BR Fernsehen - Faszination Wissen


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Faszination Wissen-Reihe Unser Essen der Zukunft

Was kommt wohl in Zukunft auf den Tisch? Essen wir zahnlahme Astronautennahrung? Bekochen uns künftig Roboter? Wohin führt die tägliche Lust auf Fleisch? Die Trends beim Essen der Zukunft gibt es hier im Überblick. Und alle Videos! Die können Sie auf einen Happs genießen oder in fünf kleinen Bissen. Wie Sie wollen …

Stand: 30.09.2015

Max Schmidt isst neuartigen japanischen Snack | Bild: BR

Eine Reihe von Doris Tromballa

- Folge 1: Genuss und Erlebnis -

Von wegen Wasser und Brei oder Pillen: Astronautennahrung hat sich über die Jahrzehnte gemausert.

Unser Essen der Zukunft? Wer das hört, hat meist unwillkürlich Bilder von Pillen und Brei aus Alu-Beuteln im Kopf. Der denkt an freudlose Astronautennahrung, die kein Schneiden, kein Knuspern und kein Beißen erfordert. Doch Astronautennahrung ist gar nicht mehr freudlos. Damit das Essen im All nicht nur wegen der Schwerelosigkeit ein Erlebnis ist, hat die Nasa viel gekocht. Inzwischen kommen aus dem Nasa Foodlab 74 verschiedene Speisen und 20 verschiedene Getränke.

Ein 3-D-Drucker druckt Spaghetti.

Und irgendwann gibt es dann die Pizza aus dem 3-D-Drucker. Eine Vorstellung, die auch der Nasa gefällt: Sie hat einer Firma 125.000 Dollar gezahlt, um einen Pizza-Drucker zu entwickeln. Zu verdanken haben wir die futuristische Technik dem amerikanischen Physik-Professor Neil Gershenfeld. Er wollte, dass seine Studenten nicht nur konsumieren, sondern auch selbst kreativ werden. So entstand die Idee, Formen auszudrucken. Das Prinzip ist einfach: Schicht für Schicht wird eine Paste nach einer Vorlage aus einem Computer aufgetragen. Eine Paste, die auch aus Lebensmittel bestehen kann. Inspiriert von Gershenfelds Idee begannen Menschen weltweit an Essens-Druckern zu tüfteln.

Wie riecht das Aroma "Geräucherter Schinken"? Moderator Max Schmidt schnuppert nach.

Klingt auf jeden Fall besser als Aroma, Farb- und Zusatzstoffe. Produziert werden sie von einer Branche, die seit Jahren einen Aufschwung erlebt. Lebensmittelzusätze sind ein Wahnsinnsgeschäft. 500.000 Besucher kommen inzwischen zur "Food Ingredients". Allein die Anzahl der chinesischen Aussteller hat sich in zwei Jahren verzehnfacht. Alle wollen uns genussvoll in die Zukunft bringen. Von klein auf werden wir beim Essen zur Übertreibung erzogen. Das prägt.

Mit intensiven Aromen kennt sich Christoph Fischer aus. Er ist Flavorist, ein Chemielaborant, der Aromen herstellt. Aromadesigner wollen Geschmacksempfindungen intensivieren, sie länger haltbar machen und sie überdecken, wenn sie nicht erwünscht sind. Das Resultat: Lebensmittel werden heute so stark verarbeitet, dass ihnen auf dem Weg zum fertigen Produkt oft der natürliche Geschmack verloren geht. Deshalb wird er im Labor nachträglich wieder hinzugefügt. Logisch, oder? So gelangen Holz- und Papierabfälle in den Erdbeerjoghurt, auch wenn sie nichts mit Erdbeeraroma zu tun haben.

Dann lieber ein Eis aus der "Science Kitchen". In der Wissenschaftsküche wird kein schnödes Eis aus Milch oder Wasser hergestellt, sondern Eis aus Reis. Lassen Sie sich mal diese Zutaten auf der Zunge zergehen: 40 Prozent Reis(-anteil). Die beste Schokolade der Welt aus Bolivien, aus wildwachsenden Bohnen, säurearm und rein. Kokosblütensirup zum Nachsüßen, der gesünder ist als unser Raffinade-Zucker. Als Gaumenkitzler kommt noch bestes Olivenöl dazu und eine Prise Salz. Das Ganze wird dann stilecht mit flüssigem Stickstoff gefroren. Kühlschrank, Eismaschine? Ah geh, das ist so 2000er-Jahre!

Im Restaurant der Zukunft sitzen alle an einer langen Tafel, aber jeder für sich alleine abgeschirmt im eigenen Gästehaus.

Das Restaurant der Zukunft schließt eine Marktlücke mit einem Häuschen. Dorthin können sich Leute zurückziehen, die alleine essen. Keine abschätzigen Blicke mehr, kein Mitleid. Jeder geht alleine auf seinem Weg zu seinem Gästehaus und wird über einen Gang diskret bedient. Genauso diskret verläuft die Essensübergabe: Die Leckereien werden mit einem kleinem Speisenaufzug nach oben gebeamt.

- Folge 2: Kosten und Zeit -

Der Mensch ist ein besonderes Tier: Als einziger in der Tierwelt bereiten wir unser Essen zu. Dafür haben wir aber immer weniger Zeit: In Deutschland wird nur noch zweimal die Woche richtig gekocht. Ein Problem? Kein Problem! Plötzlich war es da, das Fertiggericht! Es ist der verheißungsvolle Verwandte aus Amerika. Geboren wurde das Fertiggericht 1954 bei einer Dinner-Show im US-amerikanischen Fernsehen. Heute heißt es auf neudeutsch "Convenience Food". Das Essen für Gemütliche gibt es in vier verschiedenen Zubereitungsformen: küchenfertig, garfertig, zubereitungsfertig und verzehrfertig.

2/3 aller Lebensmittel sind inzwischen industriell verarbeitet. Auch wenn auf einer Lebensmittel-Verpackung keine Geschmacksverstärker aufgeführt sind, kann man sich nicht sicher sein, dass ein Fertiggericht keine enthält. Geschmacksverstärker hüllen sich in Tarnmäntelchen und heißen zum Beispiel Hefe-, Gewürz- oder Sojaextrakt statt Glutamat. Warum braucht's die überhaupt? Weil Fertigprodukte meist aus billigen Rohstoffen hergestellt und in riesigen Mengen am Fließband produziert werden. Wer die Zukunft von Fertigprodukten sehen will, der linst nach England. Dort gibt man am meisten für Fertiggerichte aus. Dafür sind sie aber auch oft frischer als bei uns.

Pommes gehen immer!

Träumen wir nicht alle von einem Gerät, das uns bekocht und zum Schluss die Küche aufräumt? Das gibt es leider nicht, aber für den Anfang wären in Zukunft Geräte schick, mit denen man gesünder Essen herstellen kann. Denkbar wären zum Beispiel weniger fette Pommes Frites, die in einer Art Heißluftofen mit nur einem Löffel Öl knackig aufgeglüht werden. Wäre doch schon mal ein Anfang, oder?

Roboter haben's schwer im Haushalt.

Was für uns Menschen lächerlich einfach ist, ist für einen Roboter extrem schwer. Woher soll der wissen, wie sich Müsli und Orangensaft unterscheiden? Was in den Kühlschrank und was in den Geschirrschrank gehört? Wo man sanft wischt und wo kräftig schrubbt? Und dass auch noch schnell. Zukunftsforscher sind deshalb überzeugt, dass es in naher Zukunft keine elektrische Putzkraft geben wird, aber mehr Maschinen im Haushalt, die uns Arbeit abnehmen.

"Der Gesundheitsbegriff hat sich den allgemeinen Lebensbedingungen angepasst: Während man vor Jahrzehnten noch unter Gesundheit 'Abwesenheit von Krankheit' verstanden hat, ist es heute viel stärker eine Frage des allgemeinen Wohlbefindens - und das ist auch ganz gut so."

Professor Sabine Möller, Roehampton University Business School, hat eine der größten Studien zu Convenience Food in Europa gemacht

- Folge 3: Sicherheit & Auswahl -

Panschereien? Entdeckt der "Food Screener" sofort!

Heutzutage gibt es durchschnittlich 25.000 verschiedene Produkte im Supermarkt. Variationen von Milch und Lebensmitteln aus vielen verschiedenen Ländern. Da wären japanische Algen für Sushi, mexikanischer Dip, arabischer Aufstrich, italienische Pasta-Soßen und Kokosmilch aus Thailand. Mehr als 95 Prozent unserer Lebensmittel wurden mehr als 100 Kilometer weit transportiert. Kann das immer gut gehen? Ob auch drin ist, was auf einem Lebensmittel draufsteht, überprüft der Food Screener. Das ist ein spezielles Magnetresonanzspektrometer, das bis zu 50 Substanzen in einer Probe erkennen kann. Sehr spannend bei Wein, Obstsaft und Hackfleisch!

Alles gut, wenn die Inhaltsstoffe gut sind? Nicht ganz: Schlecht ist, wenn die Kühlkette bei der Lagerung unterbrochen wurde oder Bakterien beim Eintüten in die Verpackung gelangt sind. Fortschrittlich konserviert wird mit dem Hochdruckkonservierer: Kein Erhitzen, kein Gefrieren, keine Zusatzstoffe, nur durch Druck wird Wurst bis zu sechsmal länger haltbar - und auch Fleisch, Flüssigkeiten, Tomaten und Obst bleiben länger frisch. 300.000 Tonnen Lebensmittel werden so inzwischen weltweit konserviert. Noch in der Testphase ist der Plasmajet, bei dem mit kaltem Plasma entkeimt wird - wie in der Medizin. Warum das funktioniert, weiß man noch nicht genau, ähem.

Eine Konservierung der anderen Art betreibt das Institut für Pflanzengenetik in Gatersleben in Sachsen-Anhalt: Seit fast 100 Jahren werden dort Kulturpflanzen und Saatgut gesammelt. Warum? Damit alte Sorten nicht in Vergessenheit geraten, wenn stetig neue gezüchtet werden.

"Man weiß nie, welche Pflanzen wir in zehn, 20 oder 100 Jahren brauchen, deswegen erhalten wir hier alles."

Peter Schreiber, Institut für Pflanzengenetik in Gatersleben, Sachsen-Anhalt

- Folge 4: Gesundheit und Mehrwert -

Nahrung vom Fließband: Da fing's an mit der schlechten Ernährung ...

In den 1960-iger Jahren spricht die Weltgesundheitsorganisation erstmals von einer "Fehlernährung" in den Industriestaaten. Trotz mehr Wissen, wird auf der Welt schlechter gegessen. Das fällt irgendwann auch in den Arztpraxen auf und die Ernährungsberatung wird ins Leben gerufen. Doch nicht nur Mediziner haben den Trend erkannt, sondern auch die Industrie. Seit den 1990iger-Jahren gibt es Lebensmittel mit Zusatzwert, die sogenannte "Functional Food". Die Gegenbewegung setzt auf "Natur pur". Das heißt hierzulande regional, saisonal und ökologisch angebautes Gemüse kaufen oder selbst anbauen. In der Stadt wird gern auf dem Balkon, im Schrebergarten oder in Gemeinschaftsgärten gebuddelt.

Für Stadt- und Gemeinschaftsgärten haben sich auch die Bewohner der US-amerikanischen Stadt Detroit entschieden. Sie stellen inzwischen die Hälfte ihrer Lebensmittel selbst her. In vier Jahren haben sich in der Stadt hunderte Gartenprojekte entwickelt. Aus Not. Nach dem Niedergang der ortsansässigen Automobilbranche stürzte die Stadt von der Boomtown zum Niemandsland ab, Jobs und Supermärkte verschwanden, wodurch die Lebensmittel knapp wurden. Die Detroiter gaben nicht auf und krempelten die Ärmel hoch.

Studien beweisen, dass bestimmte Stoffe einen Mehrwert liefern. Es ist eine Frage der Weltanschauung, ob man sie lieber als Extrakt aus dem Labor oder in natura isst. Algen beispielsweise enthalten gleich mehrere gute Stoffe. Sie gelten als heißer Trend unter den potenten, zukünftigen Ernährungsmitteln. In Asien weiß man das schon lange, in Deutschland fremdeln wir noch, eine der 170 verwendbaren Arten in die Küche zu lassen. Dabei hat das Grünzeug Power: Es enthält ungewöhnlich viel Protein für ein pflanzliches Produkt (10-40 Prozent), viele Mineralstoffe, wenig Fett und Omega-3-Fettsäuren, heißbegehrt, weil selten. Algen können sowohl in tropischen Gewässern, als auch in kälteren Regionen wie der Nordsee wachsen - und sie wachsen schneller als jede Pflanze auf dem Festland.

- Folge 5: Welternährung und Verantwortung -

Algen sind eklig? Abwarten, es kommt noch dicker! Wer sich mit dem Essen der Zukunft beschäftigt, sollte sich mit dem Gedanken anfreunden, später einmal Insekten statt Fleisch zu essen. Warum? Derzeit leben rund sieben Milliarden Menschen auf der Erde. 2050 werden es etwa zehn Milliarden sein. Schon jetzt hungern 900 Millionen Menschen weltweit. Wir müssen uns also etwas einfallen lassen, damit in Zukunft alle etwas zu essen haben. Das klappt nicht, wenn weiterhin jedes Jahr Ackerflächen aufgrund von Monokulturen verloren gehen und immer mehr Fleisch und Fisch gegessen wird. Zwei Milliarden Menschen auf der Welt essen übrigens bereits Insekten.

Von der Lupine werden wir in Zukunft mehr hören.

Ok, ok, keine Panik! Es gibt auch noch Fleischersatz aus Pflanzen, zum Beispiel aus Soja, Seitan und Lupine. Nicht alle sehen aber so aus oder schmecken so wie Fleisch.

Wo kommt das Eiweiß zukünftig her?

Fleisch aus Insekten

Mehlwürmer

Unsere Eiweißration könnte zukünftig Fleisch aus Insekten, aus dem Labor oder aus Pflanzen decken. In Asien, Südamerika und Afrika essen Menschen bereits regelmäßig Insekten.

  • Vorteil bei Insektenfleisch: Insekten sind anspruchslos in der Haltung und erzeugen keine Treibhausgase. Aus zehn Kilogramm Futter könnte man acht Kilogramm Insektenfleisch gewinnen und das Fleisch ist genauso hochwertig wie Fleisch vom Rind oder Schwein.
  • Nachteil: Eklig! Wird Insektenfleisch zu Mehl verarbeitet, fällt der Ekel-Faktor aber weg.

Fleisch aus dem Labor

Um Fleisch im Labor herzustellen, braucht man entweder einen 3-D-Drucker und eine Lebensmittel-Paste aus tierischen Stammzellen. So wurde beispielsweise aus Stammzellen von Rindermuskelfleisch mit wachstumsfördernden Chemikalien reiskorngroße Fasern erzeugt und zu einem Burger verarbeitet.

  • Vorteil: Es gibt schon Investoren, die die Forschung unterstützen.
  • Nachteil: Fleisch aus dem Labor ist noch sehr teuer.

Fleisch aus Pflanzen

Der bekannteste Fleischersatz aus Pflanzen besteht aus Tofu (Sojabohnen), Seitan (Weizeneiweiß) und Lupinen (Pflanze, eine Verwandte der Erbse).

  • Vorteil: Mit allen Alternativen wird bereits erfolgreich experimentiert. Sie lassen sich einfach herstellen und liefern hochwertiges Eiweiß.
  • Nachteil: Dreiviertel der weltweiten Sojaernte besteht aus gentechnisch veränderten Sorten. Menschen mit Gluten-Unverträglichkeit (Zöliakie, Sprue) können Seitan nicht essen. Bei Lupinen lässt der Geschmack noch etwas zu wünschen übrig.

Ein Fensterplatz, Wasser und der gleiche Container für alle und Goldfische für Chilis und Paprika: Das Paradies für Nutzpflanzen steht im englischen Wigan nahe Manchester. Seit September 2013 fahren dort in einem Haus Basilikum, Koriander und Salat zwei Stockwerke auf und ab - eingepflanzt in Container, immer am Fenster entlang, damit alle mal Licht bekommen. Zusätzlich helfen auch ein paar Lampen mit. Wasser gibt's gleichviel für alle, zeitgesteuert und per Lichtschranke. Gegenüber stehen Chilis und Paprika und gedeihen prächtig mithilfe ihrer Untermieter: den Goldfischen. Sie liefern den Dünger für alle Pflanzen. "Vertical Farming" nennt man diese todschicke Anbaumethode aus der Zukunft.

"Hab ich gerade eine Hand voll Würmer gegessen eigentlich? Nein, oder? Hab ich nicht ..."

Moderator Max Schmidt


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