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Erschließung oder Schutzraum Welche Möglichkeiten hat die Raumplanung in den Alpen?

Seit dem Bergsturz im Sommer am Piz Cengalo ist das Bergdorf Bondo in Graubünden unbewohnbar. Das Naturereignis hat wieder vor Augen geführt, von wie vielen Faktoren der Umgang mit der Landschaft in den Alpen abhängig ist. 120 Millionen Gäste besuchen jedes Jahr den Alpenraum, in dem rund 14 Millionen Menschen leben. Diese Zahlen machen auch deutlich, welche Ansprüche an die Alpen gestellt werden. Bei einer großen internationalen Tagung in Innsbruck war zum ersten Mal die Raumplanung in den Alpen das zentrale Thema.

Von: Georg Bayerle

Stand: 21.10.2017

Der Bergsturz Piz Cengalo | Bild: picture-alliance/dpa

Beispiel für katastrophale Entwicklungen gibt es in Tirol genügend. Ganz in der Nähe von Innsbruck herrscht im Zillertal an vielen Wochenenden das Verkehrschaos. Das war absehbar, sagt Peter Hasslacher, der über 30 Jahre lang für den Österreichischen Alpenverein die Raumplanung verfochten hat . Jetzt ist er Präsident der Alpenschutzkommission Cipra in Österreich und nennt ein Beispiel. Im Zillertal sind an manchen Wochenenden 20.000 bis 25.000 Autos unterwegs. Man habe versucht, mit einem Tunnel den Verkehr zu regeln, aber gleichzeitig die Kapazität der Lifte erweitert. Und jetzt kommt der große Hilfeschrei, weil es nicht funktioniert.

Wo das Tal komplett zersiedelt und übernutzt ist, da geht nichts mehr. Kleinbetriebe verschwinden, große Hotels und Resorts übernehmen die Regie. Die Dörfer als selbständige und lebendige Zentren funktionieren immer weniger. Orte wie das Zillertal stehen für Peter Hasslacher für ein komplettes Versagen der Politik in der Raumentwicklung der Alpen. Die Regionalplanung verstecke sich hinter den Gemeinden. Hier sei der bayerische Alpenplan ein bedeutendes Beispiel. Wenn mit der Entscheidung für den umstrittenen Bau einer Skischaukel am Riedberger Horn der Alpenplan ausgehebelt wird, dann bleibt das nicht ohne Folgen für Tirol. Denn Jahrzehntelang galt Bayern als positives Vorbild und der Alpenplan gar als international modellhaft.

Seit ein paar Jahren geht auch der Freistaat den Weg, die Raumordnung immer lockerer zu gestalten. Raumordnung ist unpopulär und alpenweit scheuen die Politiker das Thema. Gerade für die letzten Bollwerke der Natur kämpft Gerlind Weber als Naturschutzrätin in Vorarlberg. Sie verteidigt die letzte große Grünzone im verstädterten Rheintal südlich von Bregenz gegen wirtschaftliche Begehrlichkeiten. Zum Beispiel , indem Tabuzonen entwickelt werden die unberührt bleiben sollen. Auch bei Naherholungsgebieten, die viel genutzt werden, seien irgendwann Grenzen erreicht, sagt die frühere Leiterin der Raumplanung an der Universität Wien. Sie stellt der Politik in den dicht besiedelten Alpenländern ein schlechtes Zeugnis aus. Die totale Übernutzung habe Folgen, außerdem würden der Landwirtschaft Flächen entzogen. Die Bauern wiederrum intensivieren die verbliebenen Flächen mit massiver Düngung.

Blick auf Bondo, Graubünden am 28. August nach dem Bergsturz

Während sich die Spirale weiter beschleunigt, werfen Naturereignisse wie der Felssturz im schweizerischen Bondo Fragen nach der Zukunft auf. Der Generalsekretär der Alpenschutzkommission Cipra Österreich, Josef Essl vermisst auch im Hinblick auf steigende Naturgefahren die eigentlich notwendige Diskussion. Welche Täler kann man künftig noch erhalten, ist es überhaupt möglich, dauerhaft drohende Schäden mit Hilfe der Technik technisch abzuwehren oder lohnt sich das überhaupt.

Zwischen drohender Entsiedelung und Siedlungsüberdruck klafft die Spannweite. Und statt diese ureigenen Alpenprobleme in den Blick zu nehmen, droht weiterer Druck von außen. Bayerns Umweltministerin Ulrike Scharf hat seit Anfang Oktober den Vorsitz der so genannten EU-Alpenstrategie übernommen. Dabei werden die Alpen als ein zusammenhängender Großraum betrachtet von München, über Baden-Württemberg bis in die Lombardei. Schon werden gewaltige Straßenprojekte wie die „Alemania“, die von Belluno in Venetien über den Felbertauern nach München führen soll wieder aus der Schublade geholt, während die Planungen für den bayerischen Brennertunnelzulauf stocken.

Im Bild:  Schlammlawine in Oberstdorf - Schlammlawinen oder Muren sind eine Mischung aus Wasser, Geröll und Holz, die mit großer Wucht vom Berg ins Tal abgehen. | Bild: dpa-Bildfunk zum Artikel Mure und Bergsturz Wie Geröll- und Schlammlawinen entstehen

Schlammlawinen oder Muren sind eine Mischung aus Wasser, Geröll und Holz, die mit großer Wucht vom Berg ins Tal abgehen. Manchmal sprengt Wasser auch ganze Teile eines Berges: ein Bergsturz. Im Sommer ist Schlammlawinen- und Bergsturz-Saison. [mehr]


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