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Hemmungslos hetzen Was tun gegen den Hass im Netz?

"Rapefugee", "Judensau", "Fotze": Im Internet wird an vielen Stellen hemmungslos gehetzt. Wo kommt dieser Hass her und was kann man dagegen tun?

Stand: 04.05.2016

Ein Film von Julia Fritzsche

Anna-Mareike Krause ist Social-Media-Koordinatorin der Tagesschau und unter anderem für die Kommentare auf der Homepage und der Facebook-Seite zuständig. Im Schnitt 12.000 Kommentare gehen am Tag ein. Ein Drittel davon besteht aus Hetze. Krause arbeitet im Team mit drei Kolleginnen und Kollegen, um die Flut an Kommentaren zu bewältigen. Erzeugt ein Thema viele Hass-Kommentare, wechseln sich die Teammitglieder tagsüber halbstündlich bei der Bearbeitung ab.

"Es gibt einen Tag, der war schlimm, auch für mich persönlich, das war der Jahrestag der Befreiung von Ausschwitz vor einem Jahr. An dem Tag, da hat Anja Reschke kommentiert, dass es keinen Schlussstrich geben kann. Das war, als ob ein Schleusentor geöffnet worden wäre, der geballte antisemitische Hass ist in unsere Timeline geschüttet worden."

Anna-Mareike Krause

Kübra Gümüşay ist Bloggerin und Aktivistin, hat Netzkampagnen gegen sexuelle Gewalt und Alltagsrassismus mitgegründet. Sie war die erste deutsche Kolumnistin mit Kopftuch. Hass ist sie gewöhnt. Im Schnitt stellt sie fünf Leute am Tag stumm oder sperrt sie auf Twitter und Facebook. Vor allem während der drei Jahre, in der sie die Kolumne "Das Tuch" in der Taz geschrieben hat. Thema: ihr Leben als Feministin und Muslimin. Damals füllten konstant Hasskommentare die Kommentarspalten, ihren Blog und ihr Email-Postfach.

"Als ich angefangen hab mit der Kolumne, haben viele gesagt: Du musst Dir ein dickeres Fell zulegen. Doch ich habe mir gesagt: Ich will kein dickeres Fell. Ich will ich sein, so feinfühlig wie ich bin. Ich möchte nicht gröber werden oder härter als Mensch."

Kübra Gümüşay

Andreas Zick ist Gewalt- und Konfliktforscher. Seit 14 Jahren untersucht er Feindseligkeiten in der deutschen Gesellschaft. Er hat einen Mail-Ordner, den er "Beschimpfungen" nennt. Oft kommen Hasskommentare per Email. Manchmal aber auch per Telefon. Sogar seine Mutter bekam schon einen Drohanruf.

"Dann fragt eine Person [am Telefon]: 'Kennen Sie einen Andreas Zick?' und meine Mutter: 'Ja, klar'. - 'Ja, das tut uns Leid, wir haben eine traurige Mitteilung: aufgrund seiner - und dann kam irgendeine Erklärung - ist er zum Tode verurteilt worden. Sie haben noch zwei Wochen Zeit, sich daran zu gewöhnen. Dann wird er hingerichtet durch Erhängen. Es tut uns leid, weil sie ja schon Kinder verloren haben.' [Zwei von Zicks Brüdern sind tot.]"

Andreas Zick

Der Hass steckt in den Köpfen

Der Hass kommt nicht aus dem Netz, sondern aus den Köpfen, beobachten Zick, Krause und Gümüşay. Denn sie erleben den Hass auch offline. Und Zick belegt das auch mit seinen Studien. Alle zwei Jahre untersucht er Feindseligkeiten in der deutschen Bevölkerung. Danach akzeptieren, unterstützen oder erzeugen weite Teile unserer Gesellschaft - vor allem die ökonomische und politische Mitte, die unsere Wertvorstellungen prägt - rechtsextreme Einstellungen und Menschenfeindlichkeiten. Sie richten sich gegen Einwanderer, Frauen, Erwerbslose, Juden, Muslime oder Sinti und Roma.

Ursachen sind meist ein mangelndes Selbstwertgefühl und die Angst, dass andere einem etwas wegnehmen. Diese "Anderen" abzuwerten hilft, die "eigene Gruppe" aufzuwerten. Besonders stark richtet sich der Hass gegen Menschen, von denen andere annehmen, dass sie zu Unrecht aufsteigen. Im Netz wird dieser Hass sichtbar.

Was Hass verstärkt

Hass kommt nicht aus dem Internet, sondern aus den Köpfen. Das Internet hat aber bestimmte Eigenschaften, die Hass verstärken können: So sehen wir im Netz unser Gegenüber nicht. Wir wissen also nicht, wie die eigenen Kommentare ankommen. Die fehlende Resonanz frustriert auch. Beides kann hemmungsloser machen. Eine weitere Eigenschaft: im Internet ist es möglich, mit vielen verschiedenen Leuten in Kontakt zu kommen. Doch wir folgen online wie offline gerne Menschen mit ähnlichen Meinungen, was Echokammereffekt genannt wird.

Den Echokammereffekt verstärken Algorithmen wie zum Beispiel die von Facebook. Sie zeigen uns vor allem Inhalte an, die wir wahrscheinlich liken werden, weil wir schon mal ähnliche Inhalte geliked haben. Das ist der sogenannte Filterblaseneffekt. Die Folge: Der Echokammer- und der Filterblaseneffekt führen im Internet dazu, dass wir mit unserer Meinung - egal ob über Musik oder Politik - weniger anecken, was zu Radikalisierung führen kann.

Fazit

Das Internet ist nicht schuld, dass es Hasskommentare gibt. Es hält der Gesellschaft den Spiegel vor. Menschenfeindliche Einstellungen und Hass wurzeln tief in unserer Gesellschaft. Die Eigenheiten des Internets können den Hass aber verstärken. Es hilft also nicht, nur das Internet ändern zu wollen, wir müssen grundsätzlich gegen Vorurteile, Diskriminierungen und Hass vorgehen - beginnend in den Schulen.

Was wir gegen Hass tun können

Anna-Mareike Krause

"[Der Tagesschau würde es helfen,] wenn bei Facebook die Kommentare optional wären. Wenn wir die Möglichkeit hätten, als Tagesschau zu sagen: wir finden es wichtig, dass der Inhalt gepostet wird, aber das ist jetzt der fünfte heute, den wir zum Thema "Flüchtlinge" posten. Den muss man jetzt nicht mehr kommentieren können. Dann könnten wir uns auf einzelne Diskussionen besser konzentrieren. Das wäre ein Möglichkeit. Wir würden aber nicht aufhören, die Diskussionen zu führen. Das nicht!"

Kübra Gümüşay

"Nicht nur Politik und Unternehmen wie Facebook müssen dem Hass entgegentreten. Auch die Gesellschaft: Wir dürfen im Netz nicht nur kritisieren, sondern müssen auch sagen, was wir gut finden."

Andreas Zick

"Wir müssen, gerade bei den Jüngeren, sehr ernst nehmen, dass für sie die Netzwelt eine reale Welt ist. Das heißt, wir müssen jetzt hingehen und genau analysieren: Wo ist ein Netz so diskriminierend, dass wir von außen eingreifen müssen, weil sonst etwas passiert."

Anna, Bildungsprojekt "cultures interactive e.V."

"Wenn wir uns das politische Klima bezüglich Flucht und Asyl angucken, ist es wichtig, dass das mit politischer Bildung angegangen wird. Das passiert nicht genug, da ist gerade viel Arbeit zu tun. Es ist sehr wichtig, dass wir uns fragen: Wie wollen wir zusammenleben? Dafür ist es nötig, früh gegen gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit vorzugehen."

Tipps

Link-Tipps

Buch-Tipps

  • Ingrid Brodnig: "Hass im Netz. Was wir gegen Hetze, Mobbing und Lügen tun können". Die Medienredakteurin beschreibt Phänomene der Netzkommunikation. Sie plädiert für digitale Zivilcourage und strengere Gesetze.
  • Anna Klein, Andreas Zick: "Fragile Mitte - Feindselige Zustände". Das Institut für Interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung der Universität Bielefeld erforscht regelmäßig rechtsextreme Einstellungen und anderen Menschenfeindlichkeiten. Diese letzte Studie erschien 2014. Im Herbst 2016 erscheinen die Ergebnisse der neuen Erhebung.
  • Fanny Müller-Uri: "Antimuslimischer Rassismus". Die Sozialwissenschaftlerin analysiert alte und neue rassistische Stereotype und Argumentationsfiguren in den Debatten rund um Kopftuch, Moscheen und "den Islam". Dabei zeichnet sie nach, welche lange Geschichte der Blick "des Westens" auf "den Orient" hat.
  • Sabine Hark, Paula-Irene Villa (Hg.): "Anti-Genderismus. Sexualität und Geschlecht als Schauplätze aktueller politischer Auseinandersetzungen". Die Herausgeberinnen haben Aufsätze zusammengestellt, die zeigen, wie online und offline Sexualität und Gender immer wieder zu Schauplätzen politischer Auseinandersetzungen werden.
  • Samuel Salzborn: "Antisemitismus. Geschichte, Theorie, Empirie". Der Sozialwissenschaftler und Journalist beschreibt Antisemitismus als politisches und gesellschaftliches Phänomen und die Entstehung und Entwicklung des Antisemitismus in Deutschland und Europa.
  • Andreas Kemper, Heike Weinbach: "Klassismus". Das Buch liefert eine Einführung dazu, wie unsere Gesellschaft - insbesondere Politik, Medien oder Bildungseinrichtungen - Arme, Erwerblose, Obdachlose diskriminieren.

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