, selbst an Alzheimer zu leiden oder beim Verdacht, dass könnte auf einen Angehörigen zutreffen, sollten sich Patienten am besten direkt an einen Facharzt wenden. Nur so ist garantiert, dass die Diagnose umfassend erstellt wird. Diese Untersuchungen zahlen im Übrigen auch die Gesetzlichen Krankenkassen.

Die Deutsche Alzheimer Gesellschaft bietet eine Übersicht über „Gedächtnissprechstunden“ in Deutschland:


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