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Soldaten - verzweifelt gesucht! Nachwuchsprobleme bei der Bundeswehr

Anfang des Jahres wurde die Bundeswehr von einer Reihe von Skandalen erschüttert. Geschichten von entwürdigenden Aufnahmeritualen, sexuellen Übergriffen und rechtsextremen Vorfällen. Seitdem stellt sich Frage: Was läuft schief in Deutschlands Berufsarmee?

Stand: 25.07.2017

In den letzten Jahren haben die Belastungen der deutschen Truppe deutlich zugenommen: In Auslandseinsätze ist die Bundeswehr teilweise in gefährlicher Mission unterwegs, in der die Männer und Frauen immer wieder ihr Leben aufs Spiel setzen.

Personal gesucht!

Und trotzdem oder gerade deswegen müssen jedes Jahr mindestens 20.000 Bewerber rekrutiert werden. Schließlich soll die Bundeswehr massiv aufgestockt werden, nachdem die Truppe jahrelang kontinuierlich verkleinert worden war.

"Wir haben immer runtergeschraubt und gekürzt, auch aus finanziellen Gründen immer gekürzt. Und jetzt sind wir in einer Lage, wo wir das erste Mal in der Geschichte der Bundeswehr Personal brauchen. Insofern haben wir natürlich schon einen Mangel, weil wir erst mal den neuen Bedarf decken müssen. Das ist nicht so einfach: Demografie und was da alles eine Rolle spielt. Das ist nicht so einfach, die richtigen Leute, die geeigneten Leute auf die Dienstplätze zu kriegen."

Dirk Klages, Personalgewinnungsoffizier

Anforderungen an Nachwuchs zurückgeschraubt

Jetzt sind also die Personalgewinnungsoffiziere gefragt. Sie sollen die neuen Bewerber positiv einstimmen, schließlich sollen sich möglichst viele nach Bestehen der Prüfung auch verpflichten. Längst wurden die Anforderungen an den Nachwuchs gesenkt. Auch Schulabbrecher können sich mittlerweile bei der Truppe bewerben. Und selbst bei den körperlichen Anforderungen macht die Bundeswehr mittlerweile Abstriche.

Auswahlkriterien

In einer zweitägigen Prüfung wird getestet, ob die Bewerber körperlich und mental für den Dienst an der Waffe geeignet sind. Wichtig: Wie stehen sie zu unserer freiheitlich-demokratischen Grundordnung? Wie ist die politische Gesinnung? Sind sie charakterlich geeignet Menschen zu führen? Wie steht's mit der Belastbarkeit?

"Ich brauche hier Leute mit klarem Verstand, die sehr sensibel sind im Umgang mit der Waffe und wissen, wann sie die Waffe einzusetzen haben - nämlich nur im absoluten Notfall, wenn ich selber mit Leib und Leben bedroht bin. Und ich brauch hier keinen, der hierherkommt, weil er gern einmal die Waffe benutzen möchte. Die versuchen wir rauszufiltern. Die sind meistens stolz drauf und sagen das dann, weil sie glauben, 'Die wollen mich ja, die brauchen mich ja' - und die sind meistens sehr enttäuscht, weil sie durch die Prüfungen fallen und definitiv nicht genommen werden."

Dirk Klages, Hauptmann

Gesinnung prüfen?

Franco A.

Der Fall Franco A. in jüngster Zeit spricht nicht dafür, dass extreme Gesinnungen in der Bundeswehr verfolgt werden: Mit rechtsextremer Gesinnung und als syrischer Flüchtling getarnt, hat Franco A. offenbar einen Terroranschlag geplant – um den Verdacht auf Asylbewerber zu lenken. Die rechtsextreme Gesinnung von Franco A. war seit Jahren bekannt – seine Masterarbeit war eindeutig rechtsextrem eingefärbt. Doch die vorgesetzten Offiziere haben alle Warnzeichen ignoriert – und nichts an den Militärischen Abschirmdienst (MAD) weitergeleitet.

Während körperliche Fitness einfach zu messen ist, bleibt es schwierig, die politische Gesinnung der Bewerber zu prüfen. Nur mit Hilfe von Gesprächen konnten bislang Rechts- und Linksextremisten, Islamisten und Waffennarren innerhalb der Bewerber aussortiert werden. Immer wieder versuchen Islamisten und Rechtsextreme über die Bundeswehr an Waffen zu gelangen. Deswegen wird in der Truppe Aufklärung und politische Bildung großgeschrieben. Alle extremen Gesinnungen werden aus der Truppe entfernt. Heißt es zumindest. Immerhin: Die Meldungen rechtsextremer Vorfälle haben enorm zugenommen.

"Es gibt sicher auch Offiziere, die von ihrer Gesinnung her am Rand des demokratischen Spektrums stehen. Am Rand geht's noch, jenseits des Randes geht es nicht. Das ist aber auch nicht anders als in unserer ganzen Gesellschaft in den letzten Jahren eine Bewegung – auch bei Wahlen – eher nach rechts. Das wäre komisch, wenn das die Bundeswehr in keiner Weise berührt hätte. Nur sollte man in der Bundeswehr Mechanismen haben, damit besser fertig zu werden als in der Gesamtgesellschaft. Denn die Bundeswehr ist ja die Institution, die angetreten ist, die Freiheit zu verteidigen. Und wer Freiheit und Demokratie verächtlich macht und bekämpfen will, der kann nicht Soldat in der Bundeswehr sein."

Hans-Peter Bartels, Wehrbeauftragter des Bundestages

Ein Rechtsruck der Bundeswehr kann nicht mehr geleugnet werden. Aufklärungskampagnen sind deswegen bereits angesetzt worden. Und auch der MAD hat nun mehr Kompetenzen bekommen: Alle Bundeswehrbewerber werden nun ausnahmslos einer Sicherheitsprüfung unterzogen, bei der auch Daten vom Verfassungsschutz und vom Bundeskriminalamt mit herangezogen werden können. Bislang durften nur bereits eingestellte Soldaten gecheckt werden, und zwar dann, wenn sie in besonders sensiblen Bereichen eingesetzt werden.

Minderjährige werden angeworben

Trotzdem: Wird vieles ignoriert, weil die Bundeswehr dringend Nachwuchs braucht? Das Alter spielt bei der Rekrutierung zumindest keine große Rolle mehr: Minderjährige werden bei der Bundeswehr massiv angeworben – für manche Politiker ein heikles Thema.

"Deutschland hat sich auch mit der Kinderrechtskonvention verpflichtet, eigentlich den Dienst in den Streitkräften erst mit 18 Jahren zu erlauben. Und deshalb beobachte ich auch mit großer Sorge, dass immer mehr getan wird, auch Minderjährige anzuwerben und anzusprechen. Ich glaube, man sollte schon erwarten, dass jemand volljährig ist, wenn er sich für so einen schwierigen Dienst entscheidet. Man kann nicht einfach die Anforderungen senken und jede oder jeden nehmen, denn das ist ein schwieriger Dienst. Dafür braucht es die Menschen mit den richtigen Fähigkeiten."

Agnieszka Brugger, Bundestagsabgeordnete Bündnis 90/Die Grünen

Skandale in der Bundeswehr

Was zieht aber gerade junge Menschen heutzutage in die Bundeswehr? Kameradschaft ist für viele das Stichwort. Doch das Bild von der guten Kameradschaft bei der Truppe bekommt gerade in jüngster Zeit immer wieder Risse: Mobbing- und Missbrauchsvorwürfe gibt es gegenüber Soldaten in Pfullendorf und Bad Reichenhall.

Ähnliche Skandale erschütterten schon einmal die Bundeswehr: So wurde im Jahr 2010 von bizarren Aufnahmerituale bei den Gebirgsjägern in Mittenwald berichtet – dem Schwesterbataillon von Bad Reichenhall. Neuankömmlinge hätten sich nackt ausziehen oder rohe Schweineleber essen müssen. Von „Ritualen“ wird auch heute immer wieder berichtet – allerdings von harmloseren, es handele sich um Albereien, heißt es, "wie auf einer Klassenfahrt". Doch was für den einen harmlos ist, empfindet der andere vielleicht als diskriminierend oder entwürdigend. Und was, wenn eine "harmlose Situation" kippt, es gar zu Gewalt kommt?

Gegensteuern mit Zivilcourage?

Viele Missbrauchsfälle melden die Soldaten gar nicht - auch aus falsch verstandener Kameradschaft. Das ist keine neue Erkenntnis. Doch die Führungsebene scheint daraus lange keine Konsequenzen gezogen zu haben. Die Skandalserie der letzten Monate hat aufgeschreckt. Man will jetzt gegensteuern: Zivilcourage soll helfen – nach dem Motto "Fass meine Kumpel nicht an". Doch reicht das?

Strukturelle Probleme

Es gibt ein strukturelles Problem in der Bundeswehr, denn sie ist zu einer Pendlerarmee geworden: Die Offiziere verlassen jeden Abend die Kasernen und fahren nach Hause. Die Vorgesetzten sind abends also nicht da, und die Soldaten sind jung. Sehr jung. Statt erfahrene Offiziere übernehmen Security-Services die Aufsicht, die gar nicht wissen, was bei der Armee erlaubt ist und was nicht.

Zahlen und Fakten

2011 wurde die Wehrpflicht in Deutschland abgeschafft.

Vor 10 Jahren hatte die Bundeswehr noch knapp 250.000 Soldaten, 2017 sind es ein gutes Viertel weniger - knapp 180.000.

Ab 17 Jahren darf man bei der Bundeswehr mit der Ausbildung beginnen.

Die Zahl der minderjährigen Soldaten hat sich seit Abschaffung der Wehrpflicht enorm erhöht: Im vergangenen Jahr waren 1.900 Minderjährige als Soldaten bei der Bundeswehr. 2011 waren es noch 689 minderjährige Soldaten.

20 Prozent der jungen Soldaten kündigen in der sechsmonatigen Probezeit.

In den letzten 5 Jahren wurden 20 islamistische Extremisten in der Bundeswehr identifiziert. Die Trefferquote des Militärischen Abschirmdienstes (MAD) bei der Erkennung von Extremisten liegt bei 10 Prozent.

2016 wurden beim MAD rund 270 rechtsextreme Vorfälle gemeldet. 2017 gab es bis Juni bereits 370 gemeldete Fälle.

Derzeit bestreitet die Bundeswehr 15 Auslandseinsätze.

3.200 deutsche Soldaten sind im Auslandseinsatz.

Seit über 14 Jahren ist die Bundeswehr in Afghanistan im Einsatz.

55 deutsche Soldaten haben in Afghanistan ihr Leben gelassen.


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