BR Fernsehen - Capriccio


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Der ewige Porsche Stolz und Vorurteil: der Porsche 911

Liebe fragt nicht, Liebe ist: Seit 54 Jahren weckt der Porsche 911 Sehnsucht und Missgunst. Jetzt ist der 1 Millionste Wagen vom Band gelaufen. Eine kleine Geschichte von Stolz und Vorurteilen.

Von: Laura Selz

Stand: 18.05.2017

Porsche Motor | Bild: Porsche

Der Porsche 911 erblickte am 12. September 1963 das Licht der Welt. Er war ein Kind der Liebe. Mit runden Augen, zierlichem Körper und 130 PS. Sieben Generationen später prägt der Porsche 911 eine Bilderwelt an Mythen, Emotionen und Klischees.

Er ist allgegenwärtig – und doch exklusiv. Jährlich laufen etwa 20.000 Porsche vom Band. Seit nunmehr 54 Jahren. Zum Vergleich: Pro Jahr werden etwa eine Million VW Golf produziert. Der Porsche 911 bleibt teuer. Ein Neuwagen kostet heute ab 90.000 Euro aufwärts. Und doch verkauft sich kein anderer Sportwagen so oft und so kontinuierlich wie er. Ein Klassiker, erworben um damit gesehen zu werden. Zumindest sind sich da die Liebhaber einig – wie zum Beispiel seinerzeit der Dirigent Herbert von Karajan, der sich in seiner Extravaganz von Porsche natürlich ein Sondermodell anfertigen ließ.

Der 911er als Organspender

Und doch: Von den heute eine Million Porsche 911 haben nur ungefähr 700.000 eine Straßenzulassung. Was mit den übrigen 300.000 passiert ist, bleibt ein Rätsel. Wurden sie ausgeschlachtet? Vergessen? Nicht auszumalen, was ihnen angetan wurde. „Wir müssen davon ausgehen, dass sie als Organspender missbraucht wurden“, sagt ein Pressesprecher Porsches und senkt die Stimme. So etwas schmerzt. Denn ein Porsche ist ja nicht einfach nur ein Auto. „Ich konnte den Wagen, von dem ich träumte, nicht finden: einen kleinen, leichten Sportwagen, der die Energie effizient nutzt. Also beschloss ich, ihn mir selbst zu bauen“, sagte Porsche-Gründer Ferdinand „Ferry“ Porsche. Sein Sohn Ferdinand Junior, genannt „Butzi“, entwickelte die Modelle weiter und schuf schließlich den 911. Sein ganzer Stolz! Und fortan auch der hunderttausender Männer.

Der Porsche - die ewige Mid-Life Crisis

88 Prozent der Porsche-Fahrer sind Männer. Denkt sie zu praktisch, zu kostengünstig, kurzum: zu rational? Ausgerechnet beim Porsche verzichtet Mann auf die Kosten-Nutzen Rechnung. Denn Liebe fragt nicht, Liebe ist. Nur wenige Frauen, wie Designerin Jil Sander oder die Geigerin Anne-Sophie Mutter haben genug Leichtsinn, in einen Porsche zu investieren. Die emotionalen Argumente überwiegen beim Porschekauf. Und so wurde das Klischee geboren: der Porsche – eine ewige Mid-Life Crisis. Porsche-Fahrer seien reiche Schnösel und egoistisch im Straßenverkehr - so der süffisante Kritiker. Und für Kinder biete das kleine Auto auch keinen Platz, höchstens für die Geliebte auf dem Beifahrersitz. Niveau sieht nur von unten aus wie Arroganz, mag da der Schnösel antworten. Man gönnt sich ja sonst nichts. Und fährt, mit einem flüchtigen Blick in den Rückspiegel, dem Sozialneid davon.

Auch Baader würde Porsche fahren

Doch auch als Fluchtauto eignet sich der Porsche 911 hervorragend, um Verfolgern zügig und doch stilvoll zu entkommen. Und zwar ungeachtet des politischen Spektrums. Da steht der Porsche nämlich drüber. Als Andreas Baader, Chef der Roten Armee Fraktion, sich im Frühjahr 1972 genötigt sah, ein Auto zu klauen, fiel seine Wahl auf einen Porsche 911 Targa. Man lebt schließlich nur einmal.

Heute wird der Porsche 911 aber längst von einem neuen Feindbild rational denkender Menschen abgelöst. Looking at you, SUV! Wie etwa der Porsche Cayenne SUV, der adipöse Neffe des 911er. Von Hamburg bis München verstopfen monströse SUVs die Straßen. Parken in zweiter Reihe oder gleich auf den Trambahn-Gleisen. Hochgerüstet und geschützt, so als ginge es gleich zur Expedition in den Irak, thront der vom Volumen seines Autos überforderte Fahrer über dem Straßengeschehen, auf der Suche nach Krabbensalat. Der Porsche 911 hingegen fährt nicht in Krisengebiete, dafür liegt er zu tief. Wohl aber meistert er eine Ralley durch Südfrankreich. Und einen Parkplatz vor der Oper findet er mühelos.


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