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Verpackungs-Wahnsinn Kapituliert der Staat vor der Plastikflut?

Mülltrennen – das können die Deutschen, sind sogar Vorreiter. Und stolz darauf. Was dabei allerdings gerne vergessen wird: Europaweit sind sie auch Spitzenreiter beim Verbrauch von Verpackungsmüll. Und die Plastikflut scheint schwer in den Griff zu bekommen zu sein. Warum nur?

Stand: 02.02.2017

Die Gelben Säcke stapeln sich vor den Häusern, die gelbe Tonne ist übervoll. Ein Zeichen der guten Trennmentalität der Bürger. Ja, zum einen. Zum anderen aber auch ein Zeichen dafür, dass die Verpackungen – darunter viele Kunststoffe - immer mehr werden. Unsere Getränke kommen aus der leichten Einweg-Plastikflasche. Den Kaffee holt man sich „to go“ im Kunststoff-Becher oder brüht ihn zu Hause aus der Kapsel. Es wird kaum Obst und Gemüse angeboten, das nicht in der Plastikschale oder Folie steckt. Von Shampoo, Waschmittel oder ähnlichem gar nicht zu reden. Doch ist das denn überhaupt ein Problem, wenn Plastik doch recycelt wird? Ja. Denn unlängst musste die Bundesregierung einräumen, dass in Deutschland nur etwas mehr als die Hälfte des Verpackungsmülls recycelt wird. Der Rest wird verbrannt.

Eine kurze Müll-Historie

80er Jahre

Die Mülldeponien quellen über – man sitzt auf riesigen Müllbergen. Um diese abzutragen, wird viel Müll verbrannt.

1991

Deutschland führt als erstes Land die Verpackungsverordnung ein. Der damalige Bundesumweltminister Klaus Töpfer nimmt die Verpackungshersteller bei der Entsorgung in die Pflicht. Die Unternehmen der Lebensmittel- und Verpackungsbranche gründen die Duale System Deutschland GmbH. Der „Grüne Punkt“ ist geboren. Die Abfälle sollen gesammelt und recycelt werden, der Bürger muss mit anpacken und trennen.

90er Jahre

Der Müll wird immer mehr zum Wertstoff. Er bringt den beteiligten Unternehmen Milliarden-Umsätze. Die Abfallwirtschaft floriert. Und die Deutschen trennen immer mehr und besser.

2000er Jahre

Die Herstellung von Verpackungen wird günstiger. Der finanzielle Anreiz, auf Mehrweg zu setzen bzw. weniger Verpackung herzustellen, ist nicht groß. Der Trend geht zu mehr Verpackung statt zu weniger.

2010

Die Mehrwegquote bei Getränken ist rapide gesunken und sinkt noch weiter. Getränke – vor allem Wasser - werden immer mehr in Plastik-Einwegpfandflaschen gekauft. Vor allem Discounter lösen diesen Trend aus.

2016

Ein Wertstoffgesetz wird von Bundesumweltministerin Barbara Hendricks vorgelegt. Doch es konnte nicht durchgesetzt werden – aufgrund eines Streites zwischen den Kommunen und den Dualen Systemen. Alle wollen Geld verdienen mit dem Müll. So wurde stattdessen ein Verpackungsgesetz verabschiedet.

Folgen für die Umwelt

Plastik im Chiemsee

Auch im Chiemsee finden die Fischer in ihren Netzen neben den Fischen auch immer wieder Plastik. Ein besonders sensibler Bereich im Chiemsee ist die Hirschauer Bucht: Es ist das größte Binnendelta Europas und wurde 1984 zum Vogelschutzgebiet erklärt. Bei Hochwasser jedoch – das fast jährlich hier ankommt – spült es nicht nur jede Menge Holz an, sondern auch Plastik türmt sich auf. Und es bleibt liegen. Damit verlandet das Naturschutzgebiet immer mehr. Eine bedenkliche Entwicklung. Ganz abgesehen vom möglichen Schaden, den die Wasserbewohner durch das Plastik akut erleiden. Im Chiemsee wurde auch Mikroplastik gefunden, wenn auch in geringen Mengen.

Die Folgen der Plastikflut sind enorm: Die grausigen Bilder von den Weltmeeren, in denen Tiere an Folien & Co verenden, kennt man mittlerweile. Doch auch in den heimischen Gewässern ist das Problem längst angekommen: Hierzulande findet man in Seen und Flüssen nicht nur Plastikflaschen oder Verpackungsmaterial. Unsichtbar für das Auge schwimmt dort Mikroplastik. Das entsteht durch die Zersetzung des Plastikmülls durch UV-Licht und Abrieb. Aber die winzigen Plastikteilchen werden auch Kosmetikprodukten wie etwa Duschgel zugesetzt. Diese Partikel werden von den Lebewesen im Wasser gefressen: mit dem Plastik nehmen die Fische dann auch Schadstoffe auf, die am Plastik haften. Doch wird Plastik, das verschluckt wird, nicht einfach wieder ausgeschieden? Oder landet es – durch die Nahrungskette - letztlich auf unseren Tellern? Antworten auf diese Fragen werden in den nächsten Monaten erwartet – Studien laufen an der Uni Bayreuth und an einer Außenstelle des Landesamt für Umweltschutz in Wielenbach.

Kein Verbot

Die deutsche Politik hat den Einsatz von Mikroplastik in der Kosmetik nicht verboten: Man setzt bis 2020 auf freiwillige Selbstkontrolle. Bislang haben daraufhin nur wenige Hersteller auf Mikroplastik verzichtet, da es als billiges Füllmaterial oder Bindemittel eingesetzt wird.

Zahlen und Fakten

219,5 Kilo Verpackungsmüll produziert jeder Deutsche durchschnittlich pro Jahr. Damit belegt Deutschland die „Spitzenposition“ in Europa.

17,6 Millionen Tonnen Verpackungsmaterial verbraucht Deutschland jährlich.

44,1 % der im Gelben Sack gesammelten Verpackungen werden verbrannt statt recycelt. (Quelle: Gesellschaft für Verpackungsmarktforschung).

Die vorgegebene Recyclingquote bei Kunststoffverpackungen liegt bisher bei 36 Prozent. Das neue Gesetz sieht zunächst eine Erhöhung auf 65% vor und ab dem 1. Januar 2021 auf 70%.

17 Milliarden Einwegflaschen werden in Deutschland pro Jahr in den Verkehr gebracht. Für ihre Herstellung benötigt man 500.000 Tonnen Kunststoff.

Knapp 700 Kilo Kunststoffmüll wurden im Herbst 2016 bei einer Sammelaktion aus dem Chiemsee geholt.

Wie erkenne ich, ob in meinen Kosmetika Mikroplastik steckt?

Ein Blick auf die Inhaltsliste genügt. Hier die häufigsten Kunststoffe in Kosmetika und ihre Abkürzungen (Quelle: BUND und codecheck):
Acrylates Copolymer (AC), Acrylates Crosspolymer (ACS), Nylon-6, Nylon-12, Polyacrylate (PA), Polyethylen (PE),Polyethylenglykole (PEG), Polyethylenterephthalat (PET), Polymethylmethacrylat (PMMA), Polypropylen (PP), Polyquaternium (P), Polystyrene (PS), Polyurethan (PUR)
Mehr Inhaltsstoffe bei Kosmetika findet man unter

Gutes Gewissen – dank Recycling?

Ein schlechtes Gewissen haben trotzdem längst nicht alle, die ihr Mineralwasser in Einwegplastikflaschen oder das Gemüse in der Plastikschale kaufen. Warum? Recycling heißt das Zauberwort der moralischen Absolution. Und im Mülltrennen sind die Deutschen ja führend. Doch der Gelbe Sack ist bei Umweltverbänden seit langem umstritten: Hier wird alles gemischt gesammelt und so muss in den Sortieranlagen nochmal alles mühsam getrennt werden. Außerdem wird fast die Hälfte des gesammelten Mülls am Ende doch verbrannt. Laut Umweltbundesamt liegt das daran, dass Vieles im Gelben Sack landet, das da gar nicht reingehört. Deutlich besser läuft das im Bring-System – also wenn der Bürger selbst seine Wertstoffe zum Wertstoffhof bringt. Denn dann ist die Sortierung deutlich besser und damit auch die Recyclingquote. Die technischen Möglichkeiten für mehr Recycling wären jedenfalls da.

"Ohne Probleme könnten heute 65% der Plastikverpackung recycelt werden. Warum nur so wenig, liegt daran, weil die gesetzlichen Recycling-Quoten extrem niedrig sind mit 36%. Und deshalb brauchen wir politische Anreize im Gesetz, im neuen Verpackungsgesetz, dass künftig mehr recycelt wird."

Thomas Fischer, diplomierter Umweltwissenschaftler und Experte für Kreislaufwirtschaft bei der Deutschen Umwelthilfe in Berlin

Mehrwegpfandflasche vs Plastik-Einwegpfandflasche

Verbraucherunfreundlich und nicht mehr zeitgemäß - so schätzt Wolfgang Burgard, Vorstand des Bunds der Getränkeverpackungen der Zukunft, die Mehrwegpfandflasche ein. Glas ist schwerer, es muss viel Pfand für die Kästen bezahlt werden und gerade Singlehaushalte benötigen diese großen Gebinde an Getränken ohnehin nicht. Das System der Einwegflaschen hingegen wird von der Lobbyorganisation als deutlich unkomplizierter eingestuft. Es sei ein in sich geschlossener und effektiver Kreislauf, der Ressourcen schont, verbraucherfreundlich und ökonomisch ist. Doch nur ein Drittel der Einwegflaschen werden tatsächlich zu neuen Flaschen. Vom Rest werden Produkte in der Auto- und Textilindustrie hergestellt. Acht Prozent werden verbrannt. Mehrwegflaschen werden bis zu 50mal wiederverwendet. Gerade wenn man dann noch regionale Produkte kauft, sind die Transportwege kurz. Auch das Umweltbundesamt hat festgestellt, dass die Ökobilanz bei regionalen Mehrwegflaschen am besten ausfällt. Im Dezember 2016 wurde das neu vorgelegte Verpackungsgesetz im Kabinett verabschiedet. Doch die Stärkung des Mehrwegsystems wird darin von vielen Umweltverbänden vermisst. Es wurde keine Mehrweg-Quote festgelegt. Ein „Kniefall vor den Handelskonzernen“ so der Kreislaufexperte Thomas Fischer.

Gemacht wird, was dem Kunden gefällt …

Überhaupt ist der Bürger am Ende immer das Zünglein an der Waage. Was nimmt er an? Was ist ihm wichtig? Einzelverpackungen sind für die meisten ein Zeichen von Hygiene. Und auch zu dünn dürfen die Verpackungsfolien nicht sein, das wirkt nicht wertig genug. Zudem sollen Verpackungen bunt und ansprechend sein. Das Auge kauft mit. Und genau danach orientieren sich auch die Hersteller.

Forschung

Am Freisinger Fraunhofer-Institut arbeitet man schon seit über 20 Jahren an der Weiterentwicklung von Kunststoffen. Da werden biobasierte Folien aus Molke-Proteinen hergestellt, aber auch Kunststoffe, die dünner sind als herkömmliche Verpackungsfolien. Doch nicht alles, was möglich ist, wird am Ende auch umgesetzt. Warum? Nicht alles was technisch machbar ist, wird vom Kunden angenommen.

Keine klaren politischen Vorgaben

Und was ist nun mit der Politik? Politische Anreize zur Vermeidung der Plastikverpackungen sind auch im neu vorgelegten Verpackungsgesetz nicht gesetzt worden, kritisiert zum Beispiel die Deutsche Umwelthilfe. Für sie fehlen ambitionierte Mehrwegquoten oder Sanktionen für unökologische Verpackungen, die die Plastikflut eindämmen könnten. Dabei gibt es durchaus EU-Nachbarn, die vormachen, wie es gehen kann. Dänemark hat beispielsweise eine Ressourcensteuer für Kunststoffe. Wer hier viele Kunststoffe in den Verkehr bringt, muss auch viel Geld dafür bezahlen.

"In den letzten 10 Jahren ist es eher günstiger geworden, Verpackungen herzustellen und in den Verkehr zu bringen, d.h. es gibt keine finanziellen Anreize für Drogerien, Supermärkte weniger Verpackung herzustellen, und das nutzen die natürlich auch aus. Sie wollen das Produkt nicht nur schützen, es soll auch nach viel Masse aussehen und dafür ist ein bisschen mehr Verpackung besser als weniger. […] Der Trend geht zu mehr Verpackung und nicht zu weniger. Und deshalb sagen wir, wir brauchen eine gesetzliche Reglementierung und Sanktionen, die dafür sorgen, dass weniger Verpackungen in Verkehr gebracht werden und dass keiner mehr Anreiz hat, viele Verpackungen zu nutzen."

Thomas Fischer, diplomierter Umweltwissenschaftler und Experte für Kreislaufwirtschaft bei der Deutschen Umwelthilfe in Berlin

Fazit

Ein Umdenken in der Politik und in der Bevölkerung ist gefragt. Denn was nutzt es, Weltmeister im Mülltrennen zu sein, wenn gleichzeitig der Verpackungswahnsinn um sich greift.

Tipps zur Müllvermeidung

Auf ihrem Blog gibt unsere Protagonistin Dr. Manuela Gaßner Tipps, wie man mit weniger und praktisch ganz ohne Müll zu erzeugen leben kann.


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