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Immuntherapie Scharfe Waffe gegen Krebs?

Den Krebs besiegen - diese Hoffnung weckt die sogenannte Immuntherapie. Sie aktiviert das körpereigene Immunsystem, mit teilweise schon großartigen Erfolgen. Wie funktioniert die Behandlung und wie entsteht eigentlich Krebs im Körper?

Stand: 30.06.2016

Walther Schöffel | Bild: BR

Ein Film von Herbert Hackl

Mit 56 Jahren erfährt Walther Schöffel*, dass er Hautkrebs hat. Er ist an einer seltenen Form erkrankt, dem amelanotischen Melanom. Das ist ein äußerst aggressiver Tumor, bei dem sich frühzeitig Metastasen im Körper bilden. So auch bei Walther Schöffel. Er hat rasant wachsende Metastasen in den Lymphknoten und beiden Lungenflügeln.

Wie entsteht Krebs im Körper?

Wie ist der Krebs in Schöffels Körper entstanden? In einem schleichenden Prozess haben sich einzelne Zellen in seinem Körper in Krebszellen verwandelt - durch genetische Veränderungen in ihrem Erbgut. Anfangs erkennt das Immunsystem die veränderten Zellen noch. Mit jeder Zellteilung verändern sich die Krebszellen, bis das Immunsystem sie nicht mehr aufspüren und zerstören kann.

Krebszellen sind raffiniert: Sie können sich als weiße Blutkörperchen tarnen und mit dem Blut ungehindert durch den Körper schwimmen. Sie können durch Signale verhindern, dass T-Zellen - die mobile Einsatztruppe des Immunsystems - sie finden und ausschalten. Krebszellen können sogar dafür sorgen, dass T-Zellen gar nicht erst entstehen. So wächst im Körper Krebs.

Immuntherapie mit Antikörpern

Bislang kämpfen Ärzte mit Operationen, Chemotherapie und Bestrahlung gegen Krebs. Die Immuntherapie wird bisher in Studien und in besonders schweren Fällen eingesetzt. Im Idealfall aktiviert sie das körpereigene Immunsystem. Der Haken: Die Immuntherapie wirkt nicht bei allen Patienten, nur bei wenigen Krebsarten und kann lebensbedrohliche Nebenwirkungen haben. Obwohl das Verfahren noch weiterentwickelt werden muss, gilt die Immuntherapie als die vielversprechendste neue Waffe gegen Krebs.

Walther Schöffels aggressiver Krebstyp wird mit einer speziellen Immuntherapie behandelt. Über einen Zeitraum von zwei Monaten werden ihm insgesamt viermal zwei Antikörper gespritzt, um sein Immunsystem anzukurbeln. Die Therapie wirkt, die Krebsgeschwüre sind verschwunden, führt aber zu einer schweren und dauerhaften Leberentzündung. Es folgt eine langwierige medikamentöse Behandlung, die Schöffel schwer zusetzt, aber schließlich die Entzündung eindämmt. Von Heilung wollen Schöffel und seine Ärzte noch nicht sprechen, blicken aber vorsichtig optimistisch in die Zukunft:

"Ich fange allmählich an, Pläne zu machen, die Abwesenheiten vom Krankenhaus von mehr als fünf Tagen erlauben. Jetzt kann man schon darüber nachdenken, wie das so sein könnte, ob man tatsächlich mal wieder Ferien machen kann. Darum sind meine Gedanken auch nicht mehr so darauf begrenzt ‚Wie viele Tage ich noch habe?', sondern es ist halt mehr und mehr wie im normalen Leben."

Walther Schöffel, Krebs-Patient

Immuntherapie mit genetisch veränderten T-Zellen

2012 sorgte ein Fall in den USA für Aufsehen: Emily erkrankte mit fünf Jahren an Leukämie. Nach zwei Rückfällen willigen ihre Eltern in eine neuartige Therapie ein. Eine Immuntherapie mit genetisch veränderten T-Zellen soll das schwerkranke Mädchen retten. Doch durch die Behandlung läuft Emilys Immunsystem Amok und entzündet ihren gesamten Körper so stark, dass sie fast stirbt. Die Ärzte können die Entzündungsreaktion im letzten Moment stoppen. Mit sieben Jahren hat Emily keine Leukämie mehr. Heute ist sie elf Jahre alt und gesund. Michael Hudecek von der Universitätsklinik Würzburg hat in den USA an der Weiterentwicklung der neuen Immuntherapie mit Gentechnik mitgearbeitet. Nun will der Arzt sie auch in Deutschland einführen und erklärt, wie die Methode funktioniert.

Vision: Eine Impfung gegen Krebs

Ein Team von Forschern in Mainz arbeitet an einer Behandlung, die sie als Impfung gegen Krebs bezeichnen. Sie soll allerdings nicht vorbeugend wirken wie andere Impfungen, sondern eine für den jeweiligen Patienten maßschneiderte Behandlung sein. Ugur Sahin und Björn-Philipp Kloke forschen mit ihren Kollegen dafür an einem Verfahren, das Tumore analysiert und eine schnelle Herstellung von Medikamenten erlaubt, die individuell auf Patienten abgestimmt sind. Bislang dauert der Weg zu solchen personalisierten Medikamenten zwei Jahre und verschlingt Millionen. Das könnte sich ändern, wenn die Produktion vollautomatisiert mit Robotern und Rechenprogrammen abläuft.

(*Name von der Redaktion geändert)


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