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Gefährliche Allianz Grüne Esoterik und braune Philosophie?

Die Esoterikszene ist für manche vielleicht etwas verwunderlich: Sie glaubt an Übernatürliches, predigt Liebe und fordert die Rückbesinnung auf altes Wissen. Die meisten halten sie für unpolitisch. Aber ist sie das wirklich? Bei genauem Hinsehen findet man in dieser Szene auch politische Inhalte und immer öfter sogar extremes und antisemitisches Gedankengut.

Von: Susanne Roser

Stand: 16.06.2017

Neue Perspektiven im Leben, Besinnen auf alte Werte, als Selbstversorger im Einklang mit der Natur leben, Frieden und Freiheit, Erleuchtung. Das alles sind schöne Visionen, die man in der Welt der Esoterik antrifft – und die definitiv ihre Berechtigung haben. Doch manche der Theorien, die in der Esoterik-Szene laut werden, klingen anders und fast verstörend. Historikern kommen sie allzu bekannt vor.

Völkisches – getarnt als alternative Lebensweise

Es werden Mythen gesponnen, Thesen aufgestellt und Themen aufgerollt, wie sie bereits im Dritten Reich und noch heute in der rechten Szene verbreitet werden. Völkisches - schön eingewoben in das ansonsten alternativ anmutende Lebensbild. Auch Vertreter der berüchtigten Reichsbürger-Bewegung docken an der Esoterik an. Verschwörungstheorien werden aufgestellt, Sündenböcke auserkoren. Doch wie kann es sein, dass die Esoterik-Szene von außen unbemerkt unterwandert wurde – und nahezu ungehindert spirituell verpacktes rechtes Gedankengut verbreiten kann?

Anastasias Botschaft

Anastasia ist eine Kunstfigur, erfunden von dem russischen Autors Wladimir Megre. In insgesamt zehn Bänden mit dem Titel „Die klingenden Zedern Russlands“ erzählt er von einer angeblich hellsichtigen Frau, die in der Taiga lebt. Dank ihres übersinnlichen Wissens könne sie mit der Natur kommunizieren und sogar Tiere verstehen. Anastasia preist neben einer übersteigerten Naturmystik auch die Rückbesinnung auf die eigenen geschichtlichen Wurzeln. So berichtet sie über die slawisch arischen „Wedrussen“ – das angeblich älteste Volk der Welt: Weiße Menschen überall auf der Welt – jeder mit einer Aufgabe. Sie propagiert das Selbstversorgerleben auf eigenem Land, allerdings ganz nach alten traditionellen Rollenbildern. Technik und Fortschritt gelten in den Büchern als die Wurzel allen Übels und führen in den Abgrund. Mittlerweile sind Anastasias Botschaften auch in Deutschland angekommen. Ein Sprachrohr der Bewegung ist die Zeitschrift mit dem Namen „Garten Weden“. Hier entdeckt man zwischen den Artikeln über mystische Naturromantik schön verpackt ein düsteres Weltbild voller böser Mächte mit finsteren Plänen. So wird beispielsweise die Demokratie als Regierungsform eines Dämons bezeichnet, der das Geldsystem erfunden habe. Und es finden sich auch antisemitische Stereotype, wonach die Juden an allem schuld seien.

Überwachung?

Verbreitet wird das Gedankengut auf Kongressen und Veranstaltungen, aber auch über die sogenannten „Alternativen Medien“. Diese behaupten von sich, die unterdrückten Wahrheiten zu verkünden. Was sagt der Verfassungsschutz dazu?

"Wir beobachten selbstverständlich nicht alle Alternativen Medien, alle Blogs und was es da gibt. Aber wir sehen, dass sich zunehmend Menschen in solchen Alternativen Medien einmauern, sage ich jetzt einmal, das heißt. sich exklusiv dort informieren in Blogs, in sozialen Netzwerken, sich dort nur noch mit Gleichgesinnten umgeben. Und das führt dazu, dass die Anschlussfähigkeit leidet, dass man sich ​gar nicht mehr austauschen mag mit Personen, die anderer Meinung sind, die andere Weltbilder haben. Und das ist nicht unproblematisch für eine Demokratie."

Markus Schäfert, Bayerischer Verfassungsschutz

Immer mehr Reichsbürger in der Esoterik

Wird die esoterisch geprägte Verschwörungsszene unterschätzt, in der sich offensichtlich auch immer mehr Reichsbürger tummeln? Jedenfalls sind auffällig häufig Reichsbürger auch Esoteriker – und sie streuen ihr Gedankengut in esoterischen Publikationen und Vorträgen. Die politische Einschätzung hierzu klingt beinahe sorglos.

"Wir sind ja dabei, insgesamt mal einen Überblick zu verschaffen, wie viele solcher Reichsbürger es z.B. im Freistaat Bayern gibt. Wir haben jetzt über 2100 identifiziert, es sind noch über 2000 weitere Fälle, die überprüft werden. Das ist mehr, als wir ursprünglich gedacht haben. Aber bezogen auf die Gesamtbevölkerung von 12,5 Millionen Menschen in Bayern, ist es auch keine Massenbewegung."

Bayerischer Innenminister Joachim Herrmann

Schweigende Bevölkerung

"Das muss man auf jeden Fall sehr betonen, dass nicht sämtliche Anhänger der Bücher oder Leute, die sich dieser Szene zuordnen, rechtsextrem sind oder rassistische Gedanken haben oder was auch immer. Sondern in der Szene sind eben Personen, die allerdings auch ziemlich akzeptiert werden, deren rassistische Äußerungen toleriert werden."

Marius Hellwig, Rechtsextremismus-Experte Amadeu-Antonio-Stiftung

Bislang gab es eine einzige Demonstration gegen Reichsbürger in Deutschland – organisiert im Allgäu, genauer gesagt in Bolsterlang. Möglicherweise könnte sich das jedoch ändern, denn derzeit wird immer deutlicher, dass sich die esoterischen Reichsbürger einen weiteren Wirkungskreis auserkoren haben. Einen äußerst sensiblen.

Waldorfschulen im Visier

Es sind freie Schulen, im Speziellen Waldorfschulen. Warum? Erklärungsversuche aus der Vorstandschaft der Schulen: Reichsbürger verspüren eine gewisse Nähe zu den Themen der Anthroposophen-Welt – wie etwa ökologische Landwirtschaft, bedingungsloses Grundeinkommen, direkte Demokratie oder freie Schulen. Ein Schock für Eltern und Lehrerkollegium an den Waldorfschulen, an denen bereits Reichsbürger in Erscheinung getreten sind.

"Das war für mich ein großer Lernprozess wie die Rechte Szene funktioniert und dass eine Tätigkeit an einer Schule auch Teil einer rechten Strategie ist. Nämlich, dass man versucht, eine Person an einer ​Schule zu installieren, um so langsam Strukturen innerhalb von Schulen und auch von Bildung zu schaffen, die den Zielen der rechten Szene gefallen." Susanne Eisch, betroffene Mutter einer Waldorf-Schülerin

Unser Fazit

Wie kann man sich also als Gesellschaft dagegen wappnen, von antidemokratischen Kräften unterwandert zu werden? Braucht es mehr Überwachung, härtere Strafen und strengere Gesetze? Eines ist klar: Esoterische Weltanschauung zu verbieten ist nicht möglich. Doch man muss die Menschen dafür sensibilisieren, dass dahinter nicht alles nur eine belanglose Weltanschauung ist – sondern, dass mehr dahinterstecken kann.


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