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Krankenhausreform Druck und Protest - wie sinnvoll ist sie?

Die Bundesregierung will mit der "Krankenhausreform" die Finanzierung der Kliniken in wichtigen Teilen verändern. Sie soll die Qualität der Krankenhäuser stärken und Überkapazitäten abbauen. Doch der Druck gerade auf kleine Krankenhäuser wird dadurch immer größer.

Von: Antonia Böhm

Stand: 19.11.2015

Immer mehr Krankenhäuser hängen am Tropf

Denn immer mehr Krankenhäuser in Bayern arbeiten defizitär. Jedes zweite Krankenhaus im Freistaat schreibt roten Zahlen - und das obwohl es ausgelastet ist. Denn -bedingt durch die demographische Entwicklung- steigt die Nachfrage nach vollstationärer Behandlung, nicht aber Gewinn. Der Krankenhausbereich ist hochreguliert, auch bei der Preisgestaltung. Budgetkürzungen, Fallpauschalen und steigende Personalkosten machen jede Umsatzsteigerung zunichte. Gerade multimorbide, chronisch kranke oder demenzkranke Menschen, also die Patientengruppe, die immer weiter anwächst, sind teuer  in ihrer Behandlung – und damit für Krankenhäuser unattraktiv.

Bürger wehren sich gegen Schließung

Wenn einem Krankenhaus aus wirtschaftlichen Gründen die Schließung droht, kochen die Emotionen hoch. Die Bürger wollen ihr Krankenhaus vor Ort behalten. Auch für Kommunalpolitiker ist es ein sensibles Thema, das sie zuweilen das Amt kosten kann. Auch in Burghausen sollte das Krankenhaus schließen, weil es defizitär arbeitet, dafür das Krankenhaus Altötting, die zweite Klinik im Landkreis, aufgebaut werden. Doch bei einem Bürgerentscheid sprachen sich über 70 Prozent  für den Erhalt des Krankenhauses Burghausen aus - Landrat Erwin Schneider musste diese Niederlage akzeptieren.

Die Gründe für eine Schließung sind meistens die gleichen

Die Qualitätsanforderungen werden immer höher. Hochspezialisierte Medizin, gleich an mehreren Standorten vorzuhalten, kann sich kein Landkreis mehr leisten. Und es wird immer schwieriger für Kliniken, auf dem Land Personal zu finden. Zusätzlich nimmt der Wettbewerb zu.

Klinik Feuchtwangen wurde wegen zu geringer Auslastung geschlossen

Mit diese Problemen hatte auch das Klinikum Feuchtwangen zu kämpfen, ein Verbund mit den Kliniken in Dinkelsbühl, Rothenburg und Ansbach. Auch hier waren die Proteste der Bürger groß, als das Klinikum geschlossen werden sollte. Doch Ärztemangel und eine zu geringe Auslastung erforderten eine Neustrukturierung der Versorgung.

Inzwischen ist hier eine Praxisklinik mit ambulanter Chirurgie, Gynäkologie, Kurzzeit-Pflege und verschiedenen niedergelassenen Ärzten entstanden, die von den Bürgern gut angenommen wird. Stationär versorgt werden Patienten in der 13 Kilometer entfernten Klinik in Dinkelsbühl.

"Nachdem vorher hier nur eine internistische Abteilung war, sind jetzt auf engem Raum zusammen hier verschiedene Abteilungen, wir arbeiten sehr eng mit den Krankenhäusern zusammen, können zum Teil auf Röntgenbilder zurückgreifen (…) und können so die Wege eben auch sehr kurz halten für die Patienten."

Dr. Matthias Oppel, Chirurg am MVZ Feuchtwangen

Durch die Krankenhausreform steigt der Druck auf kleine Häuser

In dieser insgesamt schon angespannten Situation steigt mit der Krankenhausreform ab Januar der Druck gerade auf die kleinen Häuser. Die Reform beinhaltet strenge Qualitätsvorgaben, zum Beispiel wie schnell ein Operationssaal fertig sein muss und fordert Mindestmengen bei bestimmten Eingriffen. Bei der Knieendoprothetik sind das beispielsweise 50 Eingriffe pro Jahr, die ein Haus machen muss, um die anerkannte Qualität zu liefern. Eine Klinik wie Burghausen kann das kaum stemmen.

Schlechte Leistungen werden bestraft

Ein System, das schlechte Leistung mit Sanktionen und Abschlägen bestraft -oder sogar Schließungen von Abteilungen oder ganzen Häusern möglich macht, zieht Folgen nach sich. Nach Einschätzung der Bayerischen Krankenhausgesellschaft belastet die Reform Kliniken im Freistaat besonders. Denn in Bayern gibt es mehr kleine Krankenhäuser als in anderen Bundesländern.

Förderung von Pflegekräften

Immerhin sieht die Krankenhausreform eine Förderung zusätzlicher Pflegekräfte vor, um das notorisch überlastete Pflegepersonal zu stärken und mehr Hygienepersonal, damit Krankenhausinfektionen und resistente Krankheitserreger besser bekämpfen werden können. Ungelöst ist aber immer noch die Situation in der ambulanten Notfallversorgung in den Kliniken. Die Krankenhäuser leisten in diesem Bereich den Hauptanteil der Versorgung, obwohl in den meisten Fällen die niedergelassenen Ärzte dafür zuständig wären. Das belastet die Häuser finanziell stark.

Forderung nach einem bundesweiten Gesamtkonzept

Was nach Ansicht von Experten fehlt,  ist eine vorausschauende Krankenhausplanung, die die demographische Entwicklung berücksichtigt. Regionale Aspekte wie die Bevölkerungsentwicklung und die ambulante Versorgungssituation müssten bei der Zukunftsplanung stärker berücksichtigt werden.

"Wir haben in den letzten 20 Jahren in bayerischen Krankenhäusern 75 Prozent mehr Ärztestellen geschaffen und nur neun Prozent mehr Pflegestellen, das heißt uns fehlt heute Personal zur Versorgung der vorhandenen Patienten und die Krankenhausreform macht diese Frage nicht zukunftsfest, sondern auf diese Probleme findet sie keine Antworten."

Kristjan Diehl, Deutsche Stiftung Patientenschutz

Er fordert deshalb einen deutschlandweit verbindlichen Personalschlüssel, damit zumindest nicht auf Kosten der Pflege gespart wird.


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