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Frankreich Will der Kreml Emmanuel Macron verhindern?

Sie ist stolz - Marine Le Pen: seit letzter Woche steht sie in der Stichwahl um das Amt des französischen Präsidenten. Und er hat sie im Wahlkampf unterstützt. Mit neun Millionen Euro.

Von: Thomas Kießling und Boris Reitschuster

Stand: 30.04.2017 | Archiv

Emmanuel Macron

Ein Gefallen unter Freunden. Und damit ja nichts schief geht, soll der Gegenkandidat Emmanuel Macron beschädigt werden. Der russische Propagandakanal Sputnik streut Gerüchte, er sei homosexuell.

"Ich habe Informationen, dass unsere Leute auch in Frankreich arbeiten, aktiv für Le Pen und Fillon die Werbetrommel rühren, freundlich mit Melanchon umgehen und ganz scharf Macron kritisieren und diskreditieren. Genauso arbeiten der Fernsehsender RT und die Agentur Sputnik."

Igor Eidman, früherer russischer Wahlkampfmanager

Marine Le Pen

Der Ausstieg Großbritanniens aus der Europäischen Union: auch hier steht Russland in Verdacht, dass Hacker Einfluss auf die Brexit-Abstimmung genommen haben sollen. Ganz offen machten russische Medien Stimmung, kritisiert die Ehefrau des in London ermordeten Alexander Litwinenko.

"Russia Today ist ein offensichtlicher Propagandakanal, der großen Schaden anrichtet. Das ist ein Sprachrohr, ein Mittel, die Leute zu beeinflussen. Wenn wir über den Einfluss Russlands in England sprechen, dann passierte das wirklich über den Kanal RT."

Marina Litwinenko, Witwe Alexander Litwinenkos

Auch bei den US-Wahlen hatte Moskau seine Finger im Spiel, sagen die Geheimdienste: Clintons Ruf wurde massiv durch Hackerattacken beschädigt.
Doch auch in Deutschland hinterlassen russische Angriffe Spuren, bis hinein in den Bundestag. Marieluise Beck von den Grünen ist eine lautstarke Putin-Kritikerin. Auf Ihrem Computer hatten Hackern einen Trojaner platziert.

"Die Wahlkampagne von Hillary Clinton ist gehackt worden von Nachrichtendiensten, die genau der Gruppe entsprochen haben, die auch mein Büro gehackt hatte. Inzwischen kann man sie identifizieren, sie werden als apt28/29 bezeichnet."

Marieluise Beck, Mitglied des Deutschen Bundestages, Die Grünen

APT28/29 ist eine russische Hackergruppe. Aber nicht nur technisch wird manipuliert. Olga Sokolova sollte zum Beispiel angeworben werden. Im Gegensatz zu den Hacker-Attacken lief diese Kontaktaufnahme direkt ab. Exklusiv für euroblick erzählt sie von einem ominösen Anruf.

"Ich wurde von meiner Bekannten kontaktiert, die ich als sehr vertrauenswürdig schätze. Sie lebt jetzt momentan in Polen und sie hat früher in Moskau für einen sehr liberalen Radiosender gearbeitet."

Olga Sokolova, Kultur- und Religionswissenschaftlerin

Diese Freundin wollte ein Jobangebot aus Russland vermitteln. Sokolova sollte eine Social Media-Kampagne starten, die…

"…mit den bevorstehenden Wahlen in Deutschland zu tun haben wird. Dass es schon um Agitation geht und politische Agitation, die gegen die jetzige Koalition gerichtet ist."

Olga Sokolova, Freie Universität Berlin

Wladimir Putin

Und sie sollte das Hauptziel sein – die Bundeskanzlerin. Mit Themen wie Flüchtlingen und Migranten soll sie beschädigt werden.

"Putin will Merkel loswerden, weil sie seine härteste Gegnerin ist in Europa. Sie kennt ihn sehr gut, versteht sehr gut, wie man mit ihm umgehen muss. Ein politisches Chaos in Deutschland zu schaffen, das man zu eigenem Nutzen verwenden kann – das ist das Ziel von Putin."

Dmitrij Chmelnizki, Historiker

Wie das Ganze funktioniert, war vor einer Woche in Köln zu sehen. Etwa 10.000 Bürger demonstrieren friedlich gegen den AfD-Parteitag. Am Rande der Demo treffen wir Kamerateams von RuptlyTV: einen der Mitarbeiter drehen wir heimlich in einem Café, damit er offen über seine Arbeit spricht.

"Wir werden von der Berliner Zentrale meist dahin geschickt, wo es Krawalle gibt. Das kaufen dann auch andere Fernsehsender bei uns."

Mitarbeiter RuptlyTV

Sein Film, den wir später auf RuptlyTV sehen, zeigt vorwiegend Krawalle. Zu diesen Filmaufnahmen gibt es keinen Text, der die Situation einordnen würde. In Wirklichkeit gab es keine Krawalle, nur kleinere Zwischenfälle. Ansonsten war es ein rein friedlicher Protest.

Dann bekommt der Kameramann eine Nachricht – es gäbe noch eine gebrochene Glasscheibe in Köln – für RuptlyTV genau das richtige Bild.

"Ruptly ist wie gesagt nur die Videoplattform. Aber die Chefredakteurin von RT, Margarita Simonjan, hat mir im kleinen Kreis, ich glaube nicht öffentlich, hat selbst gesagt, dass sie sich einmal die Woche trifft, dass sie mit den Kollegen aus dem Außenministerium abspricht, was für Themen gemacht werden. Und dahinter steckt doch der Unterschied. Wir leben in Zeiten der Lügenpresse und so weiter. Genau an dem Punkt herrscht der Unterschied zwischen seriösen Journalismus und Leuten, die ganz bewusst Propaganda machen wollen. Und das machen die russischen Medien."

Steffen Dobbert, Zeit Online

Wie wirksam die russische Propaganda ist, beschreibt der frühere russische Vize-Regierungschef Alfred Koch.

"Man muss nur die Situation mit den endlosen Behauptungen deutscher Politiker nehmen, wonach Deutschland unter den Sanktionen gegen Russland leidet, die der Westen eingeführt hat. Das ist in Wirklichkeit nicht so. Der deutsche Export wächst."

Alfred Koch, Ex-Vizeregierungschef Russland

Igor Eidmann

Doch Moskau setzt nicht nur auf Propaganda. Hierher, nach Berlin werden sogar Spezialisten für schmutzige Wahlkampf-Methoden eingeflogen:

"Ich bin in Deutschland nicht nur auf diese Technologien gestoßen, sondern habe hier die Leute getroffen, die in Moskau damit gearbeitet haben. Sie reisen hierher und erzählen mir als altem Bekannten über ihre Erfolge beim Beeinflussen der öffentlichen Meinung in Deutschland, darunter auch mit schwarzer PR."

Igor Eidmann, Buchautor Das System Putin

Schwarze PR – so nennt man in Russland gezielte Verleumdung. Auch wenn die russischen Methoden heftig sind, die bisherigen Wahlergebnisse in Frankreich zeigen, dass eine Mehrheit der Bürger wohl nicht auf die Manipulationen hereinfällt. Bis jetzt jedenfalls.


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