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Dänemark Ökoinsel Samsö will energieautark werden

Das ist die dänische Insel Samsø im Kattegat. Hier haben es die 3700 Einwohner beinah geschafft, sich selbst zu versorgen.

Von: Nils Kopp

Stand: 17.05.2015 | Archiv

Drei Windräder | Bild: BR

Rund hundert Millionen Euro hat sie das gekostet: Zum Teil Zuschüsse, zum größeren Teil jedoch Investitionen der Kommune und der Bürger vor Ort. Beteiligt war damals auch Søren Hermansen.

"Wir produzieren mehr Strom als wir verbrauchen."

Søren Hermansen, Energieberater Samsø

Vor neun Jahren haben wir mit dem euroblick Søren Hermansen schon einmal besucht. Als Energieberater hatte er es sich zum Ziel gesetzt, seine Mitbewohner zu überzeugen, dass man mit den Windrädern nicht nur sich selbst versorgen, sondern sogar ein gutes Geschäft machen kann.

"Meine Aufgabe ist es jetzt neue Jobs zu schaffen – Nachhaltigkeit zu ermöglichen."

Søren Hermansen, Energieberater Samsø

Und ist ihm das auch gelungen? In der Tat: Überall auf der Insel stößt man auf Anlagen zur Energiegewinnung. Ob bayerische Kommunen auch daraus lernen können? Natürlich, die Einwohner und die Kommune hatten Geld. Und das investierten einige in Solaranlagen, andere aber in ein lukrativeres Geschäft: In Windkraft.

Vor 15 Jahren hatte JørgenTranberg, Landwirt mit 150 Kühen, rund zweieinhalb Millionen Euro in Windkraftanlagen investiert – in ökologische Geldautomaten. Dennoch: für das Leben auf der Insel sind auch Touristen recht wichtig. Stört sie der Anblick nicht?

"Für die Touristen ist das kein Problem. Wir haben ja sowieso ein gutes Image durch unser Energieprojekt. Deswegen kommen die Leute, weil sie die Anlagen sehen wollen."

Jørgen Tranberg, Besitzer von Windkraftanlagen

Und auch gegen Protest von Anwohnern hat man auf Samsø ein Patentrezept gefunden.

"Alle, die Anteile von den Windturbinen kaufen wollen und von der Insel kommen, können das auch tun. Und das haben viele gemacht. Und für die sind die Anlagen einfach nur hübsch anzuschauen."

JørgenTranberg

Arne Kremmer Jensen

Und auch Biomasse gibt es hier genug, in Form von Holz in einem Hackschnitzelheizwerk im Norden der Insel und durch Stroh von den Landwirten im Süden. Das wird zum Beispiel in dieser Fernwärmeanlage verbrannt. Das heiße Wasser wird durch Rohre dann an die Haushalte geleitet. Und die werden immer mehr: knapp 80 Prozent der Häuser haben derzeit einen Fernwärmeanschluss.

"Die Rechnung ist ja eigentlich ganz einfach: mit Heizöl würden wir zweieinhalb Millionen Euro im Jahr an die Ölscheichs bezahlen. So müssen wir nur eine halbe Million Euro für Stroh an die Bauern zahlen."

Arne Kremmer Jensen, Fernwärmegenossenschaft

Eine Win-Win-Situation: 30 Euro pro Strohballen bekommen die Landwirte - für einen Rohstoff, der früher für sie einfach nur Abfall war. Und nach der Verbrennung können die Bauern mit der übrig gebliebenen Asche ihre Felder düngen.

Carsten Kruse

Doch bei einem Problem hat sich auf der Insel nichts geändert: Beim Verkehr. PKWs, Traktoren, Fähren verbrauchen immer noch Benzin und Diesel. Doch auch daran wird gearbeitet. Diese Fähre verkehrt erst seit kurzem. Sie wird von der Gemeinde betrieben und läuft mit Gas. Dazu wurde gerade erst eine Befüllstation fertiggestellt, die es in der Form in ganz Europa vorher gar nicht gab. Dazu empfängt Gemeindevertreter Carsten Kruse regelmäßig neugierige Gäste aus dem Ausland, von anderen Kommunen und Firmen.

"Samsø ist ja eigentlich nur eine kleine Insel irgendwo in Dänemark. Natürlich sind wir stolz, dass wir Gäste aus dem Ausland haben, weil sie sich unser neues Gastanksystem anschauen wollen. Normalerweise kennt man das ja nur von großen Ländern und großen Firmen, die so was machen. Aber für uns als kleine Reederei mit einer solchen neuen Einrichtung ist das wirklich spannend."

Carsten Kruse, Gemeinde-Reederei Samsø

Allerdings: Das Gas kommt vom Tanklaster aus Rotterdam – dreimal pro Woche. Das will die Gemeinde ändern. Zukünftig soll Bio-Gas aus landwirtschaftlichen Produkten und aus Hausmüll hergestellt werden. Und zwar auf diesem Rapsfeld auf Samsø. Auch hier die sind Anwohner ausdrücklich eingeladen, sich zu beteiligen – am Bau der Anlagen und am Profit.

"Die Rolle der Gemeinde hat sich in den letzten zehn Jahren stark verändert, ist viel aktiver und bereit Projekte zu unterstützen. Und letztlich ist sie motiviert durch das internationale Interesse an Samsø."

Søren Stensgaard, Gemeindevertreter auf Samsø

Und was die Autos betrifft, gibt es seit letztem Jahr auf Samsø einen privaten Verein, der Einwohner beraten und ermutigen will, auf Elektroautos umzusteigen. Und immerhin: seitdem ist die Zahl der Elektroautos von 17 auf 37 gestiegen. "Ein Weltrekord", meint der Vorsitzende Stefan Wolffbrandt.

"Die Autofahrer glauben, sie würden häufig 400 Kilometer oder mehr am Tag fahren. Doch es zeigt sich, dass sie nur wenige Male im Jahr so weite Strecken fahren. Den Rest des Jahres sind sie nur hier auf der Insel unterwegs. Mit unserem Verein wollen wir sie überzeugen, dass dafür ein E-Auto völlig reicht."

Stefan Wolffbrandt, Verein für E-Fahrzeuge

Und eine private Initiative hat auch veranlasst, dass für die Rasenpflege auf diesem Golfplatz nun Schafe zuständig sind. Für die größeren Flächen aber nutzt der Gärtner dann doch lieber seinen Mäher – immerhin elektrobetrieben und mit Solarpaneel. Eine Lösung mit vielfachem Nutzwert.

"Die Mutterschafe kommen wieder zu den Landwirten zurück. Die Lämmer werden an die Mitglieder des Golfklubs verkauft. Hier wird eben nicht nur Golf gespielt, sondern auch Golf gegessen."

Thomas Pilkjær, Gärtner Samsø Golfclub

Alles zusammengerechnet erzeugt die Insel Samsø weit mehr Energie aus Wind, Biomasse und Solaranlagen als auf der Insel verbraucht wird. Nun haben sich die Insulaner zum Ziel gesetzt, beim Verbrauch bis 2030 auch von Heizöl, Gas und Benzin für die Autos wegzukommen – ein weiterer wichtiger Schritt zur autarken Energieversorgung.

Und Sören Hermansen und seine Mitstreiter arbeiten daran, das Beispiel ihrer Gemeinde nach ganz Europa zu verbreiten. Denn wenn man Energie nicht nur verheizt, so seine Philosophie, sondern auch selbst erzeugt, entsteht ein ganz anderes Bewusstsein.

"Das Energieprojekt hat eine neue Perspektive auf die Insel gebracht. Wir gingen ja erst mal nur auf die Leute zu und machten Vorschläge. Und die sagten: 'Oh ja, daran wollen wir mitmachen.' Und damit wurden sie auch kreativer. Wir haben inzwischen den Verein für Elektroautos, wir haben den Golfclub – alles ist daraus entstanden. Diese grüne Innovation hat einen Schub an Kreativität ausgelöst und die Menschen dazu ermutigt, ihre eigenen Ideen zu verwirklichen."

Sören Hermansen, Energie-Berater Samsø

Auf Samsø haben sie in all den Jahren vor allem eins geschafft: An einem Strang zu ziehen und mit viel Geld und Mut zum Risiko gemeinsam ein Projekt umzusetzen.


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