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Elektroantrieb, Carsharing, Roboterautos Ist BMW bereit für die Zukunft?

Bayerns größter Autobauer hat in diesem Jahr seinen 100. Geburtstag gefeiert. Doch ausgerechnet jetzt muss der Konzern sich schleunigst neu erfinden.

Von: Vanessa Lünenschloß und Wolfgang Kerler

Stand: 01.08.2016

BMW Welt  | Bild: BR/Katzur

Las Vegas, Anfang des Jahres. Der BMW-Entwicklungschef Klaus Fröhlich hat eine Premiere mit zur "Consumer Electronics Show" gebracht, der vielleicht wichtigsten Messe für neue Technologien im Autobau. Auf der Bühne im BMW-Zelt enthüllt Fröhlich einen kupferfarbenen Sportwagen. Das Konzeptfahrzeug soll zeigen, wie sich der Konzern die Zukunft des Fahrens vorstellt.

"Diese Autos sollen weiterhin sehr viel Fahrspaß vermitteln. Nur es gibt Situationen, wo der Fahrspaß durch Verkehrsstaus, durch Hektik reduziert wird. Und in diesen Situationen, da wollen wir, dass durch teilautonomes Fahren der Fahrer entlastet wird. Wir wollen nicht die fahrende Telefonzelle ohne Lenkräder verkaufen."

Klaus Fröhlich, Entwicklungsvorstand BMW

BMW will die Freude am Fahren retten

Anders als manche Mitbewerber, die reine Roboterautos vorstellen, die den menschlichen Fahrer nicht mehr brauchen, will BMW die "Freude am Fahren" retten – und damit das eigene Geschäftsmodell. Der Zukunfts-Sportwagen ist voll vernetzt. Er kennt alle Termin des Fahrers und den schnellsten Weg dorthin und weiß über die aktuelle Verkehrslage Bescheid. Der Fahrer kann selbst ans Lenkrad, muss das aber nicht. Dann übernimmt das Auto. Einen Parkplatz sucht es sich ohnehin alleine.

Software statt Motoren

Die anderen Autobauer auf der Messe – von Daimler über Volkswagen bis Toyota – zeigen ganz ähnliche Ideen. Auch dabei geht es mehr um Software-Lösungen als um Motoren. Die treibende Kraft dahinter ist allerdings nicht die Autobranche selbst. Erst die drohende Konkurrenz aus dem Silicon Valley sorgte für das digitale Wettrüsten rund ums Auto.

Niedliche Roboterautos

Unterwegs in der Kleinstadt Mountain View in Kalifornien - besser bekannt als die Google-Stadt. Fast jedes Bürogebäude gehört dem Internetgiganten mit dem bunten Logo. Hier nehmen sie schon ganz normal am Straßenverkehr teil, die selbstfahrenden Google-Autos. Sie sehen aus wie runde weiße Kugeln auf vier Rädern mit einem schwarzen Knubbel auf dem Dach. In dem stecken ihre Radarsysteme. Die „Google Cars“ haben schon zwei Millionen fahrerlose Testkilometer hinter sich, ohne schwere Unfälle – bei einem anderen neuen Player in der Branche, Tesla, gab es dagegen bereits ein Todesopfer.

Schrecken für die Etablierten

Der Suchmaschinenriese hat als erster bewiesen, was möglich ist. Auch Apple soll an einem selbstfahrenden Auto basteln. Beides zum Schrecken der Etablierten in der Branche. Sie fürchten um das künftige Milliardengeschäft mit selbstfahrenden Roboterautos. Außerdem haben Apple und Google so viele Milliarden auf der hohen Kante, dass sie jeden Autobauer aufkaufen könnten.

"Wir erleben, dass Computerfirmen in die Branche drängen. Warum? Weil die Zukunftsautos fahrende Computer sind. Und was bedeutet das für die alten Hersteller? Sie müssen Gas geben und ihr Geschäftsmodell auf den Kopf stellen. Sonst werden es andere tun. Einige Autobauer haben das bereits verstanden. Aber nicht alle."

Tony Seba, Stanford University Kalifornien

Tesla fährt BMW & Co. davon

Die deutschen Autobauer sind schon einmal von einem Newcomer blamiert worden. Denn das wohl beste Elektroauto kommt aus Kalifornien: das Model S von Tesla. Es beschleunigt wie ein Sportwagen, von Null auf 100 in drei Sekunden. Trotzdem hat es hunderte Kilometer Reichweite. In den USA verkauft es sich besser als die – nicht-elektrischen – Spitzenmodelle der deutschen Premiumautobauer. Im vergangenen Jahr fand er dort fast dreimal so viele Käufer wie der BMW 7er.

Deutsche Elektroautos können mit Tesla noch nicht mithalten. Der i3 von BMW ist eines der bekanntesten Modelle hierzulande. Ein Elektrokleinwagen mit 170 PS, von Null auf 100 in sieben Sekunden. Allerdings hält eine Batterieladung je nach Fahrstil auch mal bloß 100 Kilometer. Und verkauft wurde der i3 im vergangenen Jahr nur rund 24.000-mal – gerade mal ein Prozent des gesamten BMW-Absatzes. Dabei prophezeien manche Experten den Durchbruch der E-Mobilität schon in ein paar Jahren.

"Man hat ja Milliardeninvestitionen für das BMW-i-Projekt in die Hand genommen. Die haben sich, Stand heute, sicherlich noch nicht amortisiert. Man hat technologisch noch einiges aufzuholen, damit der Kunde Elektrofahrzeuge wie den i3 akzeptiert."

Prof. Stefan Bratzel, Fachhochschule Bergisch-Gladbach

Teilen statt Besitzen

Bei den zwei Zukunftsthemen Roboterautos und Elektromobilität scheinen BMW und die anderen Etablierten den neuen Konkurrenten aus dem Silicon Valley hinterherzuhinken. Doch es gibt noch einen dritten Umbruch in der Branche, an dem sie selbst mitwirken: Carsharing.

Seit Jahrzehnten leben die Autohersteller vom Verkauf ihrer Fahrzeuge. Doch gerade junge Städter träumen nicht mehr vom eigenen Auto. Um an sie heranzukommen, experimentieren etwa BMW und Daimler mit Carsharing. DriveNow und Car2Go heißen ihre Dienste. Sie haben in Großstädten Autos verteilt, die angemeldete Nutzer per App für kurze Fahrten mieten können. Die Strategie ist zwar unumgänglich aber durchaus riskant, meint Professor Horst Wildemann von der Technischen Universität München.

"Mittelfristig kann es eine Gefahr werden, weil man das Auto vom Statussymbol reduziert auf die reine Mobilitätsfunktion. Was macht denn dann das Image BMW aus, wenn ich nur noch von A nach B fahren will? Da ist es mir gleich, welches Auto das ist. Da brauche ich die Ausstattung nicht."

Prof. Horst Wildemann, TU München

Nach 100 Jahren Firmengeschichte steht BMW vor vielen Herausforderungen. Das Erfolgsprodukt Verbrennungsmotor könnte bald ausgedient haben, bei selbstfahrenden Autos bekommt es der Konzern mit mächtiger Konkurrenz zu tun – und immer mehr junge Menschen wollen überhaupt kein eigenes Auto mehr kaufen. BMW muss sich neu erfinden.


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