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Der eilige Geist Warum das Leben immer schneller wird

Technische Erfindungen sparen uns Zeit und trotzdem geraten wir zunehmend unter Zeitdruck. Wo bleibt die Zeit, die wir gewonnen haben, und wie entgeht man dem Gefühl, in einem Hamsterrad zu laufen?

Stand: 15.05.2015

Ein Film von Christian Friedl

Haben wir weniger Zeit?

Stimmt! Wir haben wirklich weniger Zeit.

Warum haben wir weniger Zeit?

Unser Alltag hat sich zunehmend beschleunigt. Den Startschuss gab die Erfindung der mechanischen Uhr im 14. Jahrhundert, durch die die Zeit von der Natur gelöst wurde. Ein anderer wichtiger Meilenstein war die Erfindung der Eisenbahn, die eine technische Beschleunigung ermöglichte. Menschen waren so nicht mehr auf natürliche Beschleuniger wie Pferde und Wind angewiesen.

Heutzutage packen wir zudem immer mehr in unseren Alltag hinein und verdichten Zeit damit. Ein Beispiel: Kein Mensch hat im 19. Jahrhundert 50 Telegramme pro Tag verschickt oder im 20. Jahrhundert so viel telefoniert. Heute sind 50 Kurznachrichten oder Mails für viele der Normalfall.

Sparen uns technische Erfindungen keine Zeit?

Die Zeit, die wir durch technische Erfindungen oder die Digitalisierung gewinnen, nutzen wir nicht zur Entspannung, sondern setzen auf Aktivität.

"Das [gesparte Zeit nicht in Muße umzusetzen] ist natürlich insofern menschlich, als der Mensch immer von seinem eigenen Tod bedroht wird. In einer Situation, in der ich nicht unendlich viel Zeit habe, versuche ich natürlich möglichst viel zu erleben, zu erfahren oder auch zu kaufen und zu genießen. Das macht die Zeit so eng."

Karlheinz Geißler, Zeitforscher und Buchautor

Wozu führt die Beschleunigung?

Die Beschleunigung und unser Streben nach Aktivität führen zu Zeitdruck, auf den wir mit vier Arten von Beschleunigung reagieren: Wir handeln schneller, das heißt auch wir reden und laufen schneller als früher. Wir lassen Pausen weg oder füllen sie. Wir ersetzen langsame Handlungen durch schnelle und essen zum Beispiel Fast Food statt selbst zu kochen. Und wir machen Dinge gleichzeitig (Multitasking).

Die Kehrseite der Medaille zeigt eine Studie einer großen, deutschen Krankenkasse: Wir haben kaum noch Zeit, selbst zu kochen. Mehr als die Hälfte der Deutschen treibt keinen Sport. In den vergangenen zehn Jahren ist die Zahl der psychischen Erkrankungen in Deutschland um 70 Prozent gestiegen.

Wie reduziert man Zeitdruck?

Zeitdruck kann man nur durch Verzicht reduzieren. Wer alles erleben und machen will, was angeboten wird, kommt unter Zeitdruck. Das Risiko ist groß, dadurch unzufrieden zu werden und in einen Burn-Out zu schlittern.


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