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Kampf ums Saatgut Wer bestimmt, was wir essen?

Sie sind die Grundlage für unser Brot, das Futter unserer Tiere, das A und O unserer Ernährung: Getreide und Feldfrüchte. Doch wer bestimmt eigentlich, was auf unseren Äckern wächst? Die Firmen, die weltweit den Saatgutmarkt beherrschen, kann man mittlerweile an einer Hand abzählen.

Von: Andrea Koeppler

Stand: 27.06.2017

Kampf ums Saatgut  | Bild: BR

Eine neue Getreidesorte bis zur Marktreife zu züchten, das dauert im Normalfall um die zehn Jahre. Und der Züchter trägt dabei ein enormes Risiko: Gut eine Million Euro und extrem viel Arbeit steckt in einer Sorte. Vielleicht gibt es auch deswegen immer weniger mittelständische Züchter in Deutschland.

Der Übernahme-Coup

Mittlerweile scheint es so, als teilten sich stattdessen einige Großkonzerne den weltweiten Saatgut-Markt untereinander auf. Und auch voreinander machen die Konzerne in ihren Übernahmen nicht Halt: Der neueste Megadeal - der deutsche Chemieriese Bayer übernimmt für rund 60 Milliarden Euro den amerikanischen Saatgutkonzern Monsanto. Bayer wird so zur weltweiten Nummer eins im Agrarchemie-Geschäft. 25 Prozent des weltweiten Saatgutmarktes könnte das Unternehmen dadurch beherrschen - und das gleich mit ihrem ursprünglichen Geschäft, dem chemischen Pflanzenschutz, kombinieren. Die Übernahme wird nun von den Kartellbehörden in den USA und Europa geprüft.

Vielfalt in Gefahr?

Aber was wächst denn da nun auf unseren Feldern, wenn nur noch wenige bestimmen? Kritiker befürchten, dass die Vielfalt abnimmt. Und, dass nur noch wenig „regional-Typisches“ übrig bleibt.

"[...] Wir haben [...] einen riesigen Verlust an Biodiversität von landwirtschaftlichen Kulturpflanzen. Wenn man mal sieht, wie wenig Pflanzen überhaupt noch angebaut werden: 70 % der europäischen Äcker werden von drei Sorten bestimmt - Mais, Weizen, Gerste. Und der Rest ist eher verschwindend klein. Das ist eigentlich ein sehr großes Risiko, das wir auf Dauer eingehen. Das heißt, wenn wirklich mal diese Pflanzen, durch gentechnische Defekte oder was auch immer, anfällig werden - und die Hochleistungssorten sind in der Regel sehr anfällig für Krankheiten – dann haben wir tatsächlich ein Problem. Das ist real."

Martin Häusling, agrarpolitischer Sprecher der Grünen im EU-Parlament

Wie soll man sonst die Menschen ernähren?

Das Argument von Konzernen wie Bayer ist klar formuliert: Die schnell wachsende Weltbevölkerung braucht die moderne Agrarindustrie.

"Die Ernährung der Weltbevölkerung ist eine riesige Herausforderung, eine riesige Aufgabe. Wenn wir bedenken, dass wir heutzutage schon 7,3 Milliarden Menschen haben, die dann bis 2050 auf ca. 10 Milliarden anwachsen werden. Da kann man sich vorstellen, welch zusätzlichen Nahrungsbedarf wir benötigen. Und wir als Firma sind natürlich interessiert, da unseren Beitrag zu leisten, über Pflanzenschutz, biologisch, chemisch, über Sorten, über Eigenschaften von Pflanzen, da mitzuhelfen, dass wir diese riesige Herausforderung bewerkstelligen. Und die Shareholder? Ja, die sind auch wichtig, wir sind ein wirtschaftliches Unternehmen, wir müssen das auch berücksichtigen."

Helmut Schramm, Geschäftsführer CropScience Deutschland

Es geht also ums Überleben. Und um Gewinne. Kann man eine gut funktionierende lokale Agrarwirtschaft also mittlerweile unter „Agrarromantik“ verbuchen?

Widerstand

Das sehen längst nicht alle so. Gegen die Fusionswelle unter den Saatguterzeugern regt sich Widerstand – denn Kritiker befürchten, dass die lokalen Pflanzensorten immer weiter zurückgedrängt werden. Dabei seien diese besonders angepasst an die lokalen Verhältnisse und damit resistent. Außerdem wird befürchtet, dass die Bauern durch die Großkonzerne weltweit in deren Abhängigkeit geraten. Und was ist mit der Gentechnologie? Werden neue Eigenschaften im Saatgut nicht am einfachsten mit einer gezielten Veränderung des Genmaterials erreicht?

Ein Schlupfloch für die Gentechnik?

Die meisten Deutschen wollen keine gentechnisch veränderten Lebensmittel – und schon seit den 90er-Jahren wehren sich Landwirte gemeinsam mit Umweltschutzverbänden und Aktivisten gegen Gentechnik auf ihren Äckern. Mit Erfolg! Die Ausbringung von gentechnisch veränderten Organismen, die GVO, ist in Deutschland sehr streng reguliert, so dass sehr selten Anträge auf GVO-Freisetzung eingereicht werden. Derzeit werden in Deutschland keine GVO angebaut. Nur: Seit einigen Jahren gibt es neue Technologien – und da ist noch vieles ungeklärt.

Daten und Fakten

In den 50er-Jahren gab es in Bayern noch an die 100 Pflanzenzüchter. Heute sind es noch elf, die sich am Markt halten.

Mais ist als Futter- und Energielieferant weltweit eine der am meisten angebauten und gefragten Feldfrüchte.

Auf 70 % der europäischen Äcker werden Mais, Weizen und Gerste angebaut.

Bayer hat bis 2015 beim Europäischen Patentamt über 400 Patente auf Pflanzen angemeldet.

Insgesamt hat das Europäische Patentamt München alleine den sechs größten Saatgutkonzernen über 1.000 Patente auf Pflanzen erteilt – obwohl in den Statuten festgelegt wurde, dass Leben aus konventioneller Züchtung nicht patentiert werden darf.

Im Februar 2017 haben die Regierungen der EU-Staaten beschlossen, gemeinsam gegen die Patentierung von Pflanzen und Tieren vorzugehen.

Simulation natürlicher Mutation

Bei den sogenannten Genome-Editing-Verfahren werden in die DNA der Pflanze nicht artfremde Bestandteile eingesetzt – wie etwa Gene eines Bakteriums in die Mais-DNA, um die Pflanze resistent gegen Glyphosat oder den Maiszünsler zu machen, sondern es wird eine Art natürliche Mutation simuliert: Gezielt werden Gen-Sequenzen oder ganze Gene innerhalb einer Art ausgeschnitten und an anderer Stelle wieder in die Erbanlagen eingeführt. So erreicht man gewünschte Eigenschaften schnell – quasi eine Abkürzung für viele Jahre Züchtung. Darüber hinaus ist das Verfahren auch noch kostengünstig. Ideal also für Mittelständler? Nicht ganz, denn es gibt eine Krux: den Zugang zu diesen neuen Methoden. Die Erfinder z. B. von der Crispr-Cas-Technologie haben Grundlagenpatente auf ihr Verfahren angemeldet – und so wird die Anwendung in diese Richtung trotzdem Kosten verursachen. Wie viel, das ist noch nicht raus. Und auch nicht, wie genau die Rechtslage aussieht. Werden so erzeugte Pflanzen unter die GVO-Verordnung gestellt oder nicht? Die Experten streiten noch darüber. Außerdem ist zu befürchten, dass durch das Erstarken dieser neuen gentechnischen Verfahren das bewährte System des Sortenschutzes in Deutschland ausgehebelt wird.

Zwischen Züchtung und Patenten

Am Bundessortenamt in Hannover muss jede neu gezüchtete Pflanze zugelassen und zertifiziert werden, bevor sie auf den Markt kommt. Bedingung: Die neue Sorte hat „landeskulturellen Wert“ – sprich, sie muss in der Summe ihrer Eigenschaften besser sein, als alle bisher Zugelassenen. Das Sortenschutzgesetz besagt außerdem, dass jeder Züchter auch ohne Zustimmung des jeweiligen Sortenschutzinhabers, eine Sorte weiterentwickeln und optimieren darf. Dies nennt man Züchterprivileg. Doch die großen Saatgutkonzerne setzen eher auf Patentierungen ihrer Produkte. Das Züchterprivileg läuft damit ins Leere. Denn mit einem Patent gehört jede neue Sorte dem „Erfinder“ exklusiv. Wer damit weiterarbeiten will, muss zahlen. Das Argument: Es wurden Millionen in die Züchtung investiert – da möchte man auch etwas zurückhaben. Fehlender Patentschutz bedeute letztlich fehlende Motivation zur Investition.

Gentechnik führt nicht immer zum Erfolg

Dabei bringt Gentechnik nicht immer die gewünschten Erfolge – das zeigt das Beispiel USA: Hier ist das Ertragsniveau nach 25 Jahren Gentechnik niedriger als im gentechnikfreien Europa, so der Präsident des Bundessortenamtes Udo von Kröcher. Denn in Amerika muss die neue Züchtung nicht zwingend besser sein als die bisher Zugelassenen. Zeigt sich an dieser Entwicklung, dass es den Konzernen am Ende doch nicht so sehr um die Ertragssteigerung geht? Sondern vielmehr um den Verkauf ihrer Kombi-Produkte?

Greift das Gentechnikrecht?

Und wie sieht es mit der rechtlichen Beurteilung der „Neuen Technologien" aus? Diese neuen Verfahren in der Gentechnologie benutzen keine artfremde DNA – deswegen ist umstritten, ob Pflanzen, die so entstanden sind, unter das Gentechnikrecht fallen oder nicht. Die Präsidentin des Bundesamts für Naturschutz, Dr. Beate Jessel, sieht die Folgen der neuen Gentechnologie kritisch: Pflanzen, die mit Hilfe dieser neuen Verfahren entwickelt wurden, seien nicht mit natürlichen Mutationen gleichzusetzen. Eine genaue Risikoprüfung im Vorfeld und eine Kennzeichnungspflicht seien unabdingbar. Gibt es eine klare Haltung der Bundesrepublik Deutschland? Nein, denn Umwelt- und Landwirtschaftsministerium sind sich uneins. Klar ist – die Entwicklung in der Forschung ist rasant – da kommt die Gesetzgebung kaum hinterher. So ist die rechtliche Situation derzeit noch völlig ungeklärt. Doch zu erwarten ist: Die neuen Technologien werden die Patentierung von Saatgut erleichtern.

"Klar sagt die Industrie: Keine Gentechnik, völlig gefahrlos, man kann sie sowieso nicht nachweisen, insofern braucht man die Einordnung nicht als Gentechnik. Ich sag mal, nach den Regeln des Gentechnikgesetzes ist es eine Manipulation am Erbgut, d. h. eigentlich müsste es als Gentechnik gekennzeichnet werden. Die Kommission drückt sich vor einer Entscheidung, das muss man ganz klar sagen. Die Kommission hat vor einem Jahr schon angekündigt, eine Entscheidung zu treffen, welche der Verfahren nun Gentechnik ist oder nicht. Da sie nicht entscheiden werden, wird wahrscheinlich der Europäische Gerichtshof die Einordnung vornehmen und im nächsten Jahr ein Urteil fällen."

Martin Häusling, agrarpolitischer Sprecher der Grünen im EU-Parlament

Ein Fazit

Nicht jeder technische Fortschritt bedeutet auch einen Fortschritt für die Gesellschaft. Wenn die Verbraucher eine große Vielfalt und möglichst wenig Gifte auf ihren Äckern wollen, müssen sie dies auch bei der Politik einfordern. Noch gibt es in Bayern eine kleine, aber produktive Züchtergemeinschaft, die eine vielfältige Agrarlandschaft möglich macht. Wie lange können sie den Konzentrationsbestrebungen in ihrem Markt noch standhalten?


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