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Deutsche Baby-Touristen Sehnsuchtsziel Wunschkind

Ein Kind gehört für viele ganz selbstverständlich zur Lebensplanung. Doch bei jedem zehnten Paar bleibt der Kinderwunsch unerfüllt. Moderne Medizin kann helfen. Könnte helfen: denn anders als in vielen europäischen Ländern sind den Reproduktionsmedizinern in Deutschland enge Grenzen gesetzt. So werden immer mehr Paare zu „Baby-Touristen“.

Von: Manuela Roppert und Claudia Erl

Stand: 19.06.2017

Ungewollte Kinderlosigkeit ist ein ständiger Begleiter. Jeder Kinderwagen auf der Straße erinnert die Betroffenen daran. Jeder Babybauch im Freundeskreis lässt die Verzweiflung größer werden. Und Gespräche über den Nachwuchs gehören ohnehin fast zu jedem Smalltalk. Über den Alltag der Paare mit unerfülltem Kinderwunsch wird hingegen selten offen gesprochen:  Hormontherapien, unzählige Arztbesuche, Samenspenden, Befruchtungen in Praxen, Fehlversuche, emotionale Rückschläge. Die Leidensgeschichten solcher Paare sind oft lang. Und fehlende Kinder ein schmerzender Bruch in ihrer Lebensplanung.

"Es gibt ein Recht darauf, nicht daran gehindert zu werden, Kinder bekommen zu können. Aber es gibt kein Recht darauf, alle möglichen Unterstützungsmaßnahmen zu bekommen, um ein Kind zu kriegen."

Professor Reiner Anselm, evangelischer Theologe Ludwig-Maximilians-Universität München

Strenge Fortpflanzungsgesetze

Viele Paare sind deshalb bereit, alle nur erdenklichen Möglichkeiten auszuschöpfen. Geld spielt dabei oft kaum mehr eine Rolle. Und Landesgrenzen auch nicht. Denn: Grundsätzlich macht die moderne Fortpflanzungsmedizin vieles möglich - deutschen Paaren steht in ihrer Heimat aber längst nicht alles offen. Denn: Fast nirgendwo in Europa sind die Gesetze zur Fortpflanzungsmedizin so streng wie in Deutschland.

Was ist erlaubt in Deutschland?

Das Gesetz – noch zeitgemäß?

Das Embryonenschutzgesetz tritt im Jahr 1991 in Kraft. Während die Samenspende in Deutschland schon immer erlaubt ist, verbietet das Gesetz Eizellspende und Leihmutterschaft. Ärzte, die ihren verzweifelten Patienten solche Alternativen vorschlagen, machen sich sogar strafbar. Seit 25 Jahren ist an dieser Rechtsprechung kaum etwas verändert worden – doch der Fortschritt in der Reproduktionsmedizin überrollt die deutsche Gesetzgebung. Warum? Immer häufiger müssen Familiengerichte komplizierte Elternschaftsverhältnisse klären. Und tun dies auch – mit dem Fokus auf dem Kindeswohl. So werden multiple Elternschaften, also Konstellationen, in denen biologische und soziale Eltern auseinanderfallen, in der Rechtsprechung schon anerkannt.  Zum anderen haben sich auch die Moralvorstellungen vieler Menschen verändert. Es wird deutlich stärker akzeptiert, dass Kinder auf die Welt kommen, die mehr als nur zwei Elternteile haben. Bei Samenspende und Eizellspende gibt es soziale und biologische Eltern. Bei einer Leihmutterschaft kommt eine Austragemutter hinzu. 

Letzte Hoffnung: Ausland

Viele Paare suchen ihr Glück schließlich im Ausland: die Deutschen fahren vorwiegend nach Spanien, Tschechien, in die Ukraine und seit 2015 auch nach Österreich, um eine Eizellspende legal zu erhalten. Damit die Eizellen nicht zur Ware werden, dürfen die Kliniken in Österreich an die Spenderinnen kein Honorar - nur eine Aufwandsentschädigung - bezahlen. Für die Paare sieht das anders aus: Sie müssen die Behandlung ausschließlich aus eigener Tasche bezahlen. Eine Behandlung kostet mindestens 3.000 Euro. Manche Paare geben Zehntausende dafür aus.

Zahlen und Fakten

Die ungewollte Kinderlosigkeit nimmt immer mehr zu: Fast jedes zehnte Paar in Deutschland ist betroffen. Das liegt etwa genauso oft am Mann wie an der Frau.

1,4 Millionen deutsche Paare sind in Deutschland ungewollt kinderlos.

Schätzungsweise mehr als 15.000 Paare pro Jahr fahren ins Ausland, um sich dort ihren Kinderwunsch zu erfüllen.

1982 kam in der Erlanger Frauenklinik das erste deutsche Retortenbaby zur Welt.

In Deutschland gibt es derzeit schätzungsweise 100.000 Spenderkinder, aber nur fünf bis zehn Prozent wissen davon.

Leihmütter – ein Geschäft mit der Not?

Bei einer Leihmutterschaft fließt viel Geld - vor allem für die Kliniken, die die Leihmutter vermitteln. In den USA sind sechsstellige Dollar-Summen normal. Vielen deutschen Baby-Touristen ist das zu teuer. Ihr Weg führt sie deswegen immer häufiger in die Ukraine. Hier ist ein Leihmutter-Baby schon ab 30.000 Euro zu haben. Die Frauen selbst bekommen davon häufig nur einen Bruchteil – etwa 10.000 Euro. Für viele der Frauen ist eine Leihmutterschaft aber der einzige legale Weg, um an Geld zum Beispiel für Wohneigentum zu kommen. Auch für Eizellen-Spenden wird hier Geld bezahlt. Aufgrund der prekären Situation vieler Menschen sind tausende junge Frauen bereit, ihre Eizellen zu verkaufen bzw. ihre Gebärmutter zu vermieten. So wird die finanzielle Not vieler Frauen ausgenutzt. Denn jede Schwangerschaft und Geburt ist mit erheblichen gesundheitlichen Risiken verbunden. Ganz abgesehen von den psychischen Belastungen, die diese Frauen auf sich nehmen, gerade wenn sie vorwiegend aus finanziellen Beweggründen handeln.

Was ist mit den Kindern?

Für den Menschen ist es wichtig, zu wissen, wo seine Wurzeln sind. Dazu gehört auch, die genetischen Eltern zu kennen. Während man früher eher dazu tendierte, Spender- oder Adoptivkinder im Dunkeln über ihre wahre Herkunft zu lassen, wird heutzutage empfohlen, die Kinder über ihre Entstehung aufzuklären. Doch das ist nicht immer möglich: Den Samenspendern und auch den Eizell-Spenderinnen wird in vielen Ländern Anonymität zugesichert. In Deutschland haben Spenderkinder allerdings seit einem Gerichtsurteil 2013 das Recht zu erfahren, wer ihr genetischer Vater ist. In Österreich ist die Spenderin einer Eizelle nicht anonym: Die gezeugten Kinder können ab einem Alter von 14 Jahren die Daten der biologischen Mutter in der Klinik erfragen. Ethiker befürchten jedoch, dass bei Eltern-Kind-Verhältnissen, bei denen die soziale, biologische und genetische Elternschaft nicht identisch ist, die Qualität der Beziehung leidet.

Fehlende Debatte

Wäre es bei der Entwicklung des Reproduktionstourismus mit seinen psychischen, physischen und finanziellen Auswüchsen nicht besser und fairer für alle Beteiligten, wenn auch die deutschen Kinderwunschkliniken sämtliche Möglichkeiten ausschöpfen könnten? Und so Rechtssicherheit für Paare mit Kinderwunsch und die Spender bzw. Leihmütter zu schaffen? Oder gibt es doch Grenzen? Was hat das herrschende Gesetz noch mit der Realität zu tun? Wieso unterscheidet man hierzulande immer noch zwischen Samen- und Eizellspende? Um all das zu klären, wäre eine intensive öffentliche Debatte zu diesem Thema nötig. Doch genau die vermissen Reproduktionsmediziner und Familienrechtler in Deutschland. Ungewollt Kinderlose haben offensichtlich keine Lobby.

"Ich glaube in Deutschland herrscht ein bisschen die Stimmung vor, dass man die Menschen häufig auch vor sich selbst schützen sollte und dass man bevormundend hier eingreift. Vielleicht gibt es auch ein bisschen wenig Verständnis dafür, dass manche Menschen Probleme haben bei der Fortpflanzung. Wenn man die selber nicht hat, dann nimmt man das vielleicht etwas leichter, als wenn man selbst betroffen ist. Ich glaube, da fehlt es an Toleranz, Offenheit. Und vielleicht ist auch der Freiheitsgedanke, dass der Einzelne über seine Fortpflanzung selbst bestimmen kann, auch unter Zuhilfenahme von anderen Techniken, etwas schwach ausgeprägt."

Professor Dagmar Coester-Waltjen, Familienrechtlerin, Deutscher Ethikrat

"Jemand, der sich auf dieses Thema einlässt, weiß nicht genau, bei welchen Themen er nachher landet. Und da die sehr emotional sind, hoch konfliktbehaftet, glaube ich, gibt es da eine gewisse Scheu, den Zustand der Befriedung, den wir im Augenblick haben, man könnte vielleicht sagen, so eine bestimme Ruhe vor dem Sturm, jetzt nicht künstlich anzuheizen. Dazu kommt dann noch, dass man einfach ganz klar sagen muss, ich glaube für Politikerinnen und Politiker gibt es da auch wenig zu gewinnen."

Professor Reiner Anselm, evangelischer Theologe Ludwig-Maximilians-Universität München


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