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Diagnose Alzheimer Leben mit dem Vergessen

1,5 Millionen Demenzpatienten gibt es hierzulande. Die Alzheimer-Krankheit ist die häufigste Form der Demenz. Aber hört ein aktives Leben deshalb auf? Nein, meinen drei Patienten und ihre Angehörigen, die "Gesundheit!" besucht.

Von: Annette Bögelein

Stand: 31.07.2017

"Gesundheit!" begleitet drei Menschen, die mit der Diagnose Alzheimer leben oder gerade lernen damit umzugehen.

Alzheimer-Krankheit oder nur Vergesslichkeit?

Stephan Blume lässt sich in Erlangen von Prof. Johannes Kornhuber untersuchen. Hat er die Alzheimer-Krankheit?

Stephan Blume hat die Sorge, wie sein Vater die Alzheimer-Krankheit zu bekommen. Der 64-Jährige stellt bei sich Merkschwächen fest und geht deshalb in die Gedächtnissprechstunde am Uniklinikum Erlangen, um sich testen zu lassen. Er will Gewissheit haben. Wir begleiten ihn bis zur endgültigen Diagnose.

Aktiv sein trotz Diagnose Alzheimer

Der 72-jährige Nürnberger Klaus Rüttinger ist seit zwei Jahren wegen Alzheimer in Behandlung. Er geht mit seiner Krankheit offen um und lebt trotz Alzheimer ein sehr aktives Leben.

Klaus Rüttinger lebt seit zwei Jahren mit der Diagnose Alzheimer. Sein Zustand hat sich bisher nicht verschlechtert.

Auffällig ist bei ihm, dass sich seit der Diagnose seine Gedächtnislücken nicht verschlechtert haben. Das irritiert seinen Neurologen, der ihm zu einer neuartigen Untersuchung rät. Der Mediziner will wissen, wie der untypische Krankheitsverlauf zustande kommt. Die Plaques in seinem Gehirn sollen sichtbar gemacht werden, denn es stellt sich die Frage: Beruht Klaus Rüttingers Vergesslichkeit tatsächlich auf einer Alzheimer-Erkrankung? Wir begleiten ihn in seinem Alltag und bei der neuartigen Untersuchung, die erstmals mögliche Plaques in seinem Gehirn nachweisen soll.

Alzheimer-Krankheit: Selbstbestimmtes Leben in Würde

Inge und Willi Nossol wollen möglichst lange gemeinsam im eigenen Haus leben, trotz seiner Alzheimer-Erkrankung.

Willi Nossol lebt mit seiner Frau Inge noch im eigenen Haus. Der 84-Jährige ist zwar dement, aber ebenfalls noch sehr fit. Seine 80-jährige Ehefrau gestaltet ihr gemeinsames Leben so, dass beide viel zusammen unternehmen und ihr Ehemann ausreichend geistige Anregungen erhält. Das zahlt sich aus. Willi Nossol ist die Krankheit nicht anzusehen. Er selbst wehrt sich dagegen, als dementer Mensch nicht ernst genommen zu werden. Um ihren Mann noch länger selbst versorgen zu können und um die eigene Überlastung zu vermeiden, holt sich Inge Nossol Hilfe. Ihr Ziel ist es, ihren Ehemann so lange es geht zu unterstützen und zu Hause zu behalten. "Gesundheit!" zeigt das aktive Leben der beiden.

Alzheimer: Die häufigste Form der Demenz

Mit Tests lassen sich Gedächtnislücken sicher aufdecken. Aber nicht immer ist der Grund dafür eine Alzheimer-Erkrankung

In Deutschland gibt es jedes Jahr 300.000 neue Demenzkranke, insgesamt sind es rund 1,5 Millionen. Die Alzheimer-Demenz ist die häufigste Form der Demenz. Mit zunehmendem Alter steigt die Wahrscheinlichkeit dafür. Die Merk- und Erinnerungsfähigkeit des Gehirns schwindet. Hinter einer Vergesslichkeit muss nicht zwangsläufig eine Demenz oder auch die Alzheimer-Krankheit stecken. Auch Schlafstörung, Depression, bestimmte Medikamente oder schwere Krankheiten wie Parkinson oder ein Gehirntumor können Gedächtnisstörungen hervorrufen.

"Die meisten Menschen denken bei einer Vergesslichkeit tatsächlich als erstes an eine Demenz."

Professor Johannes Kornhuber, Psychiatrische Klinik, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen

Alzheimer-Demenz: Schleichender Beginn

Oft stellt sich die Frage, ob eine zunehmende Vergesslichkeit im Alter eine normale Folge des Älterwerdens ist oder aber ein Hinweis auf eine Alzheimer-Erkrankung. Das herauszufinden ist in den frühen Stadien der Krankheit - vor Ausbruch der Demenz - sehr schwer. Nur ein Teil aller Patienten mit Demenz weist bereits drei Jahre vor Diagnosestellung kognitive Defizite auf, wie Gedächtnisstörungen oder Vergesslichkeit, so Professor Johannes Kornhuber.

Was ist Alzheimer und was Demenz?

Als „Demenz“ bezeichnet man einen anhaltenden oder fortschreitenden Zustand herabgesetzter Fähigkeiten in den Bereichen des Gedächtnisses, des Denkens und anderer höherer Leistungen des Gehirns. Dieser muss eine Minderung im Vergleich zum früheren individuellen Niveau darstellen und zu einer Beeinträchtigung bei gewohnten Alltagsaufgaben führen. Eine Trübung des Bewusstseins, die für akute Verwirrtheitszustände charakteristisch ist, darf nicht vorliegen. Alzheimer ist dabei die häufigste Demenzform.

Stephan Blume bemerkt, dass er zunehmend vergesslich wird.

Wenn Symptome wie Verwirrtheit oder Vergesslichkeit zunehmen, dann ist die Krankheit meistens schon fortgeschritten. Die Alzheimer-Krankheit kann allerdings schon Jahre und Jahrzehnte vorhanden sein – ohne erkennbare und spürbare Zeichen.

Test: Muster wie diese soll sich der Proband einprägen ...

Die Demenz besteht aus einem Muster von Symptomen, das von Person zu Person sehr unterschiedlich ausfallen kann. Im ersten Schritt geht es darum, die Defizite aufzudecken.

... und hier wiedererkennen. Mit gezielten Tests lassen sich erste Hinweise auf eine Alzheimer-Demenz feststellen.

Getestet werden dann die Fähigkeit zur Wortfindung, der räumlichen Orientierung und ob das Kurzzeitgedächtnis funktioniert.

Alzheimer-Krankheit: Wann sind Tests sinnvoll?

Stephan Blume will Gewissheit haben. Hat er die Alzheimer-Demenz oder nicht?

Sich testen zu lassen, mache laut Prof. Johannes Kornhuber dann Sinn, wenn der oder die Betroffene merke, dass die Gedächtnisleistung immer mehr abnimmt oder das Umfeld etwas merkt. Es gibt empfindliche testpsychologische Untersuchungen, mit denen auch leichte Änderungen des Gedächtnisses oder Denkvermögens aufgedeckt werden können.

"Damit lassen sich auch Frühstadien erkennen, die noch nicht als Demenz bezeichnet werden."

Professor Johannes Kornhuber, Psychiatrische Klinik, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen

Alzheimer & frühe Diagnose: Schwierig, aber möglich

Klaus Rüttinger wird untersucht: Die Plaques sollen sichtbar gemacht werden.

Da Vergesslichkeit viele Ursachen haben kann und in manchen Fällen nur vorübergehend ist, ist die Diagnostik der Alzheimer-Erkrankung ein längerer Prozess. Andere Ursachen für eine Gedächtnisstörung müssen ausgeschlossen werden. Einen wichtigen Hinweis kann die Nervenwasseruntersuchung liefern. Sie dient dazu, Entzündungen des zentralen Nervensystems auszuschließen und kann die, für die Alzheimer-Krankheit typischen und schädlichen, Eiweißablagerungen im Nervenwasser nachweisen.

Der Befund ist unauffällig: Liegt eine Alzheimer-Krankheit überhaupt vor?

Dabei gilt: sind viele dieser Eiweiße im Nervenwasser enthalten, dann gehen die Mediziner von einem normalen Abtransport dieser Stoffe aus dem Gehirn aus und damit von einem geringen Risiko für die Alzheimer-Krankheit. Sind wenige Eiweißbruchstücke nachweisbar, treffen sie den Umkehrschluss: die Eiweiße bleiben im Gehirn und lagern sich dort ab. Das Risiko für eine Alzheimer-Erkrankung ist gegeben.

Alzheimer-Krankheit: Zerstörerische Eiweiße im Gehirn

Alzheimer-Krankheit: Eiweiße lagern sich im Gehrin ab und zerstören die Strukturen.

Bei der Alzheimer-Krankheit verändern sich Eiweiße aus Nervenzellen. Sie werden fehlerhaft verarbeitet, sodass sie eine abnorme Form annehmen, verkleben und sich innerhalb und außerhalb von Nervenzellen ablagern. Diese Ablagerungen werden als Plaques bezeichnet, die die Nervenzellen und Verbindungen zwischen den Nervenzellen zerstören. Es kommt zu Gedächtnisstörungen, im weiteren Verlauf entsteht die Demenz.

Darstellung im MRT: Patient mit Alzheimer-Krankheit.

Die Zerstörung der Nervenzellen beginnt in einem begrenzten Bereich des mittleren Schläfenlappens und macht häufig jahrelang keine eindeutigen Symptome. Wenn der Krankheitsprozess allerdings fortschreitet und wichtige Strukturen des Hippocampus und anderer Hirnbereiche beeinträchtigt, dann treten die ersten klinischen Krankheitsanzeichen einer Gedächtnisstörung auf. Diese Veränderungen im Gehirn können im MRT dargestellt werden.

Die Plaques selbst waren bisher nicht durch eine bildgebende Untersuchung darstellbar. Doch mittlerweile gibt es einen Biomarker, der an die Plaques andockt und dann mittels PET (Positronen-Emissions-Tomographie) sichtbar gemacht werden kann.

Diagnose Alzheimer: Keine Heilung – nur Linderung

Willi Nossol will auch als Alzheimer-Patient respektvoll behandelt und ernst genommen werden.

Selbst bei typischen Untersuchungsbefunden ist es nie sicher, ob und wann die Demenz auftritt. Neben den äußerlich bemerkbaren Anzeichen, wie zunehmender Vergesslichkeit, ist der Beginn der Alzheimer-Demenz oft von weiteren Veränderungen der Betroffenen begleitet. Depressionen, zunehmende Reizbarkeit oder Rückzugstendenzen können Hinweise auf den Ausbruch der Krankheit sein.

Inge Nossol nutzt die Ausflüge ihres Mannes mit einer Bekannten, um sich zu erholen.

Die Krankheit verläuft in drei Stadien: der leichtgradigen, mittelschweren und schweren Demenz. Jede dieser drei Stadien dauert durchschnittlich drei Jahre und erfordert unterschiedliche Hilfestellungen und Assistenzen im Alltag. Medikamente können die Symptome der Krankheit leicht bremsen, doch es gibt kein zurück. Bis heute ist keine Heilung möglich. Es gibt Forschungsarbeiten zu einem Impfstoff, der allerdings für die Therapie noch nicht zugelassen ist.

Kontakte

Prof. Dr. med. Johannes Kornhuber
Psychiatrische und Psychotherapeutische Klinik
Schwabachanlage 6
91054 Erlangen
Direktionssekretariat:
Telefon: 09131/85-34166
E-Mail: direktion-psych@uk-erlangen.de

Prof. Dr. med. Torsten Kuwert
Nuklearmedizinische Klinik des Universitätsklinikums Erlangen
Ulmenweg 18
91054 Erlangen
Telefon: 09131/85-33411
E-Mail: nu-info@uk-erlangen.de


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