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Ökodetektive Umweltverbrechen auf der Spur

Ein "Bermuda-Dreieck für Luchse" im Bayerischen Wald, vergiftete Greifvögel, Tropenholz in Kinderbüchern und selten Täter: Was läuft schief bei der Verfolgung von Umweltkriminalität in Bayern und in Deutschland?

Stand: 06.07.2015

Ein Film von Herbert Hackl

Wer klärt Umweltverbrechen auf?

In Deutschland gibt es keine Öko-Polizei, die gezielt Umweltkriminalität verfolgt. Es wurde lediglich eine Sondereinheit eingerichtet, die Fachdienststelle Umweltkriminalität in Hamburg. Seit 40 Jahren decken die Beamten Umweltvergehen auf, von der illegalen Müllkippe bis zur Meeresverschmutzung.

Brauchen wir spezielle "Ökodetektive"?

Nicht nur in fernen Ländern werden Umweltvergehen und Verstöße gegen den Tierschutz begangen. Auch bei uns wird das Meer verschmutzt, Giftmüll heimlich entsorgt und mit bedrohten Tieren und Pflanzen Handel betrieben oder geschützte Tiere getötet.

Zum Beispiel?

Am 14. Mai 2015 wurden vier abgeschnittene Luchsbeine in einem Waldstück bei Lam im Bayerischen Wald gefunden. Sie gehörten zwei unterschiedlichen Tieren. Dem Täter drohen fünf Jahre Haft. Noch gibt es keine Hinweise, aber es wurde eine Belohnung von 10.000 Euro ausgesetzt.

Wilhelm Holzer päppelt in seiner Auffangstation für Greifvögel einen jungen Mäusebussard auf, der aus dem Nest gefallen und halb verhungert ist. Als er das Tier in den Horst zurückbringen will, entdeckt er ein totes und ein lebendes Bussard-Junges und ein von den Eltern verwaistes Nest. Eine lebensbedrohliche Situation für die Jungtiere und ein ungewöhnliches Verhalten für Eltern-Tiere. Ob sie im Straßenverkehr umgekommen sind oder ob sie vergiftet wurden, vermag Holzer nicht zu sagen, aber eins ist klar: Es verschwinden auffallend viele geschützte Greifvögel - besonders in Bayern und im Münsterland.

Kein Einzefall, kein Unfall

Luchse

Ortung von Luchsen

Sieht man sich das Verschwinden von Luchsen und Greifvögeln in Bayern an, kann man nicht von Einzelfällen oder tragischen Unfällen sprechen.

  • Seit 2007 sind im Bayerischen Wald mindestens acht erwachsene Luchse spurlos verschwunden (sowie vermutlich noch einige Jungtiere). Das beweisen Aufnahmen von Fotofallen.
  • 2015: Der aktuelle Fall. Vier abgeschnittene Luchsbeine von zwei Tieren - offen platziert in der Nähe einer Fotofalle, dem wichtigsten Werkzeug der bayerischen Luchsschützer. Vom Täter fehlt noch jede Spur.
  • 2013 wird eine trächtige Luchsin nahe Bodenmais mit einer Ladung Schrot erlegt, einer Jagdmunition.
  • 2012 finden Luchsforscher des Nationalparks das tote Luchs-Weibchen Tessa - und ihre letzte Beute. Es ist ein Reh, an dem Tessa mehrere Tage gefressen hat. Untersuchungen ergeben, dass das Reh mit Gift präpariert wurde: Carbofuran, ein starkes Insektizid, das in Deutschland verboten ist. Sowohl bei der vergifteten Tessa als auch bei der erschossenen Luchsin werden die Ermittlungen nach kurzer Zeit eingestellt.
  • In Bayern und im tschechischen Grenzland könnten sich Luchse auf 22.000 Quadratmetern ausbreiten, zu finden sind sie aber nur auf 2.000.
  • Aufklärungsquote: Noch nie wurde bei Luchsmorden in Bayern ein Täter ermittelt.

Greifvögel

Mäusebussard

  • Insgesamt bestätigt die Staatliche Vogelschutzwarte des Bayerischen Landesamts für Umwelt in Garmisch-Partenkirchen 250 Fälle von illegaler Greifvögel-Jagd.
  • In Niederbayern, dem nördlichen Oberbayern und Unterfranken werden besonders viele Tiere gejagt.
  • Naturschutzverbände gehen aber von einer hohen Dunkelziffer aus.
  • Aufklärungsquote: Nur bei einem von 250 bekannten Fällen in Bayern konnte ein Täter ermittelt werden. Er musste 3.000 Euro Strafe zahlen und verlor nur aufgrund von Protesten seinen Jagdschein.

Was läuft schief?

Es gibt in Deutschland kein bundesweites Organ, das hauptberuflich der Umweltkriminalität nachgeht. Die Aufklärungsquote bei der illegalen Jagd auf Luchse und Greifvögel geht gegen Null. Bayerische Luchsforscher nennen die Region zwischen Kaitersberg, Arber und Falkenstein das "Bermuda-Dreieck für Luchse": Luchse verschwinden dort im Schnitt nach anderthalb Jahren Monitoring spurlos. Das ist unnatürlich für Luchse, die ein gutes Revier gefunden haben. Und eine Fläche von 22.000 Quadratkilometern zwischen Bayern und Tschechien kann man gut nennen.

Wilhelm Holzer findet es zudem "auffällig", dass bislang noch nie ein Jäger eine Anzeige gemacht hat, obwohl sie "365 Tage in den Revieren sein können, 24 Stunden pro Tag draußen sind und in jede Ecke gehen dürfen." Ungewöhnlich ist auch, dass das Landesamt für Umwelt als übergeordnete Behörde Mitarbeitern vom Nationalpark Bayerischer Wald untersagt hat, mit Faszination Wissen zu sprechen. Begründung: Man will nicht über mögliche Täter spekulieren. Und auch ein Dreh und Interviews in der Vogelwarte Garmisch-Partenkirchen wurden nicht genehmigt.

"Ich hab immer das Gefühl, dass derjenige, der eine Straftat aufdeckt, mehr Probleme bekommt, als derjenige, der eine Straftat begeht. Und wir haben auch leider manchmal sehr schlechte Erfahrungen mit Polizeibeamten gehabt, die eben die Dinge nicht so ernst genommen haben, wie sie eigentlich gehörten."

Wilhelm Holzer, Leiter der Greifvogelauffangstation Freising


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