BR Fernsehen - Faszination Wissen


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Daten Wie mächtig sind unsere digitalen Schatten?

Ana Zirner ist Regisseurin. Für ihr nächstes Theaterstück "Privacy" untersucht sie, wie Menschen leben, wenn Computer jeden Schritt registrieren und jede Handlung vorausberechnen. Ihr Versuchsobjekt: Sie selbst!

Stand: 01.06.2016

Ein Film von Roland Schenke

Die Regisseurin Ana Zirner sammelt Daten über sich selbst - und zwar solche, die sie täglich an verschiedenen Stellen preisgibt - beim Surfen im Internet, bei der Nutzung eines Fitness-Armbands und bei Tests von Online-Partnerbörsen. Veröffentlicht wird ihre Datenspur für jeden sichtbar auf ihrer Homepage. Warum Ana das Experiment startet:

Ana lässt sich online Persönlichkeitsprofile erstellen.

"In der Recherche geht's mir darum, Grenze zu spüren, weil ich mir das nicht vorstellen kann. Ich hab so diese Einstellung, die ich inzwischen selbst infrage stellen würde: Ich hab ja nichts zu verbergen, also warum sollte es mir was ausmachen? Und ich hab auf der anderen Seite das Gefühl, dass solange das keine Einzelpersonen sind, die meine Daten ausspähen, sondern so ganz abstrakte Firmen, dass mir das egal ist. Und das finde ich ganz furchtbar, dass es mir egal ist."

Ana Zirner, Theaterregisseurin

Ana Zirners Selbstversuch

Faszination Wissen begleitet Ana während ihres Selbstversuchs. Können Algorithmen die Regisseurin beeinflussen? Bei Persönlichkeits- und Datingprofilen fühlt sich Ana jedenfalls nicht gut getroffen. Die Auswertungen erscheinen ihr oberflächlich. Interessanter sind für sie die Körperdaten, die sie von einem Startup-Unternehmen erheben lässt. 50 Werte werden in einem mobilen Labor insgesamt gemessen, darunter Körperform, Fett- und Muskelmasse, Blutfette, Blutzucker, Leber- und Nierenwerte, Blutdruck, Puls und Lungenvolumen. Algorithmen errechnen daraus Anas Körperalter und geben Empfehlungen, wie sie ihren Körper gesundheitlich optimierten kann.

Die Auswertung dieser Messungen ergibt, dass Ana fast überall gute bis optimale Werte hat, nach dem umstrittenen Body-Mass-Index (BMI) aber auch leichtes Übergewicht. Überwacht von Apps und Sensoren will Ana, die ohnehin sportlich ist, deshalb noch fitter werden. Und abnehmen. Früher ist sie Marathon gelaufen und will bald zumindest wieder einen Halbmarathon schaffen. Die Fitness-Empfehlungen lässt Ana Zirner von ihrer Ärztin überprüfen und auch die rät dazu, weniger Kalorien aufzunehmen.

Ana macht Liegestützen.

"Also ich arbeite fleißig daran, Körperfett zu verbrennen, mehr als vorher, reduziere die Kalorien-Aufnahme nochmal. Ich bin mir nicht sicher, ob das gesund ist, aber ich mach das jetzt mal."

Ana Zirner

Anas Fazit

Anas Trainingswerte sind gut. Sie schafft das zwei- bis fünffache des Bewegungspensums, das von ihren Apps empfohlen wird. Obwohl sie am Tag nur noch 1.200 Kalorien isst, nimmt sie aber nicht ab. Die Regisseurin ist frustriert. Nach drei Wochen hat Ana einen Kontrolltermin bei dem Startup-Unternehmen, das ihre Körperdaten gemessen hat. Obwohl die Auswertung erfreulich ist, findet Ana es gefährlich, anhand von Körperdaten die eigene Gesundheit zu optimieren. Ihr Fazit nach drei Wochen:

"Ich wollte es [die Gesundheitsdaten] ja auch wissen - und ich bin trotzdem überrascht, was das psychisch macht. Das war so ein mittelkleiner Zusammenbruch. Obwohl ich mich als psychisch stabilen Menschen sehe, das freiwillig mache und mich absichtlich in ein Experiment begebe, das ich auch absichtlich drei Wochen so durchziehe."

Ana Zirner

Nach dem Selbstversuch will Ana Zirner erstmal digital entgiften - und wochenlang auf Smartphone, Fitnesstracker und Algorithmen verzichten. Sie spürt Abhängigkeitserscheinungen - und die Macht, die Zahlen über uns haben:

Ana joggt mit Fitness Tracker.

"Worauf ich gespannt bin, wenn das Projekt vorbei ist, ist, wie lange es dauert, bis ich damit klarkomme, dass ich nicht alles messe. Ich merke jetzt schon, wenn ich mal die Uhr nicht anhabe oder mein Handy nicht direkt in der Nähe liegt, dann bekomme ich leichte Panik und fühle mich nackt oder irgendwie unvollständig."

Ana Zirner

Computer schalten Abweichungen aus

Daten sind ein kostbares Gut. Yvonne Hofstetter gibt möglichst wenige davon preis. Denn die Expertin für künstliche Intelligenz vertritt die These: Algorithmen sind eine Gefahr für die menschliche Freiheit, weil Computer darauf programmiert sind, Abweichungen auszuschalten. Wenn man sie menschliches Verhalten berechnen lässt, fällt auf, wer vom Durchschnitt abweicht.

Yvonne Hofstetters Einschätzungen

Lenkung

"Wenn Sie Kontrolle ausüben möchten - sei es über eine Industrieanlage, einen Menschen oder eine ganze Gesellschaft - dann brauchen Sie Informationen darüber. Und das haben wir heute. Wir liefern diese Information, wir als Gesellschaft, indem wir unsere Messgeräte - sprich Smartphones - mit uns herumtragen, und dann ist die Versuchung groß, dass man diese Daten nutzt, um die Gesellschaft entsprechend zu leiten und zu lenken."
Yvonne Hofstetter

Datensparsamkeit

"Als einzelner ist es sehr schwer, etwas dagegen zu tun. Ich rate in dieser Frühphase, in der es wenige gesetzliche Regelungen gibt, zu Datensparsamkeit, aber das ist natürlich relativ schwierig zu machen. Natürlich können Sie freiwillig verzichten auf ein Smartphone. Ich tue das beispielsweise für mich selbst, aber das bedeutet, dass Sie an gewissen Leistungen in der digitalen Gesellschaft nicht mehr teilnehmen können. Sie haben einfach keinen Zugang mehr. 'Code is law' bedeutet eben auch, Zugang zu Leistungen erhalten Sie nur, wenn Sie bestimmte Technologien benutzen."
Yvonne Hofstetter

Grundrechte einfordern

"Diese Wirtschaftsakteure haben sich ausgebreitet in diesen virtuellen Raum hinein und verletzen dadurch unser Verständnis von Verfassung, von Menschenwürde. Und da muss man versuchen, dass wir diese Werte, die wir in Europa haben - Grundrechte, Menschenwürde, Demokratie, Rechtsstaat, die sind alle wirklich gefährdet - zunächst mal auf gesetzlichem Weg stärken. das heißt hier ist sehr wohl der Gesetzgeber gefordert und es geht darum, diese Grundrechte einzufordern."
Yvonne Hofstetter

Das Datafest Germany

Datafest Germany 2016 in München

Was man alles mit Daten anstellen kann, testen die Teilnehmer des Datafests Germany. Das ist ein Nachwuchswettbewerb für Datenanalyse. Studenten verschiedener Fachrichtungen bekommen einen Datensatz vorgesetzt und haben 40 Stunden Zeit, die interessantesten Infos herauszufiltern. So bekamen die 20 Teams beim Datafest 2016 zum Beispiel Kunden- und Verkaufsdaten eines Online-Ticketverkäufers aus den USA. Gewonnen hat unter anderem ein Team, das mithilfe der Daten analysieren konnte, welche Partei die Käufer wählen.

Link-Tipps

Mehr Infos zum Thema und im Film erwähnte Homepages finden Sie hier:


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