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Heilpraktiker Deutschland – Paradies für Kurpfuscher?

Brüggen-Bracht, Sommer 2016: Drei Menschen sterben, nachdem sie von einem Heilpraktiker in einem alternativen Krebszentrum behandelt wurden. Ein Fall, der in ganz Deutschland für Aufsehen sorgt und eine heftige Debatte anstößt: Ist die Ausbildung von Heilpraktikern ausreichend? Werden ihre Therapien ausreichend kontrolliert? Die Ermittlungen zum Fall laufen noch, aber die Sorge macht sich breit, dass Vorfälle wie in Brüggen überall in Deutschland passieren könnten.

Von: Julia Grantner, Robert Grantner & Claudia Erl

Stand: 28.08.2017

Ganzheitliche Betrachtung des Menschen. Alternative Heilungsansätze. Altes medizinisches Wissen. Sanfte Therapien. Mit Zeit für den Patienten. Der Besuch beim Heilpraktiker ist für viele Deutsche eine echte Alternative zur Hausarztbehandlung geworden. Die Praxen sind voll. Der Grund: der Zeitdruck, dem die Ärzte ausgesetzt sind, ist abschreckend. Gerade einmal acht Minuten bleiben dem Arzt durchschnittlich für das persönliche Gespräch. Dazu kommt die Anonymität großer Kliniken. Diese Lücken, die die Schulmedizin nicht füllen kann, schließt der Heilpraktiker. Ein unbestritten wichtiger Beruf also. Allerdings: Gerade bei bedrohlichen Krankheiten sollten Heilpraktiker ergänzend zur Schulmedizin arbeiten. So sieht man das auch im Bundesverband der Heilpraktiker.

"Wir plädieren absolut dafür, dass bei chronischen und schweren Erkrankungen, wie auch einer Krebserkrankung, grundsätzlich komplementär von unserer Seite gearbeitet wird. Außer, der Patient wünscht das nicht, dann muss er das aber schriftlich bestätigen!"

Ursula Hilpert-Mühlig, stellvertretende Vorsitzende des Fachverbands Deutscher Heilpraktiker

Was ist mit den Qualitätsstandards?

Der Beruf des Heilpraktikers boomt in Deutschland – geschätzt gibt es mittlerweile 43.000. Unzählige private Heilpraktikerschulen bieten eine Ausbildung an. So ein Schulbesuch ist jedoch keine Voraussetzung dafür, die Heilpraktikerprüfung beim Gesundheitsamt anzutreten. Trotzdem sind Heilpraktikern später sogar einige invasive Behandlungsmethoden erlaubt.  Infusionen dürfen gelegt und Spritzen gesetzt werden – ohne das jemals geübt, geschweige denn den sogenannten „Spritzenschein“ gemacht zu haben. Jeder Pfleger muss diesen Nachweis erbringen. Heilpraktiker nicht. Selbst Heilpraktikerverbände fordern seit Langem eine Reform des Ausbildungsstandards – um die „schwarzen Schafe der Branche“ loszuwerden.

"Meine Zweifel wurden […] genährt, […] eben auch durch die Frage: warum darf ich eigentlich mit so einer minimalen Ausbildung fast so viel wie ein Arzt? Wie jemand, der Jahre studiert und so viele Hürden nehmen muss, bis er therapieren darf!? Wieso kann ich das mit so einem Vormittagsstudium?! Das gibt es bei keinem anderen Beruf! Würde man sich von einer Hebamme betreuen lassen, die das irgendwie im Selbststudium gelernt hat? Man würde auch nicht zu einem Automechaniker gehen, der keinerlei Qualifikationen nachweisen kann. Und warum macht man das bei einem so sensiblen Bereich wie der eigenen Gesundheit?"

Anousch Müller, Autorin und ehemalige Heilpraktikerschülerin

"Es wäre natürlich für den Berufsstand gut, wenn wir eine standardisierte Ausbildung in Eigenverantwortung machen könnten. Also: immer 3 Jahre, ganz bestimmter Lehrplan, alles mit Prüfung. Und wenn das dann wirklich der Großteil der Heilpraktiker-Verbände so tragen würde - das wäre schon eine Vision, die ich habe."

Ursula Hilpert-Mühlig, stellvertretende Vorsitzende des Fachverbands Deutscher Heilpraktiker

Wie wird man Heilpraktiker in Deutschland?

älter als 25 Jahre

Hauptschulabschluss

polizeiliches Führungszeugnis

Eine Ausbildung an einer Schule ist keine Pflicht, auch Selbststudium ist nicht verboten.

Um als Heilpraktiker zugelassen zu werden, muss man eine Prüfung beim Gesundheitsamt absolvieren.

Geprüft wird medizinisches Allgemeinwissen im Multiple-Choice-Test mit 60 Fragen und in einer mündlichen Prüfung.

Praktisches Können spielt bei der Prüfung keine Rolle.

Abschlussprüfung in Theorie und Praxis in der jeweiligen Therapie-Ausrichtung des einzelnen ist freiwillig und muss nicht nachgewiesen werden.

Ein Blick in die Nachbarländer

In Österreich ist Heilen nur Ärzten vorbehalten. Die Ausübung durch Laien wird als „Kurpfuscherei“ geahndet. In der Schweiz gibt es vier geschützte Fachrichtungen der Komplementärmedizin, für die es nationale Diplome gibt und die staatlich geprüft werden.

Kontrolle? Fehlt.

Wenn es keine festgelegten Standards gibt - wie kann denn dann der Berufsstand der Heilpraktiker kontrolliert werden? Eine Institution wie etwa die Ärztekammer fehlt. Und auch sonst setzen die Gesetzgeber auf Selbstkontrolle: Laut Urteil des Bundesgerichtshofes hat ein Heilpraktiker dieselbe Sorgfaltspflicht wie ein Allgemeinmediziner – auch in Sachen Fortbildung. Kontrolliert wird das aber eben nicht.

"Die Selbstkontrolle in einem vollkommen intransparenten Markt kann nicht funktionieren. Der Staat ist dafür da, soziale Regeln festzusetzen, um dieses Ausufern zu verhindern. Würden wir heute auf die Selbstkontrolle setzen, dann hätten wir keine Regelung in Bezug auf, wie mit unseren Hühnern umzugehen ist, wir hätten keine Gurte, die wir anzulegen haben. Also es ist doch ein guter Zweck, dass der soziale Staat sagt: Hier müssen wir heilend eingreifen, weil es gut ist für uns alle!"

Eugen Brysch, Deutsche Stiftung Patientenschutz

Und was tut die Politik?

„Warum gibt es keine einheitliche Ausbildung für Heilpraktiker?“ Diese Frage findet man in einer kleinen Anfrage der FDP an die Regierung in Nordrhein-Westfalen – nach den Todesfällen in Brüggen vergangenen Jahres. Die schwankende Kompetenz und die Selbstüberschätzung einzelner Heilpraktiker wird darin offen angesprochen. Kurz darauf wenden sich die Gesundheitsminister der Länder geschlossen an den Bund und kritisieren, „…dass die Anforderungen an die Erlaubniserteilung nach dem Heilpraktikerrecht nicht den Qualitätserfordernissen genügen …“.

Die Verantwortung wird zurückgeschoben – an die Länder. Schließlich seien sie für die Zulassung der Heilpraktiker zuständig. Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe ändert den Gesetzestext nur minimal – einen staatlich anerkannten Ausbildungsberuf will er aus dem Heilpraktiker nach wie vor nicht machen. Zumindest sollen bis Ende des Jahres bundesweit einheitliche Leitlinien erarbeitet werden, wie die Prüfung zum Heilpraktiker konkret aussehen soll. Doch reicht das? Die Deutsche Stiftung Patientenschutz sagt nein.

"Jeder Laie stellt sehr schnell fest, das Gesetz ist nicht umfassender geworden, sondern man hat letztendlich eine Verordnung, die schon 1992 gilt, ins Gesetz aufgenommen. Aber: Grundsätzlich geklärt, nach welchen Schritten die Ausbildung zu gehen hat, ob es überhaupt eine Ausbildung sein kann oder ob man dafür ein Hochschulstudium braucht – all das ist vollkommen ungeklärt."

Eugen Brysch, Deutsche Stiftung Patientenschutz

Woran erkennt man schlechte Heilpraktiker? Einige Tipps von Ursula Hilpert-Mühlig, stv. Vorsitzende des Fachverbands Deutscher Heilpraktiker

Heilung garantiert

Wenn der Heilpraktiker verspricht, dass er auf jeden Fall heilen kann, sollte man wechseln.

Keine Alternativen

Wenn der Heilpraktiker nur seine oder eine einzige Methode als einzig und allein heilbringend propagiert, sollte man wechseln. 

Einengung

Wenn der Heilpraktiker den Patienten sehr einengt auf seine eigene Person, sollte man wechseln.

Fragen unerwünscht

Wenn ein Heilpraktiker wenig Nachfragen verträgt, sollte man wechseln.

Liegt es am Geld?

Den Heilpraktikerberuf reformieren - der Gesetzgeber tut sich schwer damit. Aber warum? Ein möglicher Grund: das Geld. Denn das überstrapazierte deutsche Gesundheitswesen wird durch die Heilpraktiker entlastet. Auch die Krankenkassen scheinen wenig Interesse daran zu haben, dass sich an diesem bisherigen System etwas ändert. Manche locken sogar gezielt Kunden damit an, dass sie einige Heilpraktikerleistungen übernehmen.

"Der Mensch kauft sich selbst eine Leistung ein, geht damit auch gar nicht mehr zum Arzt, sondern zum Heilpraktiker, bezahlt das auch alles selbst – man hat so manchmal den Anschein, das ist der Politik ganz recht, weil dann geht er seltener zu seinem Hausarzt oder Facharzt und generiert ja dort Kosten für die gesetzliche Krankenversicherungen, beispielsweise."

Eugen Brysch, Deutsche Stiftung Patientenschutz

Ein Fazit

Naturheilkunde wird gewünscht. Die 43.000 Heilpraktiker sind wichtig für die Versorgung der Bevölkerung. Viele Patienten werden über Jahre hinweg von ihnen betreut. Würden die Heilpraktiker wegfallen, entstünde eine große Versorgungslücke. Ob sich da die Politik nicht schlichtweg scheut, Ausbildungsstandards und Kontrollmöglichkeiten einzusetzen? Die schwarzen Schafe müssen aussortiert werden. Das ist längst überfällig.

"Viele Länder dieser Welt sind heilfroh, hier in Deutschland Medizin studieren zu können. Weil die Standards so klar sind, sehr präzise und die Qualifikation so außerordentlich ist. Bei den Heilpraktiker-Berufen setzen wir überhaupt nichts darauf, sondern da ist es so, dass die Politik einen deregulierten Markt zulässt. Einen Milliardenmarkt, der jedes Jahr wächst und der, so scheint es, kaum der Kontrolle unterliegt!"

Eugen Brysch, Deutsche Stiftung Patientenschutzorganisation

"Deutschland ist ein Paradies für Kurpfuscher, weil wir den Guten keine Chance geben! Eine Regelung bedeutet ja, dass wir die Schlechten von den Guten unterscheiden! Indem wir aber alle zulassen, haben wir keine Chance, die wirklich Guten sich entwickeln zu lassen."

Eugen Brysch, Deutsche Stiftung Patientenschutz


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