11

Klettersteig auf den Rigidalstock bei Engelberg Nebelfänger mit Aussichtsbank mitten in der Wand

Als Aussichtsgipfel hatte der Rigidalstock über dem schweizerischen Engelberg schon immer einen guten Namen. Schließlich reicht der Blick vom Alpenhauptkamm bis hinaus zu den Seen und ins Flachland. Als Klettersteiggipfel war der 2595 Meter hohe Berg nicht ganz so berühmt, denn die Ferrata dort hinauf galt als relativ anspruchslos. Das hat sich inzwischen geändert. Die Engelberger Bergführer haben einen zweiten Steig direkt durch die Westwand des Rigidalstocks angelegt. Nun ist eine Rundtour über den Gipfel möglich, die sportlichen Klettersteiggenuss vom Feinsten bietet.

Von: Folkert Lenz

Stand: 01.06.2017

Auf dem neuen Klettersteig am Rigidalstock bei Engelberg | Bild: BR; Folkert Lenz

Zunächst ist es eine Bergtour im Blindflug: Die grasigen Almen oberhalb von Engelberg, die steilen Wiesen darüber, die Kalkfelsen nochmals eine Etage höher – alles wirkt wie in Watte verpackt. Wolken wabern, nur hier und da spitzt eine der markanten Felsnadeln aus dem Nebel. Kuhglockenklang aus dem Tal beweist, dass es außer den Kletterern hier noch andere Lebewesen gibt, auch wenn von ihnen nichts zu sehen ist. Der Rigidalstock macht seinem Ruf als Nebelfänger mal wieder alle Ehre. Bei stabilem Hochdruck hätte man natürlich wunderbares Wetter und Fernsicht. Aber wenn es thermisch wird und feuchte Luft die Wolken anheizt, dann bildet sich schnell zäher Nebel, sagt Thomas Küng beim Steigen auf dem rutschigen Pfad. Er muss es wissen, denn der Rigidalstock ist quasi der Hausberg des Chefs der Brunnibahnen.

Auftauchen: Der Rigidalstock gilt als Nebelfänger

Die Überschreitung des Gipfels in der Zentralschweiz beginnt an der Bergstation des alten Sesselliftes unterm Brunnistöckli. Eine knappe Stunde dauert es bis die Drahtseile, die durch die Rigidal-West-Wand führen, erreicht sind. Glück gehabt - beim Anziehen der Sicherungsgurte lichtet sich der Nebel. Massig wirkt der Gipfelaufbau nun. Die Ferrata zieht sich direkt durch die steilsten Passagen der Wandflucht. Thomas Küng warnt davor, den hochalpinen Kletterpfad zu unterschätzen. Er ist schwieriger als er aussieht.

Gemssprung: Kein Tier weit und breit zu sehen

Wir passieren einen Gemssprung, eine Munggenrutsche und einen Zwergenweg. Dann geht es über den Adlerhorst zum Gipfel des Rigidalstocks. Diese Namen wurden aus Sicherheitsgründen eingeführt, damit sich Klettersteiggeher, wenn sie nicht mehr weiterkommen, mit exakter Ortsangabe melden können. Zwerge, Murmeltiere oder Gemsen begegnen einem zwar nicht auf dem Klettersteig, dafür hilft reichlich Eisen die Vertikale zu meistern. Neben dem Drahtseil weisen Stahlbügel den Weg, wenn es sonst zu schwierig werden würde. Zeigt der Fels allerdings selbst Griffe und Tritte, dann muss man diese nutzen - eine sportliche Kombination aus Stein und Eisen. Schnell gewinnt man an Höhe und bald ist eine solide hölzerne Aussichtsbank erreicht – mitten in der Wand!

Verschnaufen: Der Heli hat die Bank gebracht

Auf der anderen Talseite tauchen jetzt die schmutzigen Gletscher an den Spitzen von Wendenstöcken und Titlis auf. Ihr blendendes Weiß haben die Firnflächen längst verloren. Wenig später verschwinden die Drahtseile in einem Felsspalt. Es geht in einen engen stockfinsteren Stollen, die Adleraugen-Höhle. Nur mit Tasten geht es vorwärts. Die kleine Schutzhöhle auf 2505 Metern liegt noch ungefähr hundert Meter unterhalb des Gipfels und ist die höchstgelegene bekannte Höhle hier in der Gegend. Sie ist nicht sehr tief, bietet aber bei Regen einen guten Schutz. Durch ein weiteres Loch kann man diesen Felsspalt wieder verlassen.

Nebulös: Der Rigidalstock-Gipfel

Eine luftige Passage kündigt nun das Finale an. Beherztes Zupacken an den Stahlbügeln ist noch einmal nötig, dann leitet das Drahtseil die Klettersteiggeher in flacheres Gelände. Über Schrofen ist schnell der Grat erreicht und dann das große Holzkreuz auf dem Rigidalstock. Schon für den Ausblick auf die Gipfel von Rigi, Pilatus und Stanserhorn hat sich die Tour gelohnt. Tief unten schillert der Vierwaldstätter See durch den Dunst herauf. Der Wettlauf mit den Wolken ist gewonnen. Erst beim Abstieg geht es wieder hinein in das Wattemeer.

Der Rigidalstock bei Engelberg


11