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Experten-Chat zu "Ein Teil von uns" Ihre Fragen zu Obdachlosigkeit und Sucht

In "Ein Teil von uns" spielen Jutta Hoffmann und Brigitte Hobmeier Mutter und Tochter: die Mutter ist obdachlos. Im Anschluss beantworteten Drehbuchautorin Esther Bernstorff und Dipl. Sozpäd. Ingrid Kipphardt Fragen zum Thema Sucht.

Stand: 28.10.2016

Ein Teil von uns | Bild: BR/Bernd Schuller

Darf ein Mensch gegen seinen Willen behandelt werden?

Ingrid Kipphardt: Eine Behandlung ist gegen den Willen des Betroffenen nur möglich mit richterlichem Beschluss. Bei Fremd- oder Selbstgefährdung ist eine Unterbringung in der Klinik gegen den Willen der Betroffenen möglich. Zwangseinweisung kann nur der letzte Schritt sein, wenn alle anderen Maßnahmen ohne Erfolg waren und die gesetzlichen Voraussetzungen vorliegen. Manchmal ist sie leider notwendig. Vielen Menschen konnte damit schon geholfen werden, Allheilmittel ist es aber nicht.

Esther Bernstorff: Die Ablehnung einer Behandlung gehört zu den Rechten eines jeden Menschen, auch wenn das für die Angehörigen oft sehr schwer auszuhalten ist.

Wo kann sich jemand hinwenden, der in einer ähnlichen Situation ist wie die Tochter im Film?

Ingrid Kipphardt ist Sozialpädagogin. In München ist sie die stellvertretende Leiterin eines Unterkunftsheimes.

Ingrid Kipphardt: Es gibt die großen Wohlfahrtsverbände, an die man sich wenden kann: Caritas, paritätischer Wohlfahrtsverband, Diakonie, Arbeiterwohlfahrt. Weitere Adressen hier.

Wie weit soll/muss man sich um seine alkoholabhängige Mutter kümmern und wann muss man sich abgrenzen?

Ingrid Kipphardt: Das kann man nicht grundsätzlich beantworten. Man muss sich abgrenzen, um sich selbst zu schützen. Auch therapeutische Hilfe für sich selbst holen. Wichtig ist, es aus Scham nicht zu verschweigen, sondern sich professionelle Hilfe zu holen.

Warum spricht der Film nicht die Möglichkeit einer gesetzlichen Betreuung an?

Esther Bernstorff: Wir haben darüber nachgedacht, aber Irene ist für mein Verständnis ein Charakter, der eine gesetzliche Betreuung niemals akzeptieren würde. Deshalb ist es letztlich immer an ihrer Tochter hängen geblieben.

Kommt so eine Frau nicht einfach in die Psychiatrie und ist dort dann aufgehoben?

Esther Bernstorff ist Drehbuchautorin. Sie lebt in Berlin.

Esther Bernstorff: Das sind leider nicht die Erfahrungen, die die betroffenen Frauen gemacht haben, mit denen wir gesprochen haben. Diejenigen, die in die Psychiatrie kamen, wurden dort meistens nur kurz medikamentös behandelt und dann wieder entlassen. Es gibt einige wenige Unterbringungen für psychisch kranke obdachlose Frauen mit sehr guter psychologischer Betreuung, aber es sind viel zu wenige.

Es gibt viele Kinder in ähnlichen Situationen, also von alkoholkranken und psychisch kranken Eltern - wie kann ihnen geholfen werden?

Ingrid Kipphardt: Kindern kann nur von außen geholfen werden. Durch andere Familienmitglieder, Nachbarn, Lehrern, Erzieherinnen. Und natürlich durch das Jugendamt.

Wo endet die Eigenverantwortung?

Ingrid Kipphardt: Das ist immer ein ganz schmaler Grat, wo Eigenverantwortlichkeit endet und staatliche Verantwortung beginnt. Wichtig ist, dass nach einer Unterbringung eine gute Nachsorge stattfindet. Dann ist in vielen Fällen ein selbstbestimmtes Leben wieder möglich.

Welche genaue Krankheit soll die Frau im Film haben?

Esther Bernstorff: Es war mir nicht daran gelegen, eine konkrete Diagnose zu stellen, sondern der Film soll Zustände starker Verzweiflung und Verletzbarkeit zeigen, die letztendlich bei allen Menschen möglich sind. Ich glaube die Darstellung von Jutta Hoffmann ist eben gerade deswegen so großartig, weil sie sich auf keine Diagnose reduzieren lässt. Sie hat wahnhafte Zustände, aber sie ist eben auch eine verletzliche, trotzige und auch starke Persönlichkeit, die nicht ins System passt und um Würde kämpft.

Wie soll man beispielsweise als Nachbar reagieren, wenn man so eine Familie nebenan beobachtet?

Ingrid Kipphardt: In so einem Fall müsste man das Jugendamt einschalten. Auch wenn man vielleicht Bedenken hat, dass die Nachbarn einen dann nicht mehr anschauen, es geht hier um das Kindeswohl. Man kann nicht als Nachbar oder als Freund die Verantwortung übernehmen, sondern man muss sie an die öffentlichen Stellen abgeben (hier z.B. an das Jugendamt, das zum Beispiel weitere Hilfen auch für die Mutter veranlassen kann).

Ist die Tochter im Film coabhängig?

Ingrid Kipphardt: Die Tochter ist nicht wirklich coabhängig, denn sie deckt das Verhalten der Mutter nicht und ihre Wohnungslosigkeit auch nicht. Sie sucht ganz gezielt Hilfe - sowohl professionell wie in der Familie - und wird leider alleine gelassen.

Angehörige fühlen sich oft schuldig oder empfinden Scham. Was tun?

Ingrid Kipphardt: Es ist wichtig für betroffene Angehörige, dass sie sich nicht schuldig fühlen an der Situation. Dazu ist es u.U. nötig, sich therapeutische Hilfe zu holen. Es ist durchaus hilfreich, sich von der betroffenen Person abzugrenzen - auch wenn es noch so schwer fällt.

Der Sohn wendet sich im Film ab, die Tochter wendet sich der Mutter zu. Was ist der bessere Weg?

Ingrid Kipphardt: In der Regel ist es das Beste, sich abzugrenzen und zu distanzieren. Oftmals bringt es die Betroffenen erst dazu, einen Schritt in Richtung Entzug und Therapie zu gehen, wenn sie alles verloren haben. Aber natürlich gibt es auch hierfür keine Garantie.

Wie verlief die Recherche zum Drehbuch?

Esther Bernstorff: Ich habe mit Angehörigen von psychisch Kranken gesprochen, die mir Ähnliches berichtet haben wie Sie jetzt. An Angehörige von Obdachlosen dagegen, sind wir in der Recherche nicht herangekommen. Da scheint es nochmal ein stärkeres Gefühl von Stigma und Schuld zu geben.


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