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Die schiefe Welt von Sibratsgfäll Wie Erdrutschungen ein Dorf im Bregenzerwald bewegen

Die Natur verändert sich ständig. Dass sich allerdings so viel tut wie in Sibratsgfäll im Vorderen Bregenzerwald in Vorarlberg, das ist nicht alltäglich: Das Gestein unter der Gemeinde auf knapp 1000 Metern Höhe, so genannter Flysch und Nagelfluh, ist 1999 ins Rutschen gekommen.

Von: Viktoria Wagensommer

Stand: 23.09.2017

Wie Erdrutschungen ein Dorf im Bregenzerwald bewegen | Bild: BR; Viktoria Wagensommer

Seitdem bewegen die Erdrutschungen das ganze Dorf. Für die rund 400 Einwohner ist das fatal, denn ihre Häuser sind zum Teil baufällig geworden, zum Teil sogar eingestürzt oder gehörig schief. Die schiefe Welt von Sibratsgfäll kann man besichtigen und sich dabei auch die bewegte Bergnatur rundum anschauen.

Das "Schiefe Haus" wird heute als Museum genutzt

Das schiefe Haus in Sibratsgfäll steht genauso schräg da, wie man es sich vorstellt: Die zum Tal gewandte Hausseite ist gut zwei Meter niedriger als die zum Hang gewandte Seite, ansonsten sieht das Haus völlig normal aus. Vor dem Haus gibt Konrad Stadelmann der Besuchergruppe einen Schnaps aus, um Mut zu machen, den spätestens im Haus fühlen sich alle aufgrund der Neigung ein wenig wie betrunken – machen wird sogar schwindlig, vor allem auf der Treppe. Die Bäume draußen wirken schief, wenn man aus dem Fenster schaut, Türen fallen von alleine zu, man gerät ständig ins Schwanken. Was heute ein interessantes Erlebnis ist, war für die Menschen 1999 eine Katastrophe. Dauerregen und die Schneeschmelze kamen damals zusammen, erklärt die Naturpark-Rangerin Carola Bauer und zeigt auf eine Kuhweide zwischen dem Feuerstätter Kopf und dem Renkknie, wo alles begann und heute noch die Anrißkante der Erdrutschbewegung zu sehen ist. Damals öffnete sich unter der Schneedecke ein Spalt, der aber nicht bemerkt wurde. Erst als die Häuser, Straßen und Wiesen in Bewegung gerieten, wurde das Ausmaß sicht- und spürbar.

Eine Besuchergruppe wurde durchs Museum geführt

Ein halbes Jahr lang ist eine 250 Fußballfelder große Fläche im Schneckentempo den Berg hinabgerutscht, das schiefe Haus hat sich besonders weit bewegt und ist 18 Meter weit gerutscht. Da es zwar schief, aber sicher steht, nutzen es die Sibratsgfäller als Museum, nachdem es der Besitzer dafür zur Verfügung gestellt hat. Auf Schautafeln werden im Museum alle 18 zerstörten Häuser dokumentiert, es sind alte Fotos zu sehen und ein Zeitrafferfilm des Erdrutsches. Der ehemalige Bürgermeister Konrad Stadelmann hat das Museum zusammen mit anderen Bürgern aufgebaut. Auf diese Weise will man mit der Vergangenheit leben lernen und auch damit, dass es aktuell noch weiterrutscht. Die Kirche bewegt sich eineinhalb bis zwei Zentimeter im Jahr, das Feuerwehrhaus drei Zentimeter, einzelne Häuser driften bis zu 20 Zentimeter ab. Weil der gesamte Siedlungsraum kontinuierlich in Bewegung ist, müssen die Häuser, so der Altbürgermeister, „schwimmen“ können.

Nach dem Erdrutsch

Mittlerweile werden das Wetter, der Wasserabfluss und viele weitere Faktoren mit einer Messstation genau überwacht. Inzwischen bauen die jungen Sibratsgfäller wieder im Ort und setzen auf sanften Tourismus und auf das, was die Natur aus den Erdbewegungen macht – neue Lebensräume für Pflanzen und Tiere. Sie lassen sich gut bei einer Bergtour auf den 1650 Meter hohen Feuerstätter Kopf entdecken. Zudem gibt es eine von der Gemeinde ausgeschilderte Geo-Runde, auf der an Info-Stationen die Erdbewegungen dargestellt und erklärt werden. Für eine Führung durch das schiefe Haus können sich Gruppen ab sechs Personen bei der Tourist-Info anmelden. Mehr Informationen gibt es unter www.sibra.at

Sibratsgfäll


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