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Die biologische Invasion Wie gefährlich sind fremde Arten?

Ist das schlimm, wenn sich andere Tiere und Pflanzen bei uns ansiedeln? Ist doch Platz für alle da, oder? Und wann gilt eine Art eigentlich als "fremd" in unserer globalisierten Welt? 10 Dinge, die Sie über fremde Arten wissen sollten ...

Stand: 12.11.2015

Ein Film von Katrin Focke

Viel zu tun am Flughafen!

Am Flughafen kontrolliert der Zoll, wer und was einreist. Stichprobenartig wird das Gepäck von Reisenden nach potentiell invasiven Arten durchsucht und auch der Frachtbereich, in dem Gemüse, Früchte und Kräuter aus der ganzen Welt ankommen. Viel zu tun am Flughafen München! Jährlich kommen hier 40 Millionen Fluggäste an und hunderte Tausend Tonnen Fracht. Packung für Packung und mit der Lupe werden Lebensmittel wie Mini-Auberginen aus Malaysia und exotische Basilikumarten auf Pflanzenschädlinge untersucht.

Was schlimm ist

Der Waschbär - süß, aber auch schädlich.

Schlimm ist nicht, dass fremde Arten bei uns einwandern. Schlimm ist, wenn fremde Arten einwandern und heimische Arten verdrängen. Oder sich Schädlinge aus anderen Ländern breit machen, die bei uns keine natürlichen Feinde haben. Oder, wenn sich Pflanzen bei uns ausbreiten, die starke Allergien auslösen.

Wer hat's erfunden?

Christoph Kolumbus bestimmt, wann eine Art einheimisch oder fremd ist.

Wann gilt eine Art als "fremd"? Alle Arten, die wir Menschen nach 1492 in andere Regionen verfrachtet haben, gelten als nicht einheimisch. Warum? Weil nach der Entdeckung Amerikas Handel und Verkehr zwischen den Kontinenten zunahmen und neben Menschen auch mehr Tiere und Pflanzen auf Reisen gingen. Seit jener Zeit sind 1.100 fremde Tierarten nach Deutschland importiert worden, sagt das Bundesamt für Naturschutz. 260 haben sich bei uns gut eingelebt.

Eingewanderte Tiere

Jetzt heißt es, stark sein! Zu den sogenannten invasiven Arten, die wir Menschen bewusst importiert haben, zählt auch #Flausch mit Knopfaugen wie der Waschbär. Er ist ein Allesfresser, der Mülltonnen, Komposthaufen und Vogelnester ausräubert und Dächer beschädigt, was richtig viel Geld kostet.

Der Asiatische Laubholzbockkäfer - ein ALB-traum

Noch größeren Schaden als der Waschbär richtet der weitaus kleinere Asiatische Laubholzbockkäfer (ALB) an. Er ist einer der gefährlichsten Schädlinge weltweit. Für Laubbäume. Auch für die kerngesunden! Der Käfer war schneller als unsere Kontrollen und wanderte per Holzpalette ein. Das Insekt hat hierzulande keine natürlichen Feinde, ist robust und darf nicht mit Chemie bekämpft werden, weil das bei uns verboten ist.

Wo der ALB angreifbar ist

Wie die Made im Speck: Eine Larve des Asiatischen Laubholzbockkäfers in einem Baumstamm

Eine Achillesferse hat der Asiatische Laubholzbockkäfer: Er ist faul und fliegt nicht gerne. Das heißt, er richtet zwar massive Schäden an, die aber lokal bleiben, wenn man den Käfer in Zaum hält. Das geht nur, wenn befallene Bäume in einem Umkreis von 100 Metern gefällt werden.

Wie man den ALB bekämpft

Für Anwohner ist das massive Baumfällen natürlich ein Schock. Betroffen sind in Bayern Städte wie Neubiberg und Putzbrunn bei München sowie Schönebach bei Günzburg. In den Gemeinden gehen die Meinungen weit auseinander, ob man wirklich so viele Bäume fällen muss. 2,8 Millionen Euro stellt die Regierung von Bayern jährlich zur Bekämpfung des Asiatischen Laubholzbockkäfers zur Verfügung. Gewährt man dem Käfer freie Bahn, wären die Kosten höher: Das Bundesforschungsinstitut für Kulturpflanzen schätzt, dass durch den Käfer allein beim Ahorn ein Schaden von 96 Millionen Euro entstehen würde.

Der Feind des ALB

Spürhund Rika kann den Asiatischen Laubholzbockkäfer erschnüffeln.

Spürhunde wie Rika können Eier, Larven und Käfer des Asiatischen Laubholzbockkäfers erschnüffeln. Das erleichtert Forstwissenschaftlern die schwierige Suche nach den Käfern. Die Schadspuren hoch oben in den Baumkronen sind schwer zu sehen und das Insekt versteckt sich 20 Monate lang im Baumstamm, während es sich von der Larve zum Käfer entwickelt und sich gemütlich durch den Baum fräst. Danach ist der Baum hin.

Eingewanderte Pflanzen

Eigentlich faszinierend dieser geschickte Käfer, genauso wie die überlebensstarken fremden Pflanzen, die sogenannten Neophythen, die sich bei uns breit gemacht haben. Etwa 1.000 Arten sind seit 1492 eingewandert, hat das Bundesamt für Naturschutz nachgerechnet. In den vergangenen 25 Jahren hat sich ihre Zahl mehr als verdreifacht. Da ist zum Beispiel das Indische Springkraut, das bis zu 4.000 Samen pro Pflanze erzeugt und diese zehn Meter weit schleudern kann. Der Riesenbärenklau produziert bis zu 50.000 Samen pro Jahr und einen Pflanzensaft, der in Verbindung mit Sonnenlicht zu Verbrennungen führt. Die Pollen der Ambrosia können Heuschnupfen und Asthma auslösen - sogar bei Nicht-Allergikern. Sie fliegen im Oktober, was die Heuschnupfen-Saison verlängert. Der hübsche Pontische Rhododendron steht unter Beobachtung, weil sich die Gartenpflanze aggressiv ausbreitet.

Was tun?

HT steht für Wärmebehandlung. Werden Paletten erhitzt, hat der Asiatische Laubholzbockkäfer keine Chance mehr.

Die USA, Österreich, die Niederlande und Frankreich sind erfolgreicher bei der Bekämpfung eingewanderter Arten als Deutschland. Was hilft? Den gleichen Fehler nicht zweimal machen und besser vorbeugen! Zum Beispiel Gartenbesitzer über aggressive Gartenpflanzen aufklären, das Ballastwasser von Schiffen vor dem nächsten Einsatz kontrollieren und Holzpaletten wärmebehandeln, damit keine Schädlinge einwandern können. In der EU soll es 2016 eine "schwarze Liste" für invasive Arten geben. Alle dort aufgeführten Tiere und Pflanzen sind zur Jagd freigegeben. Oder wir gewöhnen uns einfach an neue Arten.

"Wir haben diese eingeschleppten Arten, deren Einschleppung wir selbst verursacht haben. Wie wollen wir in Zukunft damit umgehen? Wir können diesen Prozess nicht mehr rückgängig machen, wir können nicht mehr alle Arten loswerden. Ich denke, man muss da umdenken und sich auch mit fremden Arten anfreunden."

Tina Heger, Biologin


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