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Ärgernis Güterverkehr Verstopfte Straßen, leere Gleise

Hassobjekt Brummis: Autofahrer schimpfen über die lästigen Lkws. Sie verstopfen Straßen und Rastplätze. Übermüdete Fahrer - eine rollende Lebensgefahr. Und dennoch werden gut 70 % aller Güter über den Asphalt transportiert. Tendenz steigend. Die Schienen hingegen verwaisen. Warum? Osteuropäische Fahrer arbeiten für Dumpinglöhne. Und unter unwürdigen Bedingungen. Und die deutsche Politik sieht zu?

Stand: 04.05.2017

Sie sind monatelang am Stück unterwegs, schlafen in der Fahrerkabine, kochen an Parkplätzen auf Gaskochern – und verdienen weit weniger als den Mindestlohn, teilweise gerade einmal ein paar Euro am Tag. Die Kennzeichen ihrer Lastwägen verraten: Immer mehr Lkw-Fahrer kommen aus der Slowakei, Polen, Ungarn oder Rumänien. Doch die meiste Zeit sind sie auf deutschen Straßen unterwegs und unterliegen, falls sie das Land nicht nur passieren, deutschem Recht. Wie etwa der Einhaltung des Mindestlohns. Eigentlich. Doch was schert das die Speditionen, für die sie arbeiten? Die deutschen Bußgelder werden von den Auftraggebern in Kauf genommen, ja teilweise sogar schon einkalkuliert. Die Strafen in Deutschland sind niedrig und die Kontrollen auf deutschen Straßen selten. Illegale Zustände also – mitten auf deutschen Autobahnen und Raststätten

"Die deutschen Bußgelder sind manchmal so niedrig, dass die Spediteure das aus der Kaffeekasse bezahlen."

Hauptinspektor Raymond Lausberg, Leiter der Autobahnpolizei in Battice

Gefahr Übermüdung

Die Konkurrenz aus Osteuropa verschärft den Wettbewerb – und der Preisdruck wird von oben nach unten weitergegeben. Das heißt: Austragen müssen ihn alle Fahrer. Am Ende eigentlich alle Verkehrsteilnehmer – denn die verheerenden Auffahrunfälle, in die übermüdete Brummifahrer verwickelt sind, sprechen eine deutliche Sprache.

"Hier spricht leider in vielen Fällen der Verdacht auch dafür, dass die Lkw-Fahrer von ihren Firmen und Arbeitgebern unter Druck gesetzt werden, letztendlich ihre Ruhezeiten nicht einzuhalten, damit sie schneller mit ihrem Lkw am Ziel ankommen. Und das ist unverantwortlich."

Joachim Herrmann, bayerischer Innenminister zu den gehäuften Lkw-Unfällen

Nicht deutlich genug: Selbst wenn der bayerische Innenminister sich über den Druck auf die Fahrer bereits kritisch äußerte, sieht sein Ministerium auf Anfrage „keine Notwendigkeit für eine Ausweitung von Schwerverkehrskontrollen“.

Zahlen und Fakten

70,3 % aller Güter werden mit dem Lkw transportiert

Bis 2025 soll der Güterverkehr um 70 % zunehmen

1,3 Millionen Lkws sind jetzt schon täglich unterwegs

Die Kosten der Straße pro Tonnenkilometer sind fünfmal so hoch wie auf den Schienen

Die deutschen Kontrollen

Doch wer kontrolliert eigentlich was? Die Zuständigkeiten sind auf vier Behörden verteilt: Die Polizei ist unter anderem zuständig für Verkehrssicherheit, Lenk- und Ruhezeiten. Das Bundesamt für Güterverkehr kümmert sich um Maut, Lenk- und Ruhezeiten und die Ladungssicherung. Der Zoll hat einen Blick auf die Schwarzarbeit und den Mindestlohn. Das Gewerbeaufsichtsamt ist schließlich zuständig für Arbeitszeitverstöße, Lizenzen und Gewerbescheine in Betrieben. Diese Aufteilung führt leicht dazu, dass der Gesamtüberblick verloren geht. Und Verstöße gegen die Sozialvorschriften werden in Deutschland fast gar nicht geahndet, klagt manch deutscher Lkw-Fahrer.

Konkurrenzlos billig

Platooning

Die nächste Stärkung des Güterlastverkehrs auf der Straße ist  „Platooning“ – vernetzt fahrende Lkws, die derzeit von der Autoindustrie als Vorstufe zum autonomen Fahren gefeiert werden. Auf den Schienen ist das autonome Fahren nicht erwünscht.

Bleibt die Frage: Warum werden die Betrügereien der Logistikbranche auf deutschem Boden nicht strenger geahndet? Wäre das am Ende schlecht für den „Exportweltmeister“? Gehen hier wirtschaftliche Interessen vor? Sogar im Bundesverkehrsministerium propagiert man möglichst „minimale Kosten“ im Zusammenhang mit Güterverkehr und Logistik. Um das immer weiter zu optimieren, wurde mittlerweile sogar die Lkw-Maut gesenkt. Und Gigaliner - überlange Lkws - nach einer vierjährigen Testphase auf Antreiben des Verkehrsministeriums zugelassen. Und dies gegen die Empfehlungen des Umweltministeriums. Eines ist klar: Der Lkw ist mittlerweile in Deutschland zum konkurrenzlos billigen Transportmittel geworden.

Verdeckte Recherchen in der deutschen Logistikbranche

Andreas Mossyrsch leitet den Transportverband Camion Pro. Er recherchiert und sammelt Beweise dafür, dass osteuropäische Fahrer zu Dumpingpreisen arbeiten. Und wie die Branche sonst so tickt. Sein Verdacht: selbst namhafte deutsche Speditionen profitieren vom Sozialdumping. Um dem nachzugehen, hat er vor einem Jahr eine Reise nach Bukarest unternommen – denn hier haben auch deutsche Großlogistiker ihren Sitz. Zuvor hatte Mossyrsch eine Scheinfirma gegründet und sich mit den deutschen Firmen unterhalten. Das Ergebnis: Über das Lohndumping, das Umgehen der Gesetze und Vorschriften wird in der Branche offen geredet.

Delikat: Auch der deutsche Großlogistiker DB Schenker Logistik - eine Bundesbahntochter - fordert bei Mossyrsch als potentiellen Subunternehmer keine Nachweise, dass den Mitarbeitern der Mindestlohn bezahlt wird. Schriftlich jedoch teilt Firma Schenker auf Anfrage danach mit, dass nur geprüfte Unternehmen bei ihnen zum Einsatz kämen. Mit Einschränkungen: Eine Einzelnachüberprüfung jedes Unternehmens sei aufgrund der Menge von 30.000 beschäftigten Unternehmen nicht möglich. Laut EU-Verordnung hat der Auftraggeber jedoch eine Mitverantwortung.

Bahn – zwischen Abbau und Förderung

Da kann selbst die Bahn nicht mehr mithalten. Und das, obwohl einiges für die Bahn spräche: Schienen sind sicherer als Straßen. Und umweltfreundlicher. Dennoch wurden in den letzten Jahren hunderte Güterverladestellen geschlossen, Stellen abgebaut, Strecken stillgelegt. Und so geht es munter weiter. Die Begründung für den Abbau: fehlende Wirtschaftlichkeit. Seltsam wirken vor diesem Hintergrund die Aussagen der Politik: Hier spricht man davon, den Güterverkehr wieder auf die Schienen zu setzen. Es soll kräftig investiert werden, betont das Bundesverkehrsministerium – rund 112 Milliarden werden reingepumpt, so verspricht es der Verkehrswegeplan 2030. Doch sieht man sich die Zahlen weiter an, fällt auf, dass in die Straße noch mehr investiert wird. Eine echte Kehrtwende sieht anders aus.

Was die Nachbarn tun ...

Belgien

In Belgien gelingt es einem Mann, die Tricksereien der Spediteure effektiv zu verfolgen. Hauptinspekteur Raymond Lausberg hat erkannt, dass nicht nur Tempo- oder Ladungsüberschreitungen, sondern auch die Einhaltung der Sozialvorschriften wichtig sind für die Verkehrssicherheit. So überprüft er die Ausdrucke der digitalen Tachos und die Angaben der Fahrerkarte, stellt damit Lenk- und Ruhezeiten fest – inklusive Anreise. Er lässt kein Schlupfloch offen und kennt alle Tricks. Ihn ärgert, dass es zwar genügend EU-Verordnungen gibt, um Missstände zu unterbinden, jedoch die Mitgliederstaaten diese nicht zwingend kontrollieren müssen. In Belgien ist man strenger. Hier ist es mittlerweile auch strafbar, wenn der Fahrer seine wöchentliche Ruhezeit im Lkw verbringt. Damit soll das Nomadentum auf der Straße unterbunden werden.

Österreich

In Österreich bringt man den Verkehr von den Straßen auf die Schienen – damit ist unser Nachbarland mit Abstand führend in der EU. Lkw-Fahrer haben die Möglichkeit, sofort nach der Grenze auf der Inntalautobahn die „rollende Landstraße“ zu nutzen - einen Zug, der ausschließlich Laster durch das Inntal bis nach Italien bringt. Nicht jeder Brummi-Fahrer nutzt diese Transportart allerdings freiwillig: Bei den Kontrollen, die direkt nach der Grenze stattfinden, werden überladene Laster aber auch Fahrer, die ihre Ruhezeiten nicht eingehalten haben, aus dem Verkehr gezogen – oder aber auf die Schienen gesetzt. Ganz legal geht es dann für Brummi und Ladung weiter. Optimal sei das noch nicht, sagt Ekkehard Allinger-Csollich von der Tiroler Verkehrsplanung. Besser wäre es, die Waren würden gleich auf die Schienen, statt auf die Straße gesetzt.


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