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Nashorn oder Meeresschwamm Was "kostet" eine Art?

Jeden Tag sterben etwa 130 Tier- und Pflanzenarten aus. Die traurige Wahrheit: Alle können wir nicht retten. Aber nach welchen Kriterien sollen wir beim Artenschutz vorgehen, wen retten und wen aussterben lassen?

Stand: 23.10.2013

Ein Film von Jenny von Sperber

Warum sind Bienen besonders wertvoll?

Gut 90 Prozent der Apfel-Bestäubung geht auf das Konto der Biene. Vergangenes Jahr konnten deswegen in Deutschland 970.000 Tonnen Äpfel geerntet werden. Und auch Birnen, Kirschen, Raps und Sonnenblumen profitieren von der Hilfe der Bienen. Insgesamt kann man sagen, dass wir - direkt oder indirekt - ein Drittel unserer Nahrung der Biene verdanken. Allerdings ist sie nicht der einzige wichtige Bestäuber in der Landwirtschaft: Sie teilt sich die Arbeit sehr effektiv mit Hummeln und Wildbienen. Nur gemeinsam sorgen sie für einen so hohen Ertrag.

Warum sind Kieselschwämme besonders wertvoll?

Schwämme sind uralte Lebensformen: Sie existieren schon seit etwa 800 Millionen Jahren und haben seither alle Veränderungen in ihrer Umwelt überlebt, während andere Tiere reihenweise ausgestorben sind. Schwämme sind für Menschen aber deshalb sehr interessant, weil sie ähnliche Bausteine wie wir haben und uns medizinische Wirkstoffe liefern können: So besteht ihr Skelett aus Silikat, das auch gut für menschliche Knochen sein könnte. Immerhin wurden in der EU vergangenes Jahr schätzungsweise 150 Millionen Euro für orthopädischen Knochenersatz ausgegeben und noch einmal knapp 100 Millionen Euro in der Zahnmedizin.

Warum sind Oman-Bananen besonders wertvoll?

Egal, ob Bananen aus Afrika, Indien oder Costa Rica kommen, sie haben alle das gleiche Erbgut. Das macht sie anfällig für Krankheiten und Schädlinge und ist ein enormes Risiko. Verhindert werden soll das mit Pestiziden. 40 Mal im Jahr werden Bananen-Plantagen gespritzt. Das macht die Banane zur Frucht mit der höchsten Umweltbelastung weltweit. Neue Bananen-Arten, die mit der marktüblichen Banane nicht so nah verwandt und deshalb weniger anfällig sind, sollen Abhilfe schaffen. Gefunden hat der Agrarökologe Andreas Bürkert so ein Exemplar in einer schwer zugänglichen Oase im Oman. Nach ihrem Fundort heißt sie: Umq-Bir-Banane.

Warum sind Nashörner besonders wertvoll?

Menschen halten sich ja immer gerne für rationale Wesen, sind das aber viel weniger als sie denken. Und deshalb lassen sich sogar Artenschützer den Kopf von kuscheligen Tieren oder Charismatikern verdrehen. Das Nashorn fällt in die Kategorie Charismatiker. Mehr als 56 Millionen Euro zahlen Touristen jährlich an die staatlichen Nationalparks in Südafrika, um vor allem Nashörner zu sehen. Ihr "Nutzwert" für den Menschen ist, dass wir zufrieden sind, wenn wir wissen, dass es Nashörner auf der Welt gibt oder süße Pandabären, weil wir sie für wertvoll halten. Das hilft auch den Arten, die mit den Charismatikern den Lebensraum teilen.

Fazit

Der Blick durch die Brille der Wirtschaftswissenschaften mag vielen ketzerisch erscheinen, aber das Ausmaß des Artensterbens ist so gigantisch, dass neue Lösungswege gefunden werden müssen - und das schnell! Noch nie sind so schnell so viele Arten auf der Erde ausgestorben. Doch auch wenn wir alles dafür gäben, alle vom Aussterben bedrohten Arten können wir gar nicht retten. Ein Ausweg wäre es deshalb, Arten ökonomisch nach ihrem Nutzen für den Menschen (Arbeitsleistung, medizinischer Nutzen, genetische Extravaganz und Charisma) zu bewerten und die wichtigsten von denen zu retten, die für den Menschen extrem wertvoll sind.

Fotos von ausgerotteten und selten gewordenen Arten

Arten-Sammlungen

Die Fotos der ausgerotteten und selten gewordenen Tierarten stammen aus der Zoologischen Staatssammlung München und der Botanischen Staatssammlung München. Mehr Infos - auch zum Schutz des Waldrapp - finden Sie hier:


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